So beeinflusste Israel das ESC-Voting – und so soll es dieses Jahr verhindert werden
Am Dienstagabend um 21 Uhr lief das erste Halbfinale des diesjährigen Eurovision Songcontests in Wien. Mit dabei war der israelische Sänger Noam Bettan mit seinem Beitrag «Michelle». Dass die Teilnahme Israels am Musikwettbewerb nicht unumstritten ist, zeigt alleine schon der Umstand, dass der israelische Sänger sich in der Generalprobe ausbuhen liess, um sich auf seinen Live-Auftritt vorzubereiten.
Bereits im letzten Dezember gaben die Rundfunkanstalten der Länder Spanien, Irland, Island, Slowenien und der Niederlande bekannt, die diesjährige Austragung zu boykottieren. Die nationalen Sendeanstalten, welche den Auftritt ihres Landes organisieren und verantworten, reagierten damit auf den Nichtausschluss Israels vom diesjährigen ESC in Wien.
Demnach war auch in der Fernsehübertragung vor und während des Auftritts von Noam Bettan ein Zwischenrufer mit der Parole «Stop Genocide!» zu hören. «Die Person wurde später, nach weiterem Störverhalten und mehrmaligem Auffordern, dies zu unterlassen, aus der Halle gebracht», heisst es in einem Statement des ORF und der Rundfunkunion EBU.
Der ORF überträgt einen ungefilterten Audiofeed aus der Halle, und die betreffende Person habe sich in der direkten Nähe eines Mikrofons befunden. Dabei war der Zwischenrufer nicht der Einzige, der das ESC-Venue während des 1. Halbfinales verlassen musste. «Drei weitere Personen wurden ebenfalls wegen störenden Verhaltens und Nicht-Einhaltens der Hausordnung der Halle verwiesen», heisst es weiter. (sda/apa)
Gestützt auf den Bericht einer UN-Kommission, welche Israel vorwirft, im Gazastreifen einen Genozid zu begehen, spricht der spanische Kulturminister Ernest Ultasun gegenüber der englischen Zeitung «Guardian» von einer richtigen Entscheidung: «Man kann Israel angesichts des Völkermords in Gaza nicht beschönigen. Kultur sollte auf der Seite von Frieden und Gerechtigkeit stehen.»
ESC-Beitrag als staatliche Imagekampagne
Damit spricht der spanische Minister an, was Teil der Kritik vieler Aktivistinnen und Aktivisten, aber auch Politikerinnen und Politiker sowie Kulturschaffenden ist. Nämlich, dass die Regierung Nethanjahus als aktive Kriegspartei den ESC-Auftritt instrumentalisiere, um das öffentlich stark angekratzte Image Israels aufzubessern. Soft Power nennt sich diese Form der subtilen staatlichen Beeinflussung im Polit-Jargon. Jüngste Recherchen der «New York Times» zeigen nun erstmals das Ausmass der Einflussnahme der israelischen Regierung auf den internationalen Gesangswettbewerb.
Der «Times»-Redaktion vorliegende interne Dokumente und Erkenntnisse aus Gesprächen mit über 50 Personen zeigen, dass Israel bereits seit Jahren viel Geld und diplomatische Mühen in ein erfolgreiches Abschneiden seines Gesangsbeitrags investiert. Laut israelischen Offiziellen, welche anonym bleiben wollen, solle ein starker Auftritt am ESC dafür sorgen, dass Israel in der europäischen Öffentlichkeit an Beliebtheit gewinne.
Bis zu 1 Million Dollar für Werbung
Beim ESC in Malmö vor zwei Jahren habe die israelische Regierung sich dies gemäss den Zahlen einer staatlichen israelischen Werbeagentur rund 800'000 Dollar kosten lassen. Der Grossteil des Geldes, welches vor allem in Social-Media-Kampagnen investiert wurde, solle dabei vom Aussenministerium bereitgestellt worden sein. Ein Teil der Gelder komme auch vom Wahlkampfbüro des Premierministers.
Für den Auftritt im letzten Jahr soll die Regierung Nethanjahus gar eine Million Dollar aufgewendet haben, wie der «New York Times» vorliegende Finanzdokumente zeigen sollen. Auf Anfrage der US-Zeitung teilte der israelische öffentlich-rechtliche Sender Kan, welcher den Auftritt Israels verantwortet wird, dass er keine Kenntnisse von staatlichen Werbekampagnen habe. Der Direktor des Eurovision Song Contest, Martin Green, bezeichnete in einem Interview das israelische Vorgehen im letzten Jahr als «übertrieben». Einen Einfluss auf das überraschend gute Abschneiden des israelischen Beitrags hätte dies jedoch nicht gehabt.
Gleichzeitig kündete der ESC-Direktor im letzten November strengere Regeln für die Stimmabgabe und staatliche Werbekampagnen an, welche nun in Wien zur Anwendung kommen. Er bezweifelte aber, dass die israelische Einflussnahme einen Effekt auf die Resultate gehabt haben soll. Die Auswertung der «New York Times» lässt jedoch Zweifel an dieser Betrachtung aufkommen.
Wahlsystem anfällig für Einflussnahme
So analysierten die Journalistinnen und Journalisten die spanischen Abstimmungsdaten zum letztjährigen Wettbewerb, wobei Israel mit grossem Abstand am meisten Publikumsstimmen erhielt. In Zahlen rund 47'000 Stimmen, auf dem zweiten Platz folgte die Ukraine mit rund 9000 Stimmen. Ein erdrutschartiger Sieg, der für Erstaunen sorgte in Anbetracht der israelkritischen Haltung in weiten Teilen der spanischen Bevölkerung.
Ausschlaggebend für das Resultat war wohl der Abstimmungsmechanismus, der es den Zuschauenden erlaubte, bis zu 20 Stimmen pro Person abzugeben. Dadurch reicht eine verhältnismässig geringe Anzahl von wenigen Tausend Wählerinnen und Wählern aus, die mehrfach abstimmen, um das vorliegende Resultat zu erzielen.
Um diese Mehrfach-Stimmen zu sichern, schaltete die israelische Regierung gemäss der «New York Times» diverse Online-Kampagnen. Diplomaten und Interessensgruppen in ganz Europa warben um die Stimmen und auch Netanjahu forderte auf Instagram seine Follower und Followerinnen auf, 20 Mal abzustimmen.
Achiya Schatz, Direktor der israelischen Desinformations-Beobachtungsstelle FakeReporter spricht gegenüber der «New York Times» von einer «klar koordinierten und finanzierten digitalen Kampagne Israels, um Unterstützung zu mobilisieren». Da in manchen Ländern nur wenige hundert Menschen abstimmen, zeigte sich das Wahlsystem anfällig für solche legalen, jedoch umstrittenen Einflussnahmen.
Regeländerungen nach Kritik
Der ESC-Direktor Martin Green bezeichnet in einem weiteren Artikel der «New York Times» den Erfolg Israels als das Ergebnis einer «motivierten Diaspora» und eines grossartigen Songs. Er verweist dabei auf die Jury-Stimmen, welche 50 Prozent des Endresultates ausmachen und eine Manipulation durch das Publikums-Voting verunmöglichen sollen.
Die Kritik scheint jedoch auch bei den ESC-Organisatoren angekommen zu sein. So können in diesem Jahr nur noch zehn Stimmen pro Person abgegeben werden. Anders als im Vorjahr zählen bereits im Halbfinale die Jurystimmen zur Gesamtwertung dazu. Ebenfalls wurde die Jury von sieben auf zehn Personen aufgestockt. Neu sind auch «unverhältnismässige» Werbekampagnen durch «Drittpersonen, einschliesslich Regierungen» explizit verboten.
