Putins Militärparade: Bild eines Ex-Ministers lässt Fassade bröckeln
Der Tag des Sieges blieb für den modernen russischen Menschen lange Zeit ein «Feiertag mit Tränen in den Augen», wie der sowjetische Sänger Iosif Kobzon einst sang. In grossen Städten und kleinen Dörfern besuchten die Menschen Veteranen und brachten ihnen Geschenke. Es war ein Tag, an dem die jüngere Generation der älteren Respekt zollte – als Dank für deren Opfer und Aufopferungsbereitschaft im Kampf gegen Nazideutschland. Seit Wladimir Putin an der Macht ist, ist das aber vorbei.
Denn Russlands Machthaber hat den 9. Mai zu seinem persönlichen Feiertag umfunktioniert. Er nutzt ihn für aussenpolitische PR-Zwecke und als Propagandavehikel. Jahrelang diente die Parade auf dem Roten Platz dazu, Russlands militärische Stärke und geopolitischen Einfluss zu demonstrieren. Doch ausgerechnet in diesem Jahr wirkte Putins wichtigste Machtdemonstration so schwach wie lange nicht mehr.
Viel bescheidener als in Jahren zuvor
So sassen die Russen diesen Samstag vor ihren Fernsehbildschirmen und verfolgten, wie lediglich zwölf Paradeeinheiten von Soldaten über den Roten Platz marschierten – beinahe dreimal weniger als bei der letzten regulären Siegesparade im Jahr 2024. Auch schwere Militärtechnik blieb weitgehend aus.
Dabei war gerade sie stets das Highlight der Militärparade am 9. Mai. Diesmal präsentierte der Kreml den Zuschauern jedoch lediglich ein fast siebenminütiges Video mit Militärtechnik. Das ist wohl die grösste Demütigung für Wladimir Putin vor seinen Wählern: Er ist gezwungen, ihnen keine echte Ausrüstung mehr zu zeigen, die Zuversicht auf einen Sieg im Krieg gegen die Ukraine vermitteln würde, sondern einen vom Pressedienst des Verteidigungsministeriums produzierten Videoclip.
Grund dafür ist, dass Putin nicht mehr über die gleichen Mittel verfügt wie früher – und auch nicht mehr über dieselbe internationale Reputation. Neben Putin auf der Tribüne sassen lediglich die Präsidenten von Belarus, Usbekistan und Kasachstan – Russlands engste Nachbarn, die offensichtlich ein Angebot erhalten hatten, das man nicht ablehnen konnte. Wichtige Gäste von weltpolitischer Bedeutung wie Chinas Präsident Xi, der im vergangenen Jahr noch angereist war, fehlten diesmal.
Zudem marschierten nicht mehr nur russische Soldaten mit. Vertreten waren auch Angehörige eines nordkoreanischen Kontingents, das Russland im Krieg gegen die Ukraine unterstützt. Bezeichnend war allerdings auch hier, wer fehlte: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un verzichtete auf die Reise nach Moskau und blieb lieber in Pjöngjang.
Ein Bild, das viel sagt
Auch der Kreis um Putin wird enger: In der Vergangenheit nahm der ehemalige Verteidigungsminister Sergej Schoigu auf der Tribüne neben dem russischen Präsidenten einen Ehrenplatz ein. Berichten aus Telegram-Kanälen zufolge war der in Ungnade gefallene Ex-Minister zwar bei der Veranstaltung anwesend, sass jedoch lange Zeit allein, bis sich schliesslich Präsidialberater Nikolaj Patruschew neben ihn setzte.
Ein Foto, auf dem Schoigu vor einer metallenen Absperrung sitzt, symbolisiert seine derzeitige Lage geradezu perfekt: Fast alle ehemaligen Stellvertreter Schoigus befinden sich wegen Korruptionsvorwürfen hinter Gittern, und über den gefallenen Ex-Minister kursieren Gerüchte, er bereite eine Verschwörung gegen Wladimir Putin vor. Wie dem auch sei – Putin kann und will diesen Feiertag offenbar nicht mehr mit ihm teilen.
Wenig überraschend löste eine solche Militärparade innerhalb der patriotischen Z-Community eher bedrückte Stimmung aus. «Das bewegt sich bereits an der Grenze zu Absurdität und Tragikomödie. Auf magische Weise ist ganz Russland auf Ausmasse zusammengeschrumpft, die verdächtig stark den Umrissen Moskaus ähneln», schrieb der Telegram-Kanal «Oswedomitel». «Lasst uns einfach noch weiter durchhalten! Es ist doch nichts Schlimmes daran, dass es inzwischen in immer mehr Städten Explosion auf Explosion gibt. Hauptsache, die ausländischen Partner bleiben am Ende zufrieden, nachdem sie gesehen haben, mit welcher Geschwindigkeit wir nach unten abrutschen können», schrieb der Militärblogger Sergej Orthodox.
Kaum noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft
Nach der Militärparade traf sich Wladimir Putin noch mit dem slowakischen Premierminister Robert Fico, der die Ambition hegt, innerhalb der EU die russlandfreundliche Rolle des abgewählten ungarischen Prmierministers Orban zu übernehmen. Ihm sagte Putin: «Alles ist würdig, ruhig und ohne übermässige Militarisierung verlaufen.»
Wenn man bedenkt, dass Militarisierung für Putin eigentlich nie «übermässig» sein kann, scheint der russische Präsident selbst zu begreifen, dass der pompöse Feiertag in diesem Jahr offenbar nur noch in seinem eigenen Kopf existierte.
Denn mehr als vier Jahre nach Beginn des Krieges gegen die Ukraine finden Drohnenangriffe inzwischen mit grosser Regelmässigkeit tief im Inneren Russlands statt. Hatte sich Putin so seinen Sieg wirklich vorgestellt? Es wirkt, als könne der russische Präsident weder seinen eigenen Wählern noch der internationalen Gemeinschaft noch eine überzeugende Vision für Russlands Zukunft präsentieren.
