Mit dem Mund am Penis: Jude klagt Beschneidungsritual in der Schweiz an
Bei der Staatsanwaltschaft Zürich ist eine Strafanzeige eines Juden aus Antwerpen eingegangen. Es geht um ein traditionelles, ekliges Beschneidungsritual. Doch von dieser Anzeige kann nicht berichtet werden, ohne auch über den Ankläger zu berichten. Friedman ist ein bekannter Mann in Belgien, Wien, New York. Er hat schon oft Gerichtsverfahren begonnen. Er eckt an, ein «Nestbeschmutzer» sei er, sagen manche, weil er sich gegen das Schächten ohne Betäubung einsetzt, aber vor allem wegen seiner antizionistischen Haltung, doch dazu später. Gleichzeitig sucht er stets die Öffentlichkeit. Nun hat er CH Media kontaktiert.
Die Beschneidung von Knaben hat im Judentum eine uralte religiöse Tradition. Im Buch Genesis, das in der Thora und also auch im Alten Testament der Bibel vorkommt, steht, dass dies ein Zeichen sei, den Bund mit Gott einzugehen: «Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen…»
Am 8. Tag nach der Geburt werden die männlichen Babys daher beschnitten, ausser sie haben gesundheitliche Probleme. Durchgeführt wird die jüdische Brit Mila von einem sogenannten Mohel, einem religiösen Juden mit spezieller Ausbildung in Beschneidung. Dieses Ritual ist in der Schweiz gesetzlich nicht geregelt. Es gilt lediglich, dass die Eltern ihr Recht zum Wohl des Kindes ausüben sollen.
Doch es gibt eine Praxis, die wohl vor Gericht als Kindsmisshandlung oder willkürlicher medizinischer Eingriff betrachtet werden könnte: Dabei saugt der Mohel das Blut der Wunde mit dem Mund ab und spuckt es aus. Das Vorgehen ist nicht nur heikel, weil der Mohel dabei den Penis des Kindes mit dem Mund berührt, sondern auch weil ein Infektionsrisiko zum Beispiel mit Herpes besteht.
2012 untersuchte die US-Gesundheitsbehörde CDC diese Praxis und kam zum Schluss, dass es innert zehn Jahren zu elf Herpes-Übertragungen gekommen war. Zwei Säuglinge erlitten in der Folge eine Gehirnschädigung, zwei starben, von hochgerechnet 20'493 Babys, welche dem Risiko ausgesetzt waren in dieser Zeit. Kritisiert haben die Praxis schon im 19. Jahrhundert verschiedene Rabbiner.
Dagegen hat der ehemalige Rabbiner Moshe Friedman Strafanzeige erhoben. Diese liegt CH Media vor. Friedman sagt, dass ein Mohel der Zürcher Synagoge Agudas Achim die Beschneidung so ausübe, gesehen habe er das dort vor einigen Jahren mit eigenen Augen mehr als zehnmal.
Friedman eckt an
Geboren wurde Friedman in New York. Heute pendelt er zwischen Antwerpen und Wien und arbeitet laut eigenen Aussagen als Firmenberater. Die Schweiz kennt er aus der Studienzeit: Er hat in Luzern Talmud, Geschichte, Theologie und Höhere Rabbinische Studien studiert. Doch viele der jüdischen Community sehen ihn nicht als Rabbiner – eine eigene Synagoge hat er nicht mehr.
Wegen der Absaugepraxis hat Friedman auch in Belgien vor zwei Jahren einen Strafantrag gestellt. Letztes Jahr fanden deswegen in Antwerpen Hausdurchsuchungen statt. Friedman sagt, die jüdische Gemeinde in Antwerpen sei eine der radikalsten der Welt und bei vielen Beschneidungen dort fände die Praxis des Absaugens statt.
In der Schweiz ist das anders: Gemäss Gesprächen mit Jüdinnen und Juden sowie Anfragen an diverse jüdische Gemeinschaften dürfte es sich bei der Absaugepraxis um Ausnahmefälle handeln. Auch Friedman sagt: «Die allermeisten Schweizer Juden tolerieren diese Praxis nicht. Aber in Zürich ist eine Radikalisierung im Gange.»
Friedman sieht sich als Vorkämpfer
Warum diese Anzeigen? «Ich habe acht Kinder, drei davon sind Söhne, die so beschnitten wurden.» Friedman findet die Praxis abscheulich, als er beim ersten Sohn zugeschaut hat, sei er ohnmächtig geworden. «Damals war es unmöglich, das Blutabsaugen zu verweigern. Jetzt will ich es zumindest für andere Kinder stoppen», sagt er. Einer müsse den ersten Schritt machen, danach, so ist er überzeugt, würden sich auch weitere aus der jüdischen Gesellschaft trauen, sich dagegen zu wehren.
Auch ein Schweizer Mohel, der seinen Namen nicht öffentlich nennen möchte, sagt, dass die Beschneidung hier klarer geregelt werden müsse – so wie in Deutschland, wo seit 2012 die Betäubung und die medizinischen Vorschriften gesetzlich festgelegt sind. «Ich wünschte mir, dass auch das Bundesamt für Gesundheit eine Bestimmung erlassen würde. Das würde meine Arbeit rechtlich besser absichern», sagt der Mohel. Auch seitens des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG hätte er sich eine klarere Distanzierung zur Absaugepraxis gewünscht.
Denn in den Empfehlungen des SIG wird diese nicht explizit genannt. Es heisst aber: «Der Mohel unternimmt alles, um dem Kindswohl zu dienen und um Schmerzen und Risiken bei der Brit Milah zu minimieren.» Und weiter: «Die Brit Milah wird in sauberer Umgebung mit geeigneten Instrumenten und den nötigen Vorkehrungen zum Schutz vor weiteren Verletzungen sowie vor Infektionskrankheiten durchgeführt (...)»
Israelitischer Gemeindebund nimmt nicht klar Stellung
Generalsekretär Jonathan Kreutner schreibt auf Anfrage: «Zu einzelnen Praktiken oder deren Verbreitung in der Schweiz liegen dem SIG keine aktuellen, systematisch erhobenen Informationen vor.» Die konkrete Ausgestaltung solcher Riten liege in der Verantwortung der jeweiligen Gemeinden beziehungsweise deren Rabbinate.
Die Synagoge Agudas Achim ist ebenfalls Mitglied des SIG. Auf eine Anfrage antwortet sie, man habe keine eigene Medienstelle und verweist zurück auf jene der SIG. Doch Kreutner will seiner Stellungnahme nichts beifügen: «Aktuell haben wir keinen erweiterten Wissensstand.»
Von den zehn anderen angefragten Schweizer Synagogen antwortet die Hälfte – ihre Statements sind deutlich: Seitens der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich heisst es: «Bei uns in der ICZ wird diese Praxis nicht angewendet und auch nicht akzeptiert», schreibt Rabbiner Noam Hertig. Auch Jehoschua Ahrens, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern, sagt, die Praxis des Blutabsaugens werde bei ihnen nicht gemacht. Ihre beiden Mohalim (Mehrzahl von Mohel) legten Wert auf absolute Hygiene.
Yael Gordan, Co-Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Baden, sagt, weder ihre Mohalim noch ihr Rabbiner hätten von dieser Praxis gehört. «Nicht nur, dass es hygienisch problematisch wäre, sondern es grenzt an Kindsmisshandlung (Pädophilie). Keine Eltern würden ihrem Kind sowas antun.» Sie habe selbst zwei Buben und beide hätten keine solche Rituale gehabt. «Im Judentum steht der Schutz des Menschenlebens über allem.»
Gordan bezeichnet die Vorwürfe sogar als antisemitisch. Auch Moshe Friedman sei Antisemit. «Er verfolgt unter dem Deckmantel seiner scheinbaren Religiosität in Wirklichkeit harte politische Ziele: nämlich die Vernichtung des Staates Israel.»
Den Staat Israel kritisiert Friedman im Gespräch mit CH Media nicht, er bleibt beim Thema Beschneidung und weist darauf hin, dass gerade Eltern in Israel alle Möglichkeiten hätten, ihre Kinder auch in einem Spital oder einer Kinderarztpraxis beschneiden zu lassen, während die Beschneidung in Belgien und der Schweiz traditionellerweise nur im privaten Rahmen stattfindet. In der Schweiz gibt es nur eine Handvoll Mohalin – zumindest einer davon ist ein Kinderchirurg in Genf.
Der Schweizer Mohel, mit dem CH Media reden konnte, sagt, er verwende nur noch Einweg-Materialien. Wenn, dann mache er das Absaugen mit einer sterilen Röhre, sodass er nicht mit dem Kind oder dem Blut in Berührung komme. Von den vielen Beschneidungen, die er schon gemacht habe, habe ein einziges Mal jemand seinen Dienst nicht in Anspruch genommen, weil er das Absaugen mit dem Mund nicht mache. Im Gegenteil zeigten sich die Eltern meist erleichtert darüber. Allerdings kämen die ultraorthodoxen Kreise nicht zu ihm.
Er sagt: «Leider verhindern gewisse ultraorthodoxe Kreise den Fortschritt. Ähnlich wie die ewig Gestrigen die Frauenordination im Katholizismus verhindern.» Doch er fügt an: «Aber muss man auch darüber berichten?» Es gebe genug Leute in der Schweiz, welche undifferenziert denken und eine solche Geschichte nur als Gelegenheit nutzen würden, um die jüdische Gemeinschaft generell zu kritisieren.
Worum geht es Friedman eigentlich?
Der Vorwurf steht im Raum: Schadet Moshe Friedman mit seiner Anklage indirekt allen Juden? Friedman lacht als Reaktion. «Ich nehme jüdische Kinder in Schutz!», sagt er. Wie er da sitzt, mit seinem breitkrempigen Hut und davon spricht, dass es in Zürich kein gutes koscheres Restaurant mehr gebe, wirkt Friedman nicht wie einer von ausserhalb der jüdischen Community. Doch diese ist genau so wenig ein homogenes Gefüge wie die christliche oder islamische. Und Friedman ist eine speziell strittige Figur darin.
Er führt viele Kämpfe: Auch gegen Geldwäsche und Steuerhinterziehung eines Juden in Zürich hat er bei der Staatsanwaltschaft eine Anzeige eingereicht. Und er provoziert mit seinem Antizionismus: Kürzlich sagte er gegenüber dem deutschen Portal «Belgien Info», dass die Thora die zu frühe Gründung des Staates Israel auf palästinensischem Gebiet verbiete. Dabei ignoriert er das Bedürfnis der Juden nach einem Zufluchtsort nach dem Holocaust und beruft sich auf Stellen wie Ezekiel 37:21-24 oder das Hohelied 2:7, wo beschrieben wird, dass «Kinder von Israel» dereinst aus verschiedenen Ländern kommend vereint würden. Gemäss einer alten Auslegung («Die drei Eide») aber erst, wenn der Messias gekommen sei.
Sein Antizionismus treibt ihn so weit, dass er 2006 an einer Konferenz, welche die iranische Regierung zu den Mohammed-Karikaturen organisierte, nicht nur auftrat, sondern in seiner Rede auch die Gelegenheit ergriff daran zu erinnern, dass Mitglieder aus der israelitischen Kultusgemeinde in Wien mit den Nazis kollaboriert hätten. Grotesk waren seine Aussagen im selben Jahr an einer Holocaust-Leugnerkonferenz in Teheran. Er leugnete zwar nicht den Holocaust direkt, behauptete aber, dass die wahren Hintermänner Zionisten gewesen seien – und der Staat Israel profitiere bis heute von diesem Genozid und dem schuldbewussten Westen. Daran hält er auf Nachfrage fest.
Moshe Friedman sieht sich selbst trotz allem als orthodoxer Jude. In der Orthodoxie gehe es darum, religiöser und besser zu sein, sagt er. «Aber nicht in unwürdigen Dingen.» Und so ist es Friedmans ganz eigene, radikale Glaubensrichtung, die ihn in diese Kämpfe führt. Laut wird er dabei nie. Und ruft zweimal nach dem Gespräch an, um zu betonen, er wolle nur Gutes bewirken, sagt am Ende: «Vielleicht müsste ich wirklich noch positiver auftreten. Ich bin sehr für den Dialog.»
Friedman ist optimistisch, dass er mit seiner Anzeige Erfolg haben wird. In Belgien sind die Ermittlungen gegen die Mohels abgeschlossen, im Juni wird entschieden, ob der Fall tatsächlich vor Gericht kommt. Daran, dass die Justiz auch in der Schweiz handeln werde, hat Friedman nicht den geringsten Zweifel. Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich teilt derweil mit, die Anzeige werde geprüft. (aargauerzeitung.ch)
