Axpo-Chef will keine AKW für die Schweiz – und macht dafür diesen Vorschlag
Zehn Jahre stand Thomas Sieber an der Spitze des grössten Schweizer Stromkonzerns. Ende Mai tritt er nun als Verwaltungsratspräsident der Axpo zurück. «Wir sind operativ gut unterwegs», sagt Sieber. «Die letzten drei Jahre waren die besten Resultate unserer über hundertjährigen Geschichte.» Weniger gut läuft es beim Strom für die Schweiz. Politik und Branche können sich nicht einigen, wie die Versorgungssicherheit mittelfristig gewährleistet werden soll. Sie streiten lieber über AKW.
Der Iran-Krieg treibt die Energiepreise in die Höhe. Gibt es jetzt bei Ihnen wieder Umsatz-, Gewinn- und Bonusrekorde?
Thomas Sieber: Die Strompreise sind im Auf und Ab. Das steht im Zusammenhang mit Unsicherheiten rund um die Strasse von Hormus und anderen geopolitischen Ereignissen. Für die Axpo hat es unmittelbar keine Auswirkung. Wir haben unsere Stromproduktion über mehrere Jahre abgesichert, um unsere Kunden vor Preisschwankungen zu schützen.
Verwerfungen wie beim Ukraine-Krieg gibt es nicht. Wieso eigentlich nicht?
Das war eine ganz andere Situation. Wir haben damals Verwerfungen gesehen, wie es sie zuvor noch kaum gab. Europa war damals stark von Gas aus Russland abhängig, der Gaspreis und damit der Strompreis stieg massiv. Heute sind wir zum Glück nicht mehr in einer solchen Lage. Derzeit bewegen sich Preise sich im Tagesverlauf je nach politischen Entscheidungen oder Äusserungen nach oben und unten. Diese beiden Situationen sind nicht miteinander vergleichbar. Und mittelfristig dürften sich die Preise eher nach unten entwickeln.
Warum?
Es gibt verschiedene Faktoren. Weltweit kommen immer mehr erneuerbare Energien ins System, die preisdämpfend wirken. Anfang Mai haben wir gesehen, dass es sogar sehr grosse Negativpreise geben kann – bis zu 800 Euro pro Megawattstunde.
Man liest gleichzeitig überall von Energieknappheit. Und mit neuen Rechenzentren für Künstliche Intelligenz wird der Energiebedarf weiter steigen. Das würde doch eher für steigende Preise sprechen.
Ich halte mich mit Preisprognosen gerne zurück. Unsere Industrie lag beim Vorhersagen von Energiepreisen schon oft falsch.
Die Industrie lag nicht nur oft falsch, sie wechselt auch immer wieder ihre Vorlieben: Derzeit sind AKWs wieder in Mode.
Technologievorlieben werden vornehmlich von der Politik gesetzt. Wir haben immer einen technologieoffenen Ansatz verfolgt und nie eine Technologie ausgeschlossen.
Sie haben aber der AKW-Diskussion neuen Schub verliehen mit Ihren «Energy Reports», die zeigen, dass auch der Bau eines neuen AKW finanzierbar ist.
Wir haben mit unseren Analysen eine faktenbasierte Auslegeordnung erstellt. Die zentrale Frage war: Wie kann die Schweiz bis 2050 genügend Winterstrom und Versorgungssicherheit gewährleisten? Das Ganze war bewusst technologieoffen angelegt.
Was ziehen Sie daraus?
Das wichtigste Learning ist: Es ist grundsätzlich möglich, genügend Winterstrom bereitzustellen – aber die Schweiz muss jetzt handeln. Wir haben zwei Szenarien vorgestellt. Beide basieren auf Wasserkraft als Anker. Das erste Szenario lautet: Wasserkraft plus erneuerbare Energien plus Gaskraftwerke. Das zweite: Wasserkraft plus erneuerbare Energien plus zwei Kernkraftwerke.
Welches Szenario bevorzugen Sie?
Für uns steht das Modell mit Wasserkraft, erneuerbaren Energien und Gas im Vordergrund.
Gas ist nicht sehr klimafreundlich.
Gaskraftwerke haben grosse Vorteile: Sie sind schnell regelbar, relativ rasch gebaut, brauchen am wenigsten Förderung und bringen Flexibilität ins System. Das ergänzt sich gut mit erneuerbaren Energien und Wasserkraft.
Wie viele Gaskraftwerke braucht es konkret?
Das hängt stark vom Ausbau der erneuerbaren Energien ab. Der konkrete Bedarf ergibt sich aus dem Energiemix der nächsten Jahre. In unserem Szenario rechnen wir mit 3 bis 4 Gaskraftwerken.
Zum Plan gehört auch, bestehende AKW länger laufen zu lassen, was Nachrüstungen erfordert – vermutlich auf Kosten der Steuerzahler.
Ja, wir haben auch Massnahmen definiert, die in jedem Fall sinnvoll sind. Dazu gehört erstens der Weiterbetrieb bestehender Kernkraftwerke. Das gibt uns Zeit für den Ausbau anderer Kapazitäten und ist aus volkswirtschaftlicher Sicht gleichzeitig die kostengünstigste Option für Winterstrom in den nächsten Jahren oder sogar Jahrzehnten. Zweitens sollten wir Fördergelder stärker auf Winterstrom ausrichten statt primär auf Sommerproduktion, drittens den Ausbau der Windkraft vorantreiben. Und viertens: Sollten wir die Voraussetzungen schaffen, um bei Bedarf Gaskraftwerke bauen zu können – dazu braucht es gesetzliche Anpassungen. Die zentrale Massnahme bleibt aber die Verlängerung der Laufzeiten bestehender Kernkraftwerke.
Dabei geht es vor allem um Gösgen und Leibstadt.
Genau. Für diese Werke sprechen wir von möglichen Laufzeiten von bis zu 80 Jahren. Allerdings sind wir auf einem kritischen Pfad: Für Gösgen müssen wir bis 2029 entscheiden, ob ein Weiterbetrieb erfolgt oder ob das Werk wie geplant vom Netz geht.
Bei Gösgen sind Sie nur Minderheitsaktionär. In der Verantwortung steht Alpiq. Sind sie wütend, dass es nicht vorwärtsgeht?
Wir haben unsere Hausaufgaben bei Beznau gemacht. Dort haben wir intensive Studien durchgeführt und sind in der Lage, die Laufzeit um einige Jahre zu verlängern. Bei Gösgen ist Alpiq im Lead. Entsprechende Arbeiten laufen.
Sie sind jetzt seit zehn Jahren dabei und kennen die Branche gut. Ihre Prognose ist doch, dass gewisse Anlagen länger laufen werden, oder?
Es gibt verschiedene Risiken und Wahrscheinlichkeiten, die weder ein einzelnes Unternehmen noch die Branche allein tragen kann. Man kann sich vorstellen: Man investiert Milliarden in die technische Vorbereitung, und dann gibt irgendwo auf der Welt einen Zwischenfall, die Stimmung kippt und das Werk wird vom Netz genommen. Oder es werden plötzlich aus einem anderen Grund Nachrüstungen nötig. Was passiert dann mit diesen Investitionen? Das ist komplex und braucht Zeit.
Sie haben die Negativpreise erwähnt – bis zu 800 Euro pro Megawattstunde. Welche Rolle spielen AKW in einem Energiemix mit immer mehr erneuerbaren Energien?
Kernkraftwerke können das System stabilisieren und sorgen für Winterstrom. Dennoch entstehen solche Preissituationen – an Feiertagen, an Wochenenden oder in den Sommermonaten. Das System muss sich schrittweise anpassen. Oft kommen diese Preissignale gar nicht bei den Produzenten an und bleiben deshalb als Negativpreise bestehen. Hier braucht es mehr Markt, Innovation und neue Technologien, um das besser abzufedern. Insbesondere die Solarenergie ist hier betroffen.
Wir haben vorhin über Winterstrom gesprochen. Aber die Winter werden tendenziell kürzer. Solar wird teilweise kritisch gesehen – auch im Axpo-Report. Wird Solar unterschätzt?
Solar wurde in unserem Report nicht unterschätzt. Wir selbst haben in den letzten Jahren rund 1,5 Gigawatt Solarleistung in Europa aufgebaut, vor allem Freiflächenanlagen. In der Schweiz sind solche kaum möglich. Hier bauen wir allerdings über 1000 Dachanlagen pro Jahr. Aber Dachsolar allein, kombiniert mit etwas Wasserkraft, reicht nicht aus, um die Versorgung im Winter sicherzustellen.
Sollte man Solaranlagen auf Dächern also nicht mehr fördern?
Doch, aber mit Fokus auf grössere Anlagen. Solche wären viel günstiger und effektiver.
Es gab ja viele Initiativen für grössere Anlagen, aber der Ausbau blieb hinter den Erwartungen zurück.
Die Politik hat mit verschiedenen Programmen wichtige Schritte gemacht, etwa mit Solar- und Windinitiativen. Trotzdem wird noch zu wenig gebaut. Beim alpinen Solar hat man die Möglichkeiten teilweise überschätzt – das ist heute breit anerkannt. Bei der Wasserkraft müssen die Projekte aus dem Runden Tisch jetzt umgesetzt werden.
Sie tragen ja auch Verantwortung für solche Projekte. Warum bauen Sie diese nicht?
Das tun wir, wir treiben unsere Projekte voran. Allerdings sind wir bei den grössten nicht involviert. Zudem gibt es Faktoren, die die Wasserstromproduktion reduzieren: weniger Schnee, weniger Niederschlag, strengere Restwasservorschriften. Insgesamt gehen wir davon aus, dass die Wasserkraft zumindest stabil gehalten werden muss – und dafür sind neue Projekte notwendig.
Versprochen wurden doch 2 zusätzliche Terawattstunden.
Die bestehende Wasserkraftmenge kann mit neuen Projekten bestenfalls erhalten bleiben –sofern diese realisiert werden.
Man hat oft das Gefühl, Branche und Politik blockieren sich gegenseitig – niemand bewegt sich zuerst.
Ganz Stillstand ist es nicht. Es wurde einiges ausgebaut, vor allem im Solarbereich. Darauf kann man stolz sein. Aber die grundlegende Diskussion über Versorgungssicherheit wird erst seit fünf oder sechs Jahren geführt. Sie ist oft geprägt von Technologie-Bashing, von «Not in my backyard»-Haltungen und von fehlenden Entscheidungen. Heute haben wir zwar noch ein gut funktionierendes System, aber wir müssen jetzt dringend handeln.
Könnte man nicht einfach mehr Strom importieren? Die aktuellen Grenzen wirken willkürlich.
Importe waren schon immer Teil des Systems und bleiben es auch. Sie sind in unseren Szenarien eingeplant. Aber eine Strategie, die primär auf stark steigende Importe setzt, halten wir für zu riskant. Die Schweiz sollte ihre Winterkapazitäten vorwiegend selbst ausbauen.
Es wird spekuliert, dass der Ständerat nicht auf das Stromabkommen eintreten wird. Ist das schlimm?
Damit würde die Schweiz eine wichtige Möglichkeit aus der Hand geben. Das Stromabkommen ist für die Schweiz sehr wichtig. Es würde einen rechtlich abgesicherten Anschluss an das europäische System ermöglichen und damit die Versorgungssicherheit stärken, weil wir in einen grösseren Verbund eingebunden wären. Zudem würden aus unserer Sicht die Kosten für die Schweiz sinken. Insgesamt wäre das also klar vorteilhaft. Für unser Unternehmen ist es betriebswirtschaftlich nicht zwingend ein Vorteil – es gibt Vor- und Nachteile. Für uns ist es nicht matchentscheidend.
Dann können Sie ja ruhig schlafen.
Ich schlafe grundsätzlich ruhig. Wenn ich zurückblicke, waren die letzten zehn Jahre spannend. Wir hatten aber auch schwierige Zeiten, etwa die Tiefpreisphase zwischen 2015 und 2017. Damals mussten wir sogar Überlebensszenarien prüfen. Danach haben wir unser Geschäftsmodell stark verändert, um weniger abhängig vom Strompreis zu sein. Dazuhaben wir das Auslandsgeschäft sowie das Kunden- und Handelsgeschäft ausgebaut. Heute sind wir deutlich resilienter: Wir haben das Eigenkapital verdreifacht, über 1 Milliarde Dividenden ausbezahlt, mehr als 5 Milliarden in die Märkte investiert und, was mich besonders stolz macht, über 1300 neue Stellen in der Schweiz geschaffen.
Ist Axpo eigentlich noch ein Stromproduktionsunternehmen oder eine Art «Strombank»?
Die Identitätsfrage stellen wir uns selbst auch. Vor zehn Jahren sah die Axpo ganz anders aus. Aber wir haben unseren Fokus auf die Schweiz behalten und decken als mit Abstand grösste Schweizer Stromproduzentin rund 40 Prozent der Schweizer Stromnachfrage. Gleichzeitig haben wir uns international stärker aufgestellt, insbesondere im Handel und im Kundengeschäft sowie beim Ausbau von Wind- und Solarparks in Europa. In der jüngeren Vergangenheit stammten bis zu zwei Drittel der Erträge aus dem Ausland, während wir mehr als die Hälfte unserer Investitionen in der Schweiz tätigen. Das macht uns widerstandsfähiger.
Der Handel ist also wichtiger geworden.
Mit dem Handel sorgen wir dafür, dass unsere Kunden Energie haben. Jede produzierte Megawattstunde muss verkauft werden. Zusätzlich haben wir neue Geschäftsfelder aufgebaut. Seit 2020 haben wir begonnen, Flüssiggas (LNG) in grösserem Umfang nach Europa zu bringen. In den letzten Jahren waren es über 100 LNG-Schiffe. Das hilft, die Abhängigkeit zu reduzieren und die Speicher zu füllen – was aktuell besonders wichtig ist, da die Speicherstände in Deutschland sehr niedrig sind.
Die Schweiz ist das einzige Land in Mitteleuropa ohne eigene Gasspeicher. Ist das nicht gefährlich?
Die Schweiz ist hier tatsächlich vom Ausland abhängig. Wenn dort genug Gas vorhanden ist, haben auch wir genug, wenn nicht, dann bekommen wir auch kein Gas. Das ist etwas, das man diskutieren sollte. Die Gaskrise hat gezeigt, wie anfällig das System ist.
Warum ist eigentlich der Widerstand gegen Windkraft so gross?
Die Frage ist eher: Ist er wirklich so gross oder einfach sehr laut?
Was ist Ihre Antwort?
Unsere Erfahrung zeigt, dass es durchaus eine breite Akzeptanz gibt. Der Widerstand ist oft kleiner, aber sehr gut organisiert und sichtbar. Interessanterweise nimmt der Widerstand häufig ab, sobald Anlagen gebaut sind. Dann merkt man vor Ort, dass die Auswirkungen weniger gravierend sind als befürchtet.
Trotzdem wird kaum Wind gebaut.
Ja, es wird zu wenig gebaut. Dabei hat Wind viele Vorteile: kurze Bauzeiten, gute Rückbaubarkeit, Umweltverträglichkeit und ein starkes Winterprofil – etwa zwei Drittel der Stromproduktion fallen im Winter an. Wind ergänzt Solar ideal. Aber Widerstände und lange Bewilligungsverfahren bremsen den Ausbau. Wenn aus 15 geplanten Turbinen nach 15 Jahren nur 3 übrig bleiben, ist das wirtschaftlich kaum tragbar und ein schlechtes Zeichen für die Versorgungssicherheit.
