Uringeruch, verstopfte Klos: Cannes verlottert – wie die Filmbranche
Alle Jahre wieder kehren sie zurück. Die Menschen aus aller Welt, die teuren Kleider, der rote Teppich, die feierliche Atmosphäre und natürlich die internationalen Filme, die zu den besten im aktuellen Kino zählen. Das Internationale Filmfestival von Cannes ist der Olymp, in den jeder Filmschaffende aufzusteigen träumt. Der Palmzweig auf dem Filmplakat gilt als Gütesiegel und Garant für Erfolg, auch im kommerziellen Sinn.
Cannes steht für eine Filmtradition – und wie so oft bei Traditionen wird praktiziert, nicht hinterfragt. Wer vor Ort ist, fragt sich aber schnell, was das Ganze eigentlich soll. Denn das Städtchen am Mittelmeer mit weniger als 75'000 Einwohnern ächzt unter der Besucherzahl, die sich während der Festivalzeit verdreifacht.
Cannes hat charmante Strassenzüge, ist streckenweise aber eine einzige Shoppingmeile, wie man sie in allen Innenstädten findet. Die vielen Autos und unzähligen Menschen machen sich bemerkbar. Es ist schmutzig und riecht nach Urin. Wer sich von der strahlenden Sonne und dem blauen Himmel nicht blenden lässt, bemerkt auch die vielen wohnungslosen Menschen, die wie ein weiteres, stilles Publikum das ganze Spektakel beobachten.
Im Palais des Festivals wiederum, dem Hauptgebäude des Festivals, sind die Kinosäle ununterbrochen belegt. Von den ersten Vorführungen um 8 Uhr morgens bis zu den Mitternachtsvorstellungen ist ständig etwas los. Dieser Dauerbetrieb hat Spuren hinterlassen: Die Sitzpolster sind mürbe und durchgesessen, die Sanitäranlagen zuverlässig verstopft, und eine abgebrochene Armlehne wird zwischen den Vorstellungen schnell mit Klebeband fixiert. Zeichnet sich im Materiellen etwas ab, was im Bewusstsein noch nicht ganz angekommen ist?
Auch die Kritiker sind nicht vor Eitelkeit gefeit
Im Vorfeld des Festivals dominierte vor allem eine Schlagzeile: Weltpremieren grosser Hollywood-Blockbuster wie «Indiana Jones» oder «Mission Impossible» fehlten dieses Jahr. Dass Hollywood – wie vermutet wurde – die Kritik der internationalen Presse scheut, spricht jedoch eher für eine schmeichelhafte Selbstwahrnehmung der Filmkritikbranche.
Wahrscheinlicher ist, dass den Studios originelle Stoffe fehlen, innovative Produktionen zu teuer geworden sind und man sich mit endlosen Fortsetzungen alter Marken zufriedengibt. In wohlgesinnten Echokammern ist man damit ohnehin besser aufgehoben.
Dass es anders geht, zeigt das Studio Neon, das 2026 mit neun Filmen am Festival vertreten ist. Darunter James Grays nostalgischer Mafia-Thriller «Paper Tiger» mit Adam Driver und Scarlett Johansson, der sich auch wegen eines eher verhaltenen Wettbewerbsauftakts zu einem der Anwärter auf die Goldene Palme entwickelt hat.
Für Aufsehen sorgten zudem zwei weitere amerikanische Produktionen, die sich auf sehr unterschiedliche, aber gleichermassen kompromisslose Weise in die Untiefen New Yorks stürzen: Ira Sachs’ in den 1980er-Jahren angesiedeltes AIDS-Drama «The Man I Love» sowie das Drama «Club Kid» des Newcomers Jordan Firstman, das diesem als Karrieresprungbrett dienen dürfte.
Auf der Suche nach dem Umgang mit KI
Das zweite grosse Thema dieses Jahr: der Einfluss von KI auf die Filmbranche. Festivaldirektor Thierry Frémaux sah sich ebenso gezwungen, Stellung zu beziehen, wie Jurymitglied Demi Moore, deren pragmatische Haltung – man könne sich dem technologischen Fortschritt nicht verschliessen – kurzzeitig für Empörung in den sozialen Medien sorgte.
Dabei hat die Technologie längst Einzug in die Industrie gehalten, auch wenn sie in den Wettbewerbsfilmen bislang kaum sichtbar ist. Der Regisseur Koreeda Hirokazu nähert sich dem Thema erzählerisch. In seinem Wettbewerbsfilm «Sheep in the Box» entwirft er eine Zukunft, in der ein KI-Kind Eltern über den Verlust ihres Sohnes hinweghelfen soll. Kritiker überzeugte der Film zwar kaum, seine zentrale Frage trifft jedoch einen Nerv der Branche: Hilft künstliche Intelligenz – oder führt sie in eine neue Form der Abhängigkeit?
Wer sich in die unteren Etagen des Palais des Festivals begab, traf auf Podiumsdiskussionen, in denen überraschend zuversichtliche Filmschaffende davon sprachen, dass dank KI künftig praktisch jede und jeder Filme wie «The Lord of the Rings» drehen könne. Gleichzeitig hat sich Gegenwehr formiert. Unter dem Label «Dogma 25 Germany» trat eine Gruppe von fünf deutschen Filmschaffenden an die Öffentlichkeit, die sich der Technologie in radikal puristischer Weise verweigern will.
Buhrufe und viele Fragen, die offen bleiben
Die grösste Erschütterung trifft die französische Filmindustrie jedoch direkt ins Herz: Prominente Filmschaffende wie Juliette Binoche haben zu Beginn des Festivals einen offenen Brief veröffentlicht, der vor dem wachsenden Einfluss des rechten Medientycoons Vincent Bolloré warnt. Dieser besitzt den Sender Canal+, der viele französische Filme finanziert. Ausserdem will Bolloré die französische Kinokette UGC, an der er bereits beteiligt ist, ganz übernehmen.
Als Reaktion auf den Brief liess Maxime Saada, CEO von Canal+, auf einer Branchenveranstaltung in Cannes verlauten, dass Canal+ künftig nicht mehr mit den Unterzeichnenden des Briefes zusammenarbeiten werde. Seither ertönten Buh-Rufe in Cannes, sobald das Canal-Logo am Anfang eines Films auf der Leinwand erschien.
So zeigten sich an dieser 79. Festivalausgabe Risse, die grösser sind als je zuvor. Erreicht Cannes in Zukunft nur noch ein Nischenpublikum? Schaffen es Filmschaffende, mit oder ohne neue Technologien, visionäre Filme zu produzieren? Und welche Produktionsstrukturen halten dem Druck einer zunehmend polarisierten Welt stand? Wird am Ende überhaupt noch in Erinnerung bleiben, wer die Goldene Palme gewinnt, die am Samstagabend verliehen wird?
Vielleicht entscheidet sich die Jury nicht für den Kritikerliebling «Fatherland», sondern für Lukas Dhonts «Coward». Darin erzählt der belgische Regisseur die Geschichte zweier queerer Soldaten während des Ersten Weltkriegs. Zugleich untersucht er die Mechanismen von Propaganda, Macht und Gewalt – sowie die Rolle, die Kunst in einer grausamen Welt spielen kann. Eine Frage, die in Anbetracht aller Probleme dem Geist des Festivals Rechnung trägt. (aargauerzeitung.ch)
