Droht jetzt der Hormus-Krieg? 6 Antworten zu den geplatzten Iran-Verhandlungen
US-Vizepräsident JD Vance ist abgereist, die Gespräche zwischen ihm und den Unterhändlern aus dem Iran über einen endgültigen Waffenstillstand sind gescheitert. Damit bleibt die Meerenge von Hormus de facto gesperrt, der Waffenstillstand könnte kollabieren.
Warum sind die Gespräche in Islamabad gescheitert?
Die Ausgangslage war von Beginn an schwierig. Die Iraner kamen nicht als Besiegte nach Pakistan. Sie signalisierten den USA deutlich, dass ihre Kriegsstrategie nicht zur Kapitulation Teherans führte und Zugeständnisse daher notwendig seien. Iran-Experte Mahdi Rezaei-Tazik sagte bereits am Freitag zu CH Media, dass das Regime in Teheran gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen sei und deshalb zu weit weniger Zugeständnissen bereit sei als noch vor den Angriffen der USA und Israels.
Washington bestand auf vollständiger nuklearer Abrüstung, der Übergabe der hochangereicherten Uranvorräte sowie massiven Beschränkungen der ballistischen Raketenkapazitäten. Teheran seinerseits forderte neben Nichtangriffsgarantien und der Aufhebung aller Sanktionen auch Reparationszahlungen sowie die dauerhaft iranische Kontrolle über die Strasse von Hormus. Ein in Islamabad akkreditierter europäischer Diplomat betonte gegenüber der «Washington Post»: «Jede dieser Fragen hatte das Potenzial, eine Einigung allein zu torpedieren.»
Was bedeutet das Scheitern für den Waffenstillstand?
Der zweiwöchige Waffenstillstand, der am 8. April in Kraft getreten ist, steht auf tönernen Füssen. Noch bevor die eigentlichen Gespräche in Islamabad begonnen hatten, lieferten sich Israel und die Hisbollah im Libanon erneut schwere Gefechte. Der iranische Unterhändler, Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf, machte klar, Verhandlungen könnten erst dann beginnen, wenn ein Waffenstillstand im Libanon gelte und eingefrorene iranische Vermögenswerte freigegeben seien. Beide Bedingungen blieben unerfüllt.
Auch wurde die Strasse von Hormus ist nicht wirklich geöffnet. Das iranische Militär koordiniert weiterhin die Durchfahrt. Reedereien berichten von Schutzgeldern von bis zu zwei Millionen Dollar pro Schiff. Sultan Al Jaber, Industrieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, brachte es auf den Punkt: Die Strasse sei nicht offen; der Zugang werde vom Iran eingeschränkt, konditioniert und kontrolliert.
Welchen Kurs werden die USA nun gegenüber Iran einschlagen?
Die USA stehen vor einer strategischen Pattsituation, die sich durch das Scheitern der Islamabad-Gespräche weiter verschärft hat, analysiert der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz. Wochenlang sei die amerikanische Politik von der Annahme geleitet worden sein, dass anhaltender militärischer Druck die iranische Verhandlungsposition so weit geschwächt habe, dass Teheran zu bedeutenden Zugeständnissen gezwungen sei. Diese Rechnung sei aber nicht aufgegangen.
«Die Optionen, vor denen Washington nun steht, sind alle problematisch», urteilt Citronowicz. Eine Rückkehr zu Verhandlungen berge die Gefahr, dieselbe Dynamik zu reproduzieren. Eine Beendigung der Konfrontation ohne Einigung würde amerikanische Schwäche signalisieren und die Abschreckungswirkung untergraben. Auch eine Wiederaufnahme des Konflikts dürfte kaum zu entscheidenden Ergebnissen führen: Eine Fortsetzung des Krieges würde eine umfassendere iranische Reaktion auslösen und den globalen Energiemärkten neuen Schaden zufügen.
Wie stark ist die iranische Verhandlungsposition wirklich?
Stärker, als viele Beobachter noch vor Wochen erwartet hatten. Teheran hat dem militärischen Druck 40 Tage lang standgehalten, ganz massive militärische Schläge eingesteckt und seine Fähigkeit zur Vergeltung unter Beweis gestellt. Der Iran verfügt noch immer über seine hochangereicherten Uranvorräte. Das iranische Militär kontrolliert faktisch die Strasse von Hormus. Die Revolutionsgardisten haben ihre Macht im Innern weiter konsolidiert.
Wie geht es jetzt weiter?
JD Vance hat nach dem Scheitern der Gespräche erklärt, der Iran könne noch immer das abschliessende und beste Angebot der USA annehmen. Konkrete Schritte für weitere Verhandlungen nannte er nicht. Formal gilt der Waffenstillstand noch knapp eineinhalb Wochen. Was danach kommt, weiss niemad. Eine neue Eskalation, bei der die Öffnung der Strasse von Hormus das erklärte Ziel der Amerikaner wird, ist denkbar. Das iranische Militär dürfte ihren wichtigsten Trumpf dann gewaltsam verteidigen.
Die Stimmung in der Golfregion ist gespalten. Die Scheichs in Abu Dhabi und Dubai wollen Stabilität um jeden Preis. Für sie ist ein fragiler Frieden immer noch besser als der nächste Raketenhagel der Revolutionsgardisten. Für eine belastbare Einigung zwischen dem Iran und den USA, schreibt die «Washington Post» unter Berufung auf westliche Analysten, bräuchte es auch Grossmächte wie China und Russland als Garanten – Mächte, die sowohl zu Teheran als auch zu Washington Verbindungen unterhalten.
Wie der US-Sender CNN berichtet, bereitet China aktuell jedoch die Lieferung von Flugabwehrraketen an den Iran vor. Peking dementierte den Medienbericht am Sonntag. Laut US-Geheimdienstinformationen nutzt der Iran den Waffenstillstand, um seine Vorräte wieder aufzustocken.
In Israel überwiegt derweil die Skepsis. Premierminister Benjamin Netanyahu, der der Bevölkerung einen endgültigen Sieg versprochen hatte, steht innenpolitisch unter immensem Druck. Ein Abkommen, das dem Iran Sicherheitsgarantien und Reparationszahlungen zugesteht, wäre für seine Regierung kaum zu verkaufen – erst recht nicht, solange Teheran noch über angereichertes Uran verfügt.
Was bedeutet das für den Ölpreis?
Die Spannungen im Nahen Osten, das ist sicher, werden nach dem Scheitern von Islamabad weiter zunehmen. Händler erwarten, dass der Ölpreis im Laufe der kommenden Woche wieder auf 110 Dollar ansteigen könnte. Sollte es nicht gelingen, in den noch verbleibenden Tagen bis zum formellen Ende des Waffenstillstandes einen Weg zum Frieden zu finden, ist auch ein Erreichen der 150 Dollar-Marke möglich – mit verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft. (aargauerzeitung.ch)

