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Iran

Proteste im Iran: Eine Autorin schreibt über den Kampf der Frauen

«Die Nachbarschaft kommt zusammen, um die Kugeln, die in den Leichen stecken, zu bezahlen»

Die Proteste im Iran gehen weiter. Schon 2022 nach dem gewaltvollen Tod von Jina Mahsa Amini gingen hunderttausende Menschen auf die Strasse. Eine iranische Autorin hat nun darüber ein beklemmend aktuelles Buch geschrieben.
20.01.2026, 17:1320.01.2026, 17:13
Annika Bangerter / ch media

Schlüpfte Nila nachmittags aus dem Haus, trug sie eine Gesichtsmaske, eine leichte Jacke und schwarze Hosen. Ihre Füsse steckten in Turnschuhen. Ein Outfit, das nicht auffällt und nicht einengt. Tauchten die Schergen des Regimes auf, konnte Nila schnell wegrennen.

Die Wut über den Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini führte zu Protesten im ganzen Land.
Iran Proteste
Die Wut über den Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini führte zu Protesten im ganzen Land.Bild: AP

Mit hunderttausend anderen Menschen verschmolz Nila zu einer Protestwelle, die durch die Strassen Teherans, Isfahans und vielen anderen iranischen Städten rollte. Die Menschen skandierten «Zan, Zendegi, Āzādi» – Frau, Leben, Freiheit. Für ihre Rechte und ihre Selbstbestimmung riskierten sie alles. Sie wussten, nichts und niemand würde die Milizen daran hindern, sie zu verhaften, zu vergewaltigen oder zu töten. Trotzdem kehrten sie immer wieder auf die Strassen zurück.

Das war Ende 2022. Auch in den vergangenen Tagen sind zigtausende Menschen gegen das Regime der Mullahs auf die Strasse gegangen. Wieder greift dieses mit aller Härte durch: Demonstrierende sind in Gefängnissen verschwunden, Leichensäcke füllen ganze Plätze. Vor diesem Hintergrund ist das Buch «In den Strassen Teherans», das Ende Januar erscheint, beklemmend aktuell.

Verfasst hat es eine iranische Autorin zu ihrem Schutz unter dem Pseudonym Nila. Ohne weitere Angaben zu ihrer Person gibt sie Einblicke in einen Alltag, der von Kontrolle, Einschränkungen und Brutalität geprägt ist. Nichts darin ist privat, alles ist politisch. Erzwungen von den Mullahs, die ihr Volk unterwerfen und es erpressen, ihrer Ideologie zu dienen.

Blutflecken an den Turnschuhen

Sprachgewaltig und mit vielen historischen Bezügen beschreibt Nila, wie die Körper der Frauen im Iran von den Mächtigen seit langem instrumentalisiert und beherrscht werden – und wie der Widerstand dagegen in den Protesten 2022 gipfelte. Nila versteht sich als Aktivistin, aber auch als Zeugin. In ihren Schilderungen nimmt sie ihre Leserinnen und Leser mit auf die Strassen und macht sie dadurch ebenfalls zu Mitwissenden.

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Proteste in der iranischen Hauptstadt Teheran, im Jahr 2022.Bild: keystone

Meistens liess sich Nila bei den Protesten durch die Strassen treiben: «Unsere Köpfe sind so voll, dass wir einfach nur laufen können.» Sie schloss sich Gruppen an, die sich spontan bildeten und von Regimekräften brutal gesprengt wurden, rannte weg, versteckte sich, wurde Teil einer neuen Menschentraube.

Eindringlich beschreibt die Autorin, wie die lauten Rufe der Polizisten jeweils Unheil ankündigten. Es sei dann, als stünde man am Rande eines Abgrunds und stürze gleich in eine abgrundtiefe Grube, hält Nila fest. Einmal vernahm sie kurz nach solchen Rufen Schreie. Mit anderen Protestierenden rannte sie in deren Richtung. Sie hörte Schüsse und sah noch, wie der Polizeibus wegfuhr, während die verbliebenen Polizisten die Menge gewaltvoll auseinandertrieben.Nila erfuhr, dass sie eine Gruppe von Schülerinnen abgeführt hatten. Mit Schlagstöcken schlugen die Polizisten auf die Jugendlichen ein. Ein Mädchen erschossen sie auf offener Strasse.

Nila sah danach Blutspuren am Boden. Schwarz hätten sie in der hereinbrechenden Dämmerung gewirkt, hält sie fest. An ihren Turnschuhen entdeckte sie einen kastanienbraunen Fleck. Erschüttert notierte sie: «Selbst unser von Grausamkeiten überquellendes Geschichtsbuch kann mich nicht auf den Anblick dieses frisch vergossenen Bluts vorbereiten.»

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Die iranische Polizei in den Strassen des Irans. Bild: keystone

Wegschauen kam für sie jedoch nicht infrage. Sie sei bei Tageslicht unterwegs gewesen, weil sie als Zeugin ihrer Zeit alles in Klarheit habe sehen wollen. Auch das Blut. «Leben kann passiv sein. Etwas zu bezeugen ist nicht passiv», schreibt sie.

Vieles, das sie schildert, ist grauenvoll. Etwa wie Regimekräfte die Leichen junger Mädchen auf Dächer schleppten und sie von dort herunterwarfen, um einen Suizid vorzutäuschen. Oder wie die Sicherheitskräfte begannen, gezielt auf die Augen der Demonstrierenden zu schiessen. Dies, um sie in den Spitälern direkt ausfindig zu machen.

Der Mut der jungen Generation

Von solch bestialischen Methoden waren viele sehr junge Protestierende betroffen. Die bis dahin grösste Protestwelle in der Islamischen Republik ging von Universitätsstudentinnen und Schülerinnen aus. Nila erklärt dies unter anderem damit, dass deren Eltern alles darangesetzt hätten, um die Generation ihrer Kinder so weit wie möglich «von der Last der ständigen Fügsamkeit und des häuslichen Totalitarismus zu befreien».

Cover "Auf den Strassen Teherans"
Das Cover von «Auf den Strassen Teherans».Bild: Verlag Pfaueninsel

Wie alt die Autorin genau ist, bleibt unklar. Vermutlich ist sie um die 40 Jahre. Sie beschreibt die Generation ihrer Eltern als traumatisierte Überlebende der Islamischen Revolution und des Ersten Golfkrieges: Alle, die das neue Regime nicht vollständig mitgetragen hätten, trauerten um ermordete Freunde oder Angehörige.

Ihre Kinder – und somit auch Nila – hätten sie auf der Basis von Angst und Vertuschung erzogen. Niemand durfte erfahren, dass es zu Hause Alkohol gab oder Frauen und Männer gemeinsam an Festen tanzten. Ein diskretes und schlau geführtes Leben im Untergrund sei die Gegenwehr ihrer Elterngeneration gewesen. «Aber wie Baumstämme bildeten auch unsere Eltern konzentrische Ringe, Schicht um Schicht einer Angst ums Überleben.»

Anders sei die Generation der Protestierenden aufgewachsen. Deren Eltern hätten von ihnen nicht absoluten Gehorsam und Schweigen abverlangt, schreibt Nila.

This frame grab from videos taken between Jan. 9 and Jan. 11, 2026, and circulating on social media purportedly shows images from a morgue with dozens of bodies and mourners after crackdown on the out ...
In den sozialen Medien kursieren seit einigen Tagen Bilder von Leichensäcken, in denen die Leichen derer liegen, die während der Proteste ums Leben kamen.Bild: keystone

Insbesondere diese junge Generation war nach dem gewaltsamen Tod von Jina Masha Amini nicht mehr bereit, den Terror des Regimes hinzunehmen. Die 22-jährige Amini starb durch Misshandlungen der Sittenpolizei. Sie wurde festgenommen, weil sie das Kopftuch nicht vorschriftsgemäss getragen haben soll.

Dagegen protestierten Teenagerinnen und junge Frauen. Sie verbrannten ihre Hijabs oder spazierten, tanzten und sangen  mit wehenden Haaren in der Öffentlichkeit. Rasch richteten sich die landesweiten Proteste nicht mehr allein gegen den Kopftuchzwang, sondern gegen das politische System insgesamt.

Teenagerinnen, die sich mit Mullahs anlegen

Viele Menschen aus Nilas Generation schlossen sich den Demonstrationen an. Der Mut der jungen Generation überraschte Nila zuweilen. Etwa, wenn sie sah, wie ein Mädchen voller Freude einem Mullah den Turban wegschlug und unter Applaus von Passantinnen wegrannte. «Zum ersten Mal, seit wir unter der Herrschaft der Mullahs stehen, trauen sich die Menschen, sie direkt zu beleidigen», schreibt Nila.

Dies zeige, wie brenzlig die Situation für das Regime geworden sei. «Und für den verängstigten Mullah, der an der Spitze des Regimes steht, gibt es nur eine Reaktion: Rache.» Diese fiel in aller Grausamkeit aus. Tausende Menschen wurden verhaftet, verprügelt und gefoltert. Viele wurden im Schnellverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet. Hunderte wurden auf der Strasse getötet, darunter mindestens 68 Kinder.

FILE - In this photo obtained by The Associated Press, Iranians attend an anti-government protest in Tehran, Iran, Friday, Jan. 9, 2026. (UGC via AP, file)
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Wie viele Tote die Proteste bis anhin gefordert haben, ist unklar.Bild: keystone

Von deren Familien verlangte das Regime zuweilen, dass sie für die Kugeln bezahlen mussten, die zur Tötung geführt hatten. Sonst weigerte sich das Regime, den Angehörigen die Leiche zu übergeben. Von ihrer Reinigungskraft erfuhr Nila von einer betroffenen Familie. Sechs Mal war auf deren Tochter geschossen worden. Nila rechnete und kam zum Schluss, dass die Familie aufgrund des Viertels, in dem sie wohnte, mehr als zwei Jahre brauchte, um das Geld zusammenzubekommen. Mit vielen anderen half Nila mit, den Betrag zu sammeln. «So ist das Leben heutzutage. Die ganze Nachbarschaft kommt zusammen, um die Kugeln, die in einer Leiche stecken, zu bezahlen. Manchmal ist es die gesamte Stadt.»

Nachts wälzte sich Nila daraufhin und fragte sich, ob sie zu Komplizen des Regimes würden, weil dieses mit dem Geld weitere Kugeln finanzieren kann. Ihre Ohnmacht drückt sie in einer Frage aus: «Doch wer von den Hinterbliebenen kann damit leben, dass die Leiche einer geliebten Person vom Regime in der Wüste entsorgt wird?»

Nila: «Auf den Strassen Teherans», Verlag Pfaueninsel, 2026, 144 Seiten. (aargauerzeitung.ch)

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Seit fast drei Wochen gehen in Iran Menschen auf die Strasse. Die Aufnahme zeigt Teheran am 9. Januar.

quelle: keystone
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Heftige Proteste im Iran – Demonstrierende fordern Tod des Regimes
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