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Ghosn erklärt seine spektakuläre Flucht aus Japan



In einer spektakulären Flucht ist der frühere Autoboss Carlos Ghosn von Japan in den Libanon geflohen. Erstmals tritt er danach in Beirut vor Journalisten auf. Und ist sich überhaupt keiner Schuld bewusst.

Der Mann, der über Jahre zu den Mächtigsten der internationalen Autowelt zählte, sieht angespannt aus. Seine Mundwinkel sind nach unten gezogen, er ringt sich ein gequältes Lächeln ab, als er jemandem zunickt. Carlos Ghosn atmet einmal tief durch, bevor er zu seiner vorgefertigten Verteidigung ansetzt.

Als er dann aber beginnt, ist der Ex-Automanager kaum zu stoppen. Mehr als zwei Stunden dauert am Mittwoch sein Auftritt vor Journalisten in Libanons Hauptstadt Beirut. Inklusive einer rund einstündigen Brandrede gegen Japans Justiz, in der er alle Vorwürfe gegen sich zurückweist und seine spektakuläre Flucht in den Libanon verteidigt. Ein Monolog, in dem er sich in Rage redet.

Es ist das erste Mal, dass Ghosn öffentlich auftritt, seit er in einer Nacht-und Nebel-Aktion aus Japan nach Beirut und damit auch der japanischen Justiz entkommen ist. Der Auftritt wirkt wie die Rede eines Mannes, der sich befreit fühlt. Und der seinen zerstörten Ruf retten will. Aus vielen Sätzen ist herauszulesen, wie tief die Anklage und die Haft den heute 65-Jährigen mitgenommen haben.

Keine Einzelheiten zur Flucht

Der frühere Konzernchef des französisch-japanischen Autobündnisses Renault-Nissan-Mitsubishi war am 19. November 2018 in Tokio wegen Verstosses gegen Börsenauflagen festgenommen und angeklagt worden. Im April 2019 wurde er unter strengen Auflagen auf Kaution aus der Untersuchungshaft in Japan entlassen. Ghosn soll in einer Kiste versteckt aus Japan in den Libanon geflohen sein. Zu der Flucht Ende Dezember mit einem Privatjet hätten ihm zwei Amerikaner geholfen, berichteten japanische Medien.

In Beirut aber will Ghosn zu diesem Punkt trotz seines langen Auftritts nichts preisgeben. Aus Sorge um die Menschen, die ihm geholfen hätte, wie er vor den Journalisten sagt.

FILE - In this April  25, 2019, file photo, former Nissan Chairman Carlos Ghosn leaves Tokyo's Detention Center for bail in Tokyo. By jumping bail, Ghosn, who had long insisted on his innocence, has now committed a clear crime and can never return to Japan without going to jail. (Kyodo News via AP, File)

Es kursieren wilde Geschichten über Ghosns Flucht. Bild: AP

Ausgiebig weist Ghosn, der die französische, brasilianische und libanesische Staatsangehörigkeit hat, dafür erneut alle Anschuldigungen zurück. «Die Vorwürfe gegen mich haben keine Grundlage», wettert er und stellt seine Flucht als alternativlos dar: Er habe keine Anzeichen gesehen, dass sich sein Leben in den nächsten Jahren wieder normalisieren werde. Er sei als «Geisel» eines Landes gehalten worden, dem er über Jahre gedient habe.

Das Verfahren gegen sich stellt er als politisch motiviert dar, um eine engere Anbindung von Nissan an Renault zu verhindern, ein «Verschwörung» des japanischen Konzerns mit dem dortigen Generalstaatsanwalt. «Ich wollte Gerechtigkeit, deswegen habe ich Japan verlassen», beteuert Ghosn. Zu seiner Flucht sagte er, ihm sei keine andere Wahl geblieben: «Das war die schwerste Entscheidung meines Lebens.» In keinem anderen demokratischen Land der Welt käme man wegen derartiger Vorwürfe ins Gefängnis.

Er verleiht seinen Worten immer wieder mit den Händen Nachdruck. Er streckt die Arme nach vorne, zur Seite, nach oben. Er macht das Gesicht eines Unschuldigen. Als stände er hier vor Gericht.

Ghosn: Unmenschliche Haftbedingungen

Ghosn beklagt auch die aus seiner Sicht unmenschlichen Haftbedingungen in Japan. Er spricht von langer Einzelhaft, während der er seine Frau kaum habe sehen dürfen. Nur 30 Minuten am Tag durfte er demnach an die frische Luft. Duschen sei nur zweimal in der Woche erlaubt gewesen. Dazu stundenlange Befragungen ohne Anwalt.

Der Fall Carlos Ghosn gehört weltweit zu den spektakulärsten der Wirtschaftswelt. Einst feierten sie ihn in Japan als Helden. In der Autobranche als «Kostenkiller» ebenso gefürchtet wie geachtet, wurde Ghosn im Land der aufgehenden Sonne sogar zum Star in einem Manga-Comic.

Eine seltene Ehre in dem asiatischen Inselreich, zumal für einen Ausländer. 1999 managte der gebürtige Brasilianer den Einstieg des französischen Renault-Konzerns beim japanischen Hersteller Nissan, der damals am Abgrund stand. Ghosn schaffte die Sanierung, aus Nissan wurde eine Erfolgsgeschichte.

In die bis dato beispiellose Auto-Allianz wurde dann auch Mitsubishi eingebunden. Nissan oder Mitsubishi, da ist sich manch Branchenkenner sicher, gäbe es ohne Renault wohl nicht mehr. Fast zwei Jahrzehnte lang lenkte der schillernde Managertitan das Bündnis, das Ghosn zum zwischenzeitlich zweitgrössten Autobauer der Welt formte. In den vergangenen Jahren lief es bei Nissan allerdings nicht mehr ganz so erfolgreich. Nissan bekam unter anderem Probleme in den USA.

Tiefer Sturz

Dann plötzlich der tiefe Sturz: Ende 2018 wurde Ghosn völlig ahnungslos nach seiner Ankunft in Tokio noch auf dem Flughafen festgenommen. Der Vorwurf: Ghosn soll gegen japanische Börsenauflagen verstossen haben. Über Jahre hinweg soll nur die Hälfte seines Einkommens offiziell ausgewiesen worden sein. Zudem soll Ghosn private Investitionsverluste auf Nissan abgewälzt haben. Er wurde angeklagt und verschwand monatelang in Untersuchungshaft.

Ghosn verliert in der Haft deutlich an Gewicht. Japans knallharte Staatsanwälte erheben immer neue Anklagepunkte gegen ihn. Mit dieser in dem Land üblichen Taktik, so die Verteidigung, sollte er unter Druck gesetzt werden, bis er ein Geständnis unterzeichnet.

Am Donnerstag soll Ghosn vom libanesischen Generalstaatsanwalt befragt werden. Dabei gehe es unter anderem um den Fahndungsaufruf der internationalen Polizeibehörde Interpol und Japans Ersuchen, ihn zu verhaften, hiess es aus Justizkreisen in Beirut. (aeg/awp/sda/dpa)

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15Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Suntory Time 08.01.2020 19:33
    Highlight Highlight Nach Sichtung der gesamten zweistündigen Pressekonferenz: - Wenn die von ihm beschriebenen Haftbedingungen auch nur annähernd den Tatsachen entsprechen, man würde solche in eine autokratischen Staat vermuten, jedoch bestimmt nicht in Japan.
  • dechloisu 08.01.2020 15:54
    Highlight Highlight Ich sage nur Raymond Redington
    • Pitefli 08.01.2020 22:13
      Highlight Highlight Danke. Eigentlich hatte ich mich von dieser Sucht schon befreit 😒
  • dä dingsbums 08.01.2020 15:53
    Highlight Highlight Überschrift:
    "Ghosn erklärt seine spektakuläre Flucht aus Japan"

    Unter dem ersten Bild:
    "Jetzt erzählt Carlos Ghosn, wie er aus Japan geflüchtet ist."

    Im nächsten Abschnitt:
    "Ghosn wollte jedoch keine weiteren Angaben dazu machen, wie er von Japan über Istanbul nach Beirut gekommen ist."

    Ich bin verwirrt...
    • Bowell 08.01.2020 17:17
      Highlight Highlight Das ist jetzt eben so ein Cliffhanger, weisch.
    • Spiegelkopf 09.01.2020 02:50
      Highlight Highlight Warum denn, was erwarten Sie denn in der heutigen Zeit von unseren "schau-mal-im-Internet-nach" Journalisten. Einige Fragen und seine Antwort darauf waren auf Arabisch. Vermutlich haben sich unsere Journalisten (waren wohl nicht vor Ort) auf diese Teile im Live Video konzentriert. Da wird schnell mal intuitiv berichtet.
    • dä dingsbums 09.01.2020 07:08
      Highlight Highlight "Da wird schnell mal intuitiv berichtet."

      Ich liebe diesen Satz!
  • Amadeus 08.01.2020 15:12
    Highlight Highlight Gemäss dem Titel erklärt er seine Flucht. Aber das stimmt nicht ganz. Er erklärt die GRÜNDE für deine Flucht.
  • Gipfeligeist 08.01.2020 14:18
    Highlight Highlight "Die Kisten seien als Koffer für Musikinstrumente deklariert gewesen und am Flughafen nicht durchleuchtet worden"

    Und dann stehe ich vor der Security, lehre meine Hosentaschen mit kriminellen Kleingeld sowie einem benutzten Nastüechli, und trinke meine hochverdächtige 500 mL Wasserflasche auf Ex ¯\_(ツ)_/¯
    • TanookiStormtrooper 08.01.2020 16:13
      Highlight Highlight Du musst in Zukunft einfach auch mit dem Privatjet fliegen, da gelten offenbar andere Regeln. Wir wissen doch alle, dass Menschen mit einem Privatjet nie was kriminelles anstellen würden. 🤑
  • Neruda 08.01.2020 14:06
    Highlight Highlight Das kommt halt davon, wenn man das Gepäck der Bonzen nicht durchleuchtet wie bei allen andern. Eine angemessene Kaution wäre vielleicht auch angebracht gewesen.
    • Ehrenmann 08.01.2020 15:00
      Highlight Highlight mehrere millionen ist also nicht angemessen
    • offspring 08.01.2020 15:16
      Highlight Highlight Nun, offensichtlich war es nicht genug um ihn an der Flucht zu hindern.
    • Gopfridsenkel 08.01.2020 15:34
      Highlight Highlight Wieso verhindert eine Kaution eine Flucht?
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