Friedrich Merz ist angezählt – das könnte sein Nachfolger werden
Friedrich Merz ist historisch unbeliebt
Der deutsche Kanzler Friedrich Merz ist aktuell so unbeliebt wie keiner seiner Vorgänger. Aktuell sind nur noch 16 Prozent der deutschen Bevölkerung mit seiner Arbeit zufrieden, zeigte Anfang Mai der Deutschlandtrend von Infratest Dimap.
Die schlechten Umfragewerte gelten aber nicht nur Merz – auch die Koalition der CDU und SPD hat historisch schlechte Umfragewerte. Die AfD hat die CDU in den Umfragen inzwischen überholt: Mit 29 Prozent erreichte sie Anfang Mai einen Höchstwert, während die Christdemokraten auf 22 Prozent zurückgefallen sind. In der Union wächst angesichts dieser Lage das Interesse an alternativen Personalien.
Hendrik Wüst wird als «Einwechselkanzler» gehandelt
Während Friedrich Merz immer unbeliebter wird, sehen die Umfragewerte für seinen Parteikollegen Hendrik Wüst deutlich besser aus. Im Politikerranking des Meinungsforschungsinstituts Insa für die «Bild» liegt er aktuell auf Platz 3 der beliebtesten Politiker Deutschlands – hinter Grünen-Politiker Cem Özdemir (Platz 2) und SPD-Politiker Boris Pistorius (Platz 1).
An einer Koalition Wüst/Pistorius führt kein Weg vorbei.
— Zacki (@FrankfurtZack) May 26, 2026
Wenn sie Wüst und Pistorius als Spitzenkandidaten aufstellen, bekommen sie sie AFD locker unter 25%
Ich bewerte das nicht, ich benenne es nur. Man muss manchmal die Realität da draußen ansehen und raus aus Twitter. https://t.co/fLNn5Hfanc pic.twitter.com/Xp14HWvmfh
Wüst ist seit 2021 Ministerpräsident im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Im September 2024 sagte er, dass er «aktuell und unter den gegebenen Umständen für die Kanzlerkandidatur der Union bei der Bundestagswahl 2025 nicht zur Verfügung stehe». Öffentlich hatte ihn niemand gefragt, ob er den Job machen wolle. Damit nahm er sich «widerwillig und zurückhaltend» aus dem Rennen, obwohl er gar nicht im Rennen war, wie es «Stern»-Redaktor Gregor Peter Schmitz im Podcast Ronzheimer ausdrückt. Es sei schnell klar gewesen, dass Wüst Ambitionen habe.
In der CDU fällt nun – angesichts der schlechten Umfragewerte des amtierenden Kanzlers – laut Insidern immer häufiger der Name Hendrik Wüst. Der Stern spricht von ihm als «Einwechselkanzler», und auch die FAZ sieht in ihm einen potenziellen Nachfolger. Falls sich die Lage des Kanzlers weiter zuspitzt, gilt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident als Option, schreibt der «Stern».
Der pragmatische Gegenentwurf zu Merz
Wüst steht im Gegensatz zum konservativen Kurs von Friedrich Merz eher für einen pragmatischen Politikstil der Mitte, womit er als anschlussfähiger für breitere Wählerschichten gilt. Dass Wüst in Nordrhein-Westfalen (NRW) erfolgreich mit den Grünen regiert, wird von vielen Beobachtern als Beleg für seine kompromissorientierte und moderne Ausrichtung gewertet.
Hinzu kommt seine politische Erfahrung. Seit mehreren Jahren führt er das grösste Bundesland Deutschlands, davor war er in NRW Landesminister und CDU-Generalsekretär. Schon 2024 sagte Wüst selbst: «Ein Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen ist immer ein möglicher Kanzlerkandidat.»
Zurückhaltung statt offener Machtkampf
Wüst verfolgt bislang einen eher geräuschlosen Kurs, der laut dem «Stern» in Teilen der Union positiv gesehen wird – auch weil er sich nicht ständig in öffentliche Debatten einmischt. Anders als andere Unionspolitiker greift Wüst Merz nicht öffentlich an und hält sich mit grossen Interviews oder Talkshow-Auftritten bislang zurück.
In der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf weiss man, dass jede kritische Äusserung sofort als Machtkampf interpretiert würde. Deshalb setzt Wüst derzeit auf strategische Zurückhaltung – während sein Name in Berlin dennoch immer häufiger fällt.
So wahrscheinlich ist ein Szenario des Kanzlertauschs
Dass der rekordunbeliebte Friedrich Merz 2029 noch einmal antritt, ist eher unwahrscheinlich – sofern seine Regierung überhaupt bis zu den nächsten Wahlen durchhält. Denn laut «Stern»-Chefredaktor Schmitz wird intern längst diskutiert, ob die Regierung ohne Merz stabiler wäre.
Spätestens 2029 könnte sich Hendrik Wüst somit in Stellung bringen, auch wenn vieles offen bleibt: Neben Wüst gelten auch Jens Spahn oder CSU-Chef Markus Söder als mögliche Alternativen.
Spekulationen über eine frühere Übernahme durch Wüst löste zuletzt seine Reise nach Polen mit einem grossen Journalisten-Tross aus. Dass ihn in der vergangenen Woche so viele Pressevertreter in die NRW-Partnerregion Schlesien begleiteten, befeuerte laut Schmitz die Theorie des Kanzlerwechsels.
Baldiger Kanzlertausch eher unwahrscheinlich
Einen Kanzlerwechsel mitten in einer Legislaturperiode hat es in dieser Form noch nie gegeben. Theoretisch wäre ein Austausch über ein konstruktives Misstrauensvotum oder einen freiwilligen Rücktritt von Merz möglich – beides erfordert keine Neuwahlen –, praktisch erscheint das derzeit aber wenig realistisch.
Ein Grund dafür ist, dass auch die SPD und die CSU mitziehen müssten, was laut Polit-Experten derzeit nahezu ausgeschlossen ist. Über die Bereitschaft des Kanzlers, freiwillig auf sein Amt zu verzichten, damit Wüst oder ein anderer Kandidat übernehmen kann, gibt es laut der Bild unterschiedliche Auffassungen. Ein Vertrauter des Kanzlers sagte der Zeitung, Merz nehme die öffentliche Kritik sehr persönlich und könnte Konsequenzen ziehen, falls die angekündigten Reformen scheitern. Andere aus seinem Umfeld widersprechen gegenüber «Bild»: Merz gelte als äusserst ausdauernd und werde ein Amt, für das er jahrelang gekämpft habe, kaum freiwillig aufgeben.
«Es wird nicht die Wunderkur geben»
Gleichzeitig gibt es Zweifel, ob ein Wechsel von Merz zu Wüst tatsächlich die erhoffte Wende bringen würde. Denn die schlechten Umfragewerte der Regierung dürften nicht allein an Merz liegen. Merz' Karten sind mit den aktuellen geopolitischen Herausforderungen und dem Aufstieg rechter Parteien in Europa so schlecht wie schon lange für keinen Kanzler mehr. Daher wird es auch mit einem neuen Kanzler «nicht die Wunderkur geben», schlussfolgert Schmitz.
Schlussendlich nützt ein offener Machtkampf am Ende besonders einer Partei in Deutschland: der AfD.
