Nächsten Mittwoch entscheidet sich das Schicksal von Banksy
Der teuerste Dissident der globalen Kunstwelt versetzt den Markt wieder in Ausnahmezustand. Banksy tut, was er am besten kann. Doch am kommenden Mittwoch auf eine Weise, die nicht zu erwarten war.
Ein Bild des englischen Streetart-Künstlers, jeder kennt es, obschon es noch nie öffentlich zu sehen war – ein Paradox nach dem Geschmack von Banksy – wird an der 5th Avenue in New York versteigert. Der Anlass ist eine der raren, super exklusiven Live-Auktionen, mit welchen der Kunstmarkt seine Eliten füttert.
Das Banksy-Bild, über das der Stab gebrochen wird, heisst «Girl and Ballon on Found Landscape» und stammt von 2012. Es ist Teil der «Crude Oils»-Serie, einer Parodie idyllischer Landschaftsgemälde, die der Künstler mit modernem Schrott dekoriert. Einkaufswagen in (Monets) Seerosenteich, Umweltmüll in Postkartenlandschaft. Kunstgeschichte trifft Endzeitstimmung.
Erwartet wird ein Preis von 18 Millionen US-Dollar. Bewahrheitet sich die Prognose, erzielt Banksy ein neues Rekordergebnis. Er steigt damit in die Champions League mit Goldrand auf. Zudem könnte er von sich behaupten, er sei der einzige Künstler überhaupt, der nicht vom Markt gemacht wurde, sondern auf der Strasse, an Mauern, auf Ruinen. Er wäre ein Midas, der alles zu Gold macht.
Ist Banksy ein Langweiler mit Steuerberater?
18 Millionen US-Dollar sind nicht wenig für ein Werk, zumal es sich um ein Bild handelt, das seit Ende März offiziell um sein schillerndes Betriebsgeheimnis ärmer ist: Nach über 30 Jahren zäher Recherchen soll Banksy enttarnt worden sein. Er war bis dahin der meistgesuchte Kunstkopf weltweit, dann hatten die Spekulationen ein vorläufiges Ende.
Hinter dem Pseudonym Rob Banksy – einem englischen Wortspiel für «robbing Banks», Banken ausrauben – verbirgt sich laut Erkenntnissen von Reuters-Journalisten ein grauhaariger Mittfünfziger aus Bristol. Ein Langweiler mit Sprühdose und Steuerberater, Robin Gunningham. Indizien müssen genügen, Belege für die Behauptung gibt es nicht.
Genauso wenig gibt es Beweise für Banksys Autorschaft am allerjüngsten Coup. Die Enthüllung einer überlebensgrossen Patriotismus-kritischen Skulptur am Waterloo Place in London in einer Nacht- und Nebelaktion Ende April. Lediglich ein kleiner gesprayter Schriftzug am Fuss des Fahnenträgers nennt seinen Namen. Doch einen Graffiti-Tag wie diesen kann jeder anbringen.
Ein Bild tritt aus dem Schatten seines Sammlers
Mit der Versteigerung am Mittwoch wird die Luft um Banksy dünn. Denn es liegt nicht in seiner Macht, den Verkauf zu verhindern – oder zu initieren. Das Kunstwerk gehört einem Privatsammler unbekannter Identität, er wird tun, wonach ihm der Sinn steht. Verkauft er, zieht er das Bild wieder zurück, weil der Preis zu wenig hoch ist? Bisher hielt er das Werk an einem geheimen Ort verborgen.
Die Auktion ist mehr als ein weiteres Ereignis am internationalen Kunstmarkt, wenn auch vielleicht sein spektakulärstes in diesem Jahr. Auch vor dem Hintergrund der Person, die sie als grosses Spektakel inszeniert: Loic Gouzer, früher Star-Auktionator bei Christies, lässt sie im Flagship-Store von Tiffany & Co steigen. Luxusjuwelier trifft Strassenrebell. Die Symbolik spricht für sich.
Das New Yorker Ereignis wird das Schicksal von Banksy entscheiden. Er ist der Lackmustest dafür, wer er wirklich ist. In den Augen der streng kuratierten Käufergruppe freilich, die Zugang zum Ereignis haben wird. Sie nämlich legt den Wert von Banksy fest. Auf ihr Betreiben war er längst kein Street-Art-Phänomen mehr, sondern ein globaler Trophy-Künstler mit museumstauglicher Strahlkraft.
Der Kunstmarkt hat auch Banksy korrumpiert
Seine anarchistische Motivation und seine Glaubwürdigkeit jedenfalls wurden vom Kunstmarkt bereits korrumpiert. Doch die Beschädigung durch den Malstrom des Geldes könnte noch erheblicher ausfallen. Der ehemalige Aussenseiter ist das Zentrum eines Marktes, der mit Kunstankäufen und -verkäufen auf Auktionen globale Finanzströme dorthin steuert, wo Gewinne zu erzielen sind. Doch, wenn Banksy als Robert Cunnigham nicht mehr interessiert, wird er fallen gelassen.
Die New Yorker Auktion wird zeigen, ob seine Zeit abgelaufen ist. Ob durch die Aufdeckung des Batmans der Kunst seiner Superkraft die Luft ausgeht. Bleibt das Bild «Girl and Ballon Found on Landscape» unter dem Schätzwert zurück, ist es in der Tat so weit: Es wäre die nicht mehr zu widerlegende Enttarnung des Banky’ – als Dilettanten.
Wahrscheinlicher aber ist ein anderes Szenario: Banksy ist eine Aktie, die auch am Mittwoch nicht einbrechen wird. Dafür sprechen sein Image als Popstar, die Wiedererkennbarkeit seines Werks und die Tatsache, dass seine Bilder inzwischen globale Trophäen sind.
Paradoxerweise könnte an der Live-Veranstaltung sein Preis sogar noch steigen. Die erste grosse Banksy-Auktion nach seiner Entzauberung wird vielleicht selbst wieder zum historischen Moment. Der Kunstmarkt liebt das Drama, mindestens so sehr wie den Champagner. (aargauerzeitung.ch)

