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Haiti: Bandenchef «Barbecue» droht in mit Bürgerkrieg und Völkermord

epa10870899 The head of the powerful Haitian armed gang G9 Jimmy Cherisier (C), alias Barbecue, led a demonstration attended by several hundred people calling for the removal of Prime Minister Ariel H ...
Jimmy Chérisier: Der Bandenchef ist auch unter dem Namen «Barbecue» bekannt.Bild: keystone

Bandenchef «Barbecue» droht in Haiti mit Bürgerkrieg und Völkermord

Die Situation in Haiti ist weiter angespannt. Ein mächtiger Bandenchef pocht auf den Rücktritt des Ministerpräsidenten – andernfalls drohten Konsequenzen.
06.03.2024, 22:46
Liesa Wölm / t-online
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Ein Artikel von
t-online

In Haiti spitzt sich die Lage nach einem Angriff bewaffneter Banden auf das Nationalgefängnis in der Hauptstadt Port-au-Prince weiter zu. Der mächtige Bandenchef Jimmy Chérisier, auch als «Barbecue» bekannt, warnte vor einer weiteren Eskalation: «Wenn Ariel Henry nicht zurücktritt und die internationale Gemeinschaft ihn weiterhin unterstützt, steuern wir geradewegs auf einen Bürgerkrieg zu, der zu einem Völkermord führen wird», sagte er laut dem Nachrichtensender France 24.

Der 46-Jährige sagte laut Bericht:

«Entweder wird Haiti zu einem Paradies oder zu einer Hölle für uns alle. Es kommt nicht infrage, dass eine kleine Gruppe reicher Leute, die in grossen Hotels leben, über das Schicksal der Menschen in den Arbeitervierteln entscheidet.»

Chérisier führt eine Gruppe von Banden an, die als «G9-Familie und Verbündete» bekannt ist. Laut Berichten dient als sein Vorbild François «Papa Doc» Duvalier, der in den 1960er und 70er Jahren in Haiti regierte – mit rücksichtsloser Brutalität. Chérisier ist ein ehemaliger Polizeibeamter, der wegen Menschenrechtsverletzungen unter UN-Sanktionen steht.

Rückkehr von Ministerpräsident verzögert

Derweil verzögerte die Eskalation der Bandengewalt offenbar die Rückkehr von Ministerpräsident Ariel Henry. Die Behörden des Karibikstaats Puerto Rico bestätigten am Dienstagabend, dass Henrys Regierungsmaschine kurz dort gelandet sei. Sie wisse aber nicht, ob Henry sich noch in Puerto Rico aufhalte, sagte die Sprecherin des Gouverneurs der Nachrichtenagentur AFP.

Aufgrund der Gewalt konnte der Flughafen von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince nicht angeflogen werden. In der benachbarten Dominikanischen Republik erhielt Henry keine Landegenehmigung, wie die dominikanische Mediengruppe CDN berichtete. Die Dominikanische Republik setzte am Dienstag alle Flüge nach Haiti aus.

Banden kämpfen für Henrys Rücktritt

Die Gewalt war am vergangenen Donnerstag eskaliert. Rivalisierende bewaffnete Gruppen, die weite Teile des Landes beherrschen, kämpfen offenbar gemeinsam für den Rücktritt des Regierungschefs Henry, der eigentlich Anfang Februar aus dem Amt scheiden sollte. Vergangene Woche reiste er nach Kenia, wo er ein Abkommen über den Einsatz von kenianischen Polizeikräften in Haiti unterzeichnete. Kenia hatte sich bereit erklärt, eine multinationale, vom UN-Sicherheitsrat gebilligte Eingreiftruppe zu leiten, um die Lage in Haiti zu stabilisieren.

Am Samstagabend hatten kriminelle Banden das Nationalgefängnis in der Hauptstadt Port-au-Prince gestürmt, um Häftlinge zu befreien. Die jüngsten Angriffe sind offenbar Teil einer koordinierten Aktion krimineller Banden, die sich unter dem Namen «Vivre Ensemble» («Zusammen leben») organisiert haben. Bandenchef Chérisier sagte, die Bewaffneten hätten schlimme Taten begangen, aber «ich glaube, dass die Gesellschaft ihnen verzeihen und sich zusammenschliessen muss, um ein neues Haiti zu schaffen».

Barbecue, the leader of the "G9 and Family" gang, listens to his cell phone after addressing journalists in the Delmas 6 neighborhood of Port-au-Prince in Port-au-Prince, Haiti, Tuesday, Mar ...
«Barbecue» droht mit Bürgerkrieg und Völkermord.Bild: keystone

Schwere Krise in Haiti

Der Karibikstaat Haiti steckt seit Jahren in einer schweren Krise, zu der neben Bandengewalt auch politische Instabilität und wirtschaftliche Not gehören. Allein in den vergangenen fünf Jahren hat sich die Zahl der auf humanitäre Hilfe angewiesenen Menschen in dem Land nach UN-Angaben verdoppelt.

Die Ermordung von Präsident Moïse im Jahr 2021 verschlimmerte die Sicherheitslage dramatisch. Allein im Januar wurden nach UN-Angaben in Haiti mehr als 1100 Menschen getötet, verletzt oder entführt. Die kriminellen Banden im Land sind anscheinend besser bewaffnet als die Polizei. Seit 2016 gab es keine Wahlen mehr in dem Karibikstaat. Der Posten des Präsidenten ist vakant.

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55 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Cotten91
06.03.2024 23:07registriert September 2019
Noch so einer welchem eine Durchzugslüftung im Kopf gut tun würde. Haiti ist schon total verarmt und hat seit dem Erdbeben vor Jahren zu kämpfen und dann kommt dieser BBQ und meint er könne mal so zum Völkermord aufrufen. Gewissen fehlt es einfach im Hirn
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Roeger
06.03.2024 23:45registriert März 2019
Momol....Ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig Bildung ist...
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Kleinaberdoktor
06.03.2024 23:53registriert Mai 2020
Was bedeuten UNO Sanktionen?

Haben diese schon jemals irgendjemandem geschadet?

Schön das man bei der UNO darüber geredet hat, mehr nicht
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