International
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Anzeigen wie diese gehen zu Tausenden auf der Twitter-Seite einer mexikanischen Zivilrechtsorganisation ein.

#LesQueremosDeVuelta oder Mexikos andere Pandemie: 73'000 Menschen sind verschwunden



Bryan Arias arbeitete an einem Hamburger-Stand, drei Strassen von seinem Zuhause im westmexikanischen Nayarit entfernt. Vor zweieinhalb Jahren verschwand der 19-Jährige eines Tages auf dem Weg dorthin. Seitdem sucht seine Mutter, Virginia Garay, nach ihm. Und sie ist nicht allein: Mehr als 73'000 Menschen gelten in Mexiko als verschwunden. Garay und den anderen Familien erschwert nun die Corona-Krise die Chancen, Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen zu bekommen.

Es war schon vorher nicht einfach, über den Stand von Ermittlungen zu verschwundenen Personen Auskunft zu bekommen. Und nun arbeiten die Behörden nur noch in reduziertem Umfang. Wie bisher in Gruppen nach Massengräbern zu suchen, ist auch nicht mehr ohne weiteres möglich. Und die tröstenden Umarmungen fehlen.

Zum Internationalen Tag der Verschwundenen an diesem Sonntag verbreitet die mexikanische «Bewegung für unsere Verschwundenen» in sozialen Medien Kennungen wie #LesQueremosDeVuelta (wir wollen sie zurück), um auf die Lage der Familien von Vermissten aufmerksam zu machen.

«Den Behörden passt die Situation wie die Faust aufs Auge, weil sie mehr Ausreden haben, ihre Arbeit nicht zu machen und uns auf Abstand zu halten.»

Virginia Garay dpa

José Ugalde sieht das ähnlich. Sein 25-jähriger Sohn José Esaú verschwand im September 2015 und wurde drei Monate später in der zentralmexikanischen Stadt Querétaro tot aufgefunden.

«Viele Mitstreiter haben ihre Arbeit verloren. Sie haben nichts zu essen und müssen sich dazwischen entscheiden rauszugehen, um Geld für was zu essen zu verdienen, oder um ihre Kinder zu suchen», sagt Ugalde, der heute Sprecher einer Gruppe ist, die Gerechtigkeit für ihre verschwundenen Angehörigen fordert.

Garay hat eine Organisation für die gegenseitige Unterstützung betroffener Familien gegründet: «Kriegerinnen auf der Suche nach unseren Schätzen». Sie sucht nun nicht mehr nur Bryan, das jüngste ihrer drei Kinder, sondern auch die Kinder anderer Mütter.

José Esaú arbeitete in einem Gourmet-Restaurant. An Wochenenden spielte er Schlagzeug in einer Band, die dabei war, ein Album aufzunehmen. Seine von Wildtieren angefressenen Überreste tauchten auf einem Steinbruch auf. Die monatelange Suche war ein Alptraum für die Familie. Ein Mann wurde festgenommen und wegen Mordes an José verurteilt, die Revisionen laufen aber noch.

Der 2006 begonnene «Krieg gegen den Drogenhandel» hat eine blutige Ära der mexikanischen Geschichte losgetreten. Mehr als 333'000 Menschen wurden seitdem getötet, derzeit gibt es knapp 100 Morde am Tag. Dabei nicht mitgezählt sind die gut 73'000 Menschen, bei denen unklar ist, was ihnen passiert ist. Oft wird ein Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen vermutet, nicht selten auch eine Beteiligung der Polizei. Aufklärung ist selten, es herrscht Straflosigkeit.

Immer wieder werden unmarkierte Gräber entdeckt – rund 6600 Leichen wurden so gefunden. Nach Schätzung der staatlichen Menschenrechtskommission liegen in Leichenhallen zudem 30'000 Menschen, die bisher nicht identifiziert wurden.

Auch international hohe Wellen schlug das Verschwinden von 43 Studenten des Lehrerseminars Ayotzinapa. Diese wurden 2014 in Südmexiko von Polizisten verschleppt und einem Rauschgiftkartell übergeben. Trotz Bemühungen der aktuellen Regierung wurden bisher nur Knochenteile zweier der Studenten gefunden – und niemand verurteilt.

Mehr als hundert Gruppen von Angehörigen Verschwundener haben sich formiert, um auf eigene Faust zu suchen. Sie gehen in Leichenhallen, Krankenhäuser und Gefängnisse. Mit Spaten und Eimern suchen sie nach Massengräbern in Wäldern, in verlassenen Minen und an Flussufern.

Auf Druck der Familien wurde 2017 ein Gesetz verabschiedet, das unter anderem die Schaffung von Suchkommissionen auf nationaler Ebene und in den Bundesstaaten vorsieht. Andere Forderungen an die Regierung bleiben offen. Unter anderem wollen die Familien, dass Mexiko den UN-Ausschuss gegen das Verschwindenlassen anerkennt, um ihre Fälle dort vorbringen zu können.

Bei aller Aufmerksamkeit, die das Coronavirus in Mexiko – dem Land mit den drittmeisten Todesfällen – derzeit erfordert, wollen die Angehörigen der Verschwundenen nicht in Vergessenheit geraten. Das Land habe es mit einer doppelten Pandemie zu tun, betonen sie: das Virus und das Verschwinden. (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com (umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

22 mexikanische Gerichte to #MakeMexicoGreatAgain

Mexikos ehemaliger Präsident belehrt Trump mit Kuchen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Nachos-Erfinder Ignacio Anaya Garcia wurde 124 Jahre alt – dazu 7 Dips

Heute vor 124 Jahren wurde Ignacio Anaya García in Acuña, Mexiko, geboren. Warum wir heute immer noch davon sprechen? Er war der Erfinder der allseits beliebten Nachos. Den Namen Nachos gab Restaurantbesitzer Anaya in Anspielung auf seinen Spitznamen.

Erfunden wurden die leckeren Tortillachips, wie alles Gute im Leben, durch Zufall. Als in Anayas Restaurant völlig überraschend eine grössere Gruppe Ehefrauen von amerikanischen Soldaten auftauchte und eine Mahlzeit verlangten, zauberte der …

Artikel lesen
Link zum Artikel