«Nume hert hanis gärn»: Der sogenannte Fotzenrap hat die Schweiz erreicht
Zunächst ein Hinweis: Das Berner Rapduo Bärnbaby, von dem dieser Text handelt, ist so ziemlich das Aufregendste, was die schweizerdeutsche Musikszene derzeit bietet. Aufregend allerdings im Wortsinn. Denn Loop und Nelly, wie sich die beiden Rapperinnen nennen, haben zwar noch nicht viel Musik veröffentlicht, dafür aber solche, die viele provoziert.
Vor einigen Wochen traten die jungen Frauen erstmals beim «Bounce Cypher» auf, dem von SRF organisierten und live-gestreamten Klassentreffen der Schweizer Rapszene. Beim virtuellen Publikum, das live kommentieren konnte, polarisierte Bärnbabys Auftritt. Zuspruch hielt sich die Waage mit äusserst scharfer Kritik.
«Ein schlechter Tag, um Ohren zu haben», «wäre gern schwerhörig» und dergleichen mehr war in der Kommentarspalte des Livestreams zu lesen. Ähnliche Kommentare finden sich unter Clips des Auftritts, die SRF auf Social Media hochgeladen hat. Dabei ist auszuschliessen, dass sich die Kritik an Bärnbabys Handwerk entzündet. Dafür rappen Loop und Nelly, die beide noch keine 20 sind, zu solide. Es muss an den Texten liegen. Und die sind tatsächlich, nun ja, direkt.
Der Mann ist hier Sexualobjekt
Den Beitrag am SRF-«Cypher» eröffnete Loop mit folgenden Zeilen: «Bine radikali Fotze, figge Männer ufem Loeb-Klo / Hane Pisser gstoche, sini Bitch hets mir nid bös gnoh.» Die ersten Zeilen, die Nelly vor SRF-Publikum rappte, zielten in dieselbe Richtung: «Är läckt die Pussy bis am Morge, isch mi Pussyknächt / Är seit, är ma jetz nümm – Bitch, du hesch kei Rederächt.»
Damit ist das Programm von Bärnbaby relativ gut umrissen. Auch in den übrigen zwei bisher veröffentlichten Songs und dem Rest ihrer «Cypher»-Strophen beschreiben Loop und Nelly lustvoll ausgelebte Sexualität («nume hert hanis gärn»).
Gleichzeitig bedeutet Sex hier immer eine Unterwerfung des fiktiven, männlichen Sexualpartners, der barsch angewiesen wird («figg mi no chli schnäuer») und jenseits von Lustbefriedigung nichts zu melden hat («Type fühli nume vo hinge u im liege»).
In Deutschland dreht das Thema schon länger
Mit dieser Art, die eigene Potenz selbstbewusst zu überzeichnen und Männer zu Sexualobjekten zu degradieren, bedienen Bärnbaby ein Musikgenre, das in Deutschland schon länger für ausverkaufte Konzerthallen und grosszügige Feuilleton-Analysen sorgt – aber bis anhin nicht auf Schweizerdeutsch zu hören war: den sogenannten Fotzenrap.
Galionsfigur des Fotzenraps ist die Berliner Rapperin Ikkimel, die kürzlich durch Ticketverkäufe innerhalb von acht Stunden zwei Millionen Euro Umsatz gemacht haben soll. Ihr 2025 erschienenes Debütalbum nannte sie schlicht: «Fotze».
In ihren Songs beschreibt sich Ikkimel als «die allergrösste Fotze der Stadt», die Sex hat, mit wem sie will, und Männer an die Leine bindet. Ähnlich klingt es aktuell bei den deutschen Musikerinnen Shirin David, Zsá Zsá oder 6euroneunzig, die sich ebenfalls dem Fotzenrap zuordnen lassen.
Diese Musik ist kein Zufall
Ihren vielleicht grellsten Ausdruck findet die Bewegung im Umdeuten des Worts Fotze – von Beleidigung zu ermächtigender Selbstbezeichnung. Die Absicht des Fotzenraps ist somit klar. Es geht ihm um die Umkehr patriarchaler Machtverhältnisse, die wiederum jahrzehntelang Männer zu misogynen Raptexten antrieben.
Während manche Rapper bis heute davon reden, was sie mit der Mutter eines Kontrahenten anzustellen gedenken, heisst es bei Bärnbaby im Song «Goofy & Mickey Mouse»: «Di Brüetsch so guet wiene Stoubsuuger / Ha di Vater o grad gfiggt, nenn mi Stiefmuetter.»
Allerdings: Wenngleich solche Zeilen in manchen Ohren schockierend klingen mögen, so ist das Phänomen selbstbewusster, sexuell expliziter Rapperinnen kein grundsätzlich Neues. In Deutschland rappte das Duo SXTN bereits vor zehn Jahren euphorisch über «Fotzen im Club». Nochmal früher debütierte die Rapperin Lady Bitch Ray mit dem Album «Fick mich» (2006) – inspiriert von der Arbeit der US-Rapperin Lil’ Kim, die sich bereits in den Neunzigern als «Queen Bitch» bezeichnet hatte.
Dabei ist zu bedauern, dass sich die Pose, die dem Fotzenrap zugrunde liegt, bis heute offensichtlich nicht erschöpft hat. In einer Welt ohne Epsteins und Pelicots, ohne Femizide und Sexismus – schlicht: ohne Misogynie – drehte sich kaum jemand euphorisch oder verärgert nach einer Frau um, die über sexuelle Freiheit und die Unterwerfung von Männern rappte.
Dass eine solche Welt noch fern ist, zeigen die Reaktionen, die Bärnbabys Auftritt am «Bounce Cypher» auslöste. Dass eine solche Welt jedoch näher ist als auch schon, zeigt sich daran, dass Bärnbaby beim «Bounce Cypher» auftraten. (aargauerzeitung.ch)
