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Patient Pakistan: 5 Übel, an denen das «Land der Reinen» krankt – und die es so gefährlich machen

Wieder starben bei einem Terroranschlag in Pakistan Dutzende von Menschen – blutiger Alltag in der Islamischen Republik. Wenn Pakistan scheitert, ist das nicht einfach ein weiteres Somalia – der 180-Millionen-Staat in Südasien ist ein Pulverfass mit Atomwaffen. 
17.05.2015, 20:4818.05.2015, 13:36

Schreckensmeldungen wie das jüngste Gemetzel – in Karatschi wurden über 40 Menschen in einem Bus erschossen – holen im Westen kaum noch die Frontseiten. Blutige Gewalt scheint in dem südasiatischen Land Alltag zu sein. Anschläge auf Schulen, Kirchen und Politiker sind an der Tagesordnung. 

Und der Terror ist nur eines der Probleme dieses Staates, wenn auch das augenfälligste. Pakistan ist Atommacht, aber schafft es nicht, auf seinem Gebiet die Kinderlähmung in den Griff zu bekommen, die dort entgegen dem globalen Trend im Vormarsch ist. Nicht genug damit: Auch Analphabetismus scheint im «Land der Reinen» – das bedeutet der Landesname auf Urdu – endemisch zu sein: 42 Prozent der Erwachsenen können nicht lesen

Ethnische Konflikte in Karatschi: Anschlag auf Sicherheitskräfte. 
Ethnische Konflikte in Karatschi: Anschlag auf Sicherheitskräfte. Bild: REHAN KHAN/EPA/KEYSTONE

Warum hat sich Pakistan – ganz im Gegensatz zu seinem gehassten Zwillingsbruder Indien – zu einem Staat entwickelt, der oft als potenziell gefährlichster der Welt apostrophiert wird? Der regelmässig als Kandidat für einen «failed state» genannt wird? Was fehlt dem Patienten Pakistan? 

1. Geburt aus Gewalt

Pakistan und Indien sind beide aus der Konkursmasse des britischen Kolonialreichs hervorgegangen; beide sind Erben Britisch Indiens. Die Geburt der beiden Staaten war begleitet von blutiger Gewalt: Religiöse und ethnische Kämpfe bei der Teilung des Subkontinents kosteten bis zu einer Million Menschen das Leben, rund 20 Millionen Menschen verloren ihre Heimat und mussten in das jeweils andere Land flüchten. 

Muhadschir, muslimische Flüchtlinge aus Indien (1947).
Muhadschir, muslimische Flüchtlinge aus Indien (1947).Bild: AP

Die Erschütterungen dieser gewaltigen und gewaltsamen Völkerwanderung trafen das bedeutend kleinere Pakistan stärker als den Giganten Indien. Sie gaben der jungen Islamischen Republik von Anfang an ein Element der Instabilität mit auf den Weg.  

2. Ethnische Konflikte und Separatismus

Auch nach der Abspaltung des bengalischen Ostpakistan vom Staatsgebiet 1971 ist Pakistan alles andere als ethnisch homogen. Die grösste Ethnie sind die Pandschabi und verwandte Gruppen, die etwa die Hälfte der Bevölkerung stellen. Rund 15 Prozent sind Sindhi, die überwiegend in der nach ihnen benannten Provinz im Süden leben. 

Die Karte zeigt die Gebiete der vier wichtigsten Ethnien in Pakistan (um 1980). Die Staatsgrenzen zerschneiden die Stammesgebiete der Pandschabi, Paschtunen und Belutschen.
Die Karte zeigt die Gebiete der vier wichtigsten Ethnien in Pakistan (um 1980). Die Staatsgrenzen zerschneiden die Stammesgebiete der Pandschabi, Paschtunen und Belutschen.Karte: www.lib.utexas.edu

In der dort gelegenen Metropole Karatschi flammen immer wieder Konflikte mit den Muhadschir auf, jenen Muslimen, die nach der Teilung aus Indien flohen und sich vorzugsweise in Sindh ansiedelten. Ebenfalls etwa 15 Prozent sind Paschtunen. Sie sind – wie die Belutschen an der Grenze zum Iran – ein iranisches Volk, das zugleich die Mehrheit in Afghanistan stellt. 

Das Stammesgebiet der Paschtunen im Nordwesten wurde in der Kolonialzeit durch die Durand-Linie zerschnitten, die heutige afghanisch-pakistanische Grenze. Bei Paschtunen wie Belutschen gibt es starke separatistische Bestrebungen, die die Zentralregierung in Islamabad herausfordern. Diese wiederum neigt dazu, kleinere Provinzen und Minderheiten zu benachteiligen, auch unter Missachtung der Verfassung. 

3. Schwacher Staat, starkes Militär

Der staatliche Apparat in Pakistan ist in weiten Teilen schwach: Bildungs- und Gesundheitswesen sind in einem erbärmlichen Zustand, Verwaltung und mehr noch Polizei sowie Justizwesen sind anfällig für Vetternwirtschaft und Korruption. Das Militär dagegen ist finanziell gut ausgestattet und gut organisiert – es scheint diejenige Institution in Pakistan zu sein, die am besten funktioniert. Die Streitkräfte neigen denn auch dazu, immer wieder die politische Macht zu usurpieren. 

Das problematische Verhältnis zwischen politischer und militärischer Macht wird zusätzlich kompliziert durch die Rolle der Geheimdienste. Der mächtige Geheimdienst, Inter Services Intelligence (ISI), der wie ein Staat im Staate eine eigene Aussenpolitik betreibt, steht im Verdacht, mit den Taliban und anderen islamistischen Gruppierungen zu kooperieren und sogar die Planung von Terroranschlägen übernommen zu haben. 

Nukleares Muskelspiel: Pakistan verfügt über ein schnell wachsendes Arsenal von Atomwaffen.  
Nukleares Muskelspiel: Pakistan verfügt über ein schnell wachsendes Arsenal von Atomwaffen.  Bild: EPA

Damit erscheint die Tatsache um so bedrohlicher, dass Pakistan über eine Atomstreitmacht von mittlerweile 80, womöglich sogar bis zu 150 Sprengköpfen verfügt. Die Sorge gründet weniger darauf, die nuklearen Waffen könnten in einem möglichen Krieg mit dem ebenfalls atomar bestückten Erzfeind Indien – beispielsweise im Konflikt um Kaschmir – eingesetzt werden. 

Befürchtet wird eher, dass pakistanische Atomwaffen «in falsche Hände» geraten könnten, sei es durch einen internen Umsturz oder die Weitergabe an Drittstaaten oder sogar terroristische Gruppen. Saudi-Arabien – das die pakistanische Bombe mit Milliardensummen finanziert hat – soll angeblich Zugriff auf mehrere pakistanische Sprengköpfe haben. 

4. Religiöse Intoleranz

Pakistan wurde als erste Islamische Republik der Welt gegründet, als Heimstatt für die Muslime des Subkontinents. Erst in den Siebzigerjahren aber wurden zusehends radikalere Strömungen immer stärker. Eine massive Islamisierung fand dann während der dritten Militärdiktatur unter General Zia ul-Haq zwischen 1977 und 1988 statt. 

Ein zusätzlicher Radikalisierungsschub setzte 1979 mit der sowjetischen Invasion des Nachbarlandes Afghanistan ein. In den tausenden von Medressen, den meist mit saudi-arabischen Spendengeldern finanzierten Koranschulen, wuchs eine religiös indoktrinierte, anderweitig aber unwissende Jugend auf, die dem Ruf zum Heiligen Krieg in Afghanistan und im Kaschmir folgte. 

«Bildung», Kost und Logis – alles ist gratis in den Koranschulen.
«Bildung», Kost und Logis – alles ist gratis in den Koranschulen.Bild: AP

«Taliban», wörtlich «Schüler», wurde zum Synonym für radikalislamische Gotteskrieger: Afghanische Flüchtlinge, die in pakistanischen Medressen geschult wurden, formierten die Taliban-Miliz, die bis 2001 in Afghanistan an der Macht war und heute noch Teile des Landes beherrscht. Der pakistanische Zweig der Miliz, die Tehrik-i-Taliban Pakistan, hat ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan. Bevor sie zu einer tödlichen Bedrohung heranwuchsen, wurden sie vom militärisch-geheimdienstlichen Establishment als gottesfürchtige, patriotische Kämpfer betrachtet. 

Die Medressen lehren eine wortgetreue, konservative Auslegung des Islam, die der Deobandi-Schule folgt, einer radikal neo-traditionellen Spielart des Islam. Diese auf dem Subkontinent verbreitete Denkschule verbindet sich problemlos mit dem aus Saudi-Arabien importierten Wahabismus und den extrem konservativen Traditionen der Muslime im ländlichen Pakistan. 

Diese Saat der Intoleranz geht nun immer mehr auf: Die Position der schiitischen Minderheit im Land wird zunehmend prekär. Auch die kleine christliche Minorität wird immer mehr drangsaliert. Die Militanz der religiösen Fanatiker kennt kaum mehr Grenzen: 2011 wurde der einzige christliche Minister in der Regierung erschossen, weil er das Blasphemiegesetz kritisiert hatte. 

5. Feudale Verhältnisse

Seit der Staatsgründung hatten in Pakistan die Grossgrundbesitzer das Sagen, und im Wesentlichen haben sie es heute noch. Diese ländliche Elite ist mit den Spitzen von Bürokratie und Militär verbandelt. Bisher gelang es nur wenigen Vertretern der Mittelschichten, in diese Führungsriege aufzusteigen. Eine Ausnahme von diesem Muster stellen die Muhadschir dar, die sich nach der Flucht aus Indien in den Grossstädten ansiedelten und besonders in der Verwaltung Spitzenpositionen erobern konnten. Allmählich dringen auch Unternehmer aus den Städten in die inneren Zirkel der Macht vor, doch oft sind auch sie Abkömmlinge von ländlichen Grossgrundbesitzer-Familien. 

Grossgrundbesitzer beherrschen in Pakistan noch immer das Land –  und auch die Leute. 
Grossgrundbesitzer beherrschen in Pakistan noch immer das Land –  und auch die Leute. Bild: Agricorner.com

Entsprechend sind die politischen Parteien in Pakistan kaum dazu geeignet, Probleme der breiten Massen aufzugreifen – geschweige denn zu lösen. Sie sind – mit Ausnahme der Parteien der religiösen Fundamentalisten – autoritär von oben gelenkte Vereinigungen, die oft von einem Grossgrundbesitzer-Clan oder sonst einer Familiendynastie beherrscht werden. Ihr Zweck besteht vornehmlich darin, lokal und regional einflussreichen Cliquen Gelegenheiten zur Bereicherung zu bieten. 

Solange sich an diesen Verhältnissen nichts ändert, wird Pakistan weiterhin als gefährlicher Gigant am Rande des Ruins entlangtaumeln. 

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