Ehemalige Pressechefin rechnet mit Selenski ab – und macht sich selbst zum Gespött
Der Krieg ist «nicht mehr schwarz-weiss», sagt Julia Mendel. «Er ist finster. Und noch viel finsterer. Wir sehen Putin als böse an. Aber auch Selenski ist böse, nur versteckt. Vor der Kamera ist er ein Teddybär, doch sobald das Licht ausgeht, verwandelt er sich in einen Grizzlybären und vernichtet Menschen.»
Die ehemalige Pressesprecherin des ukrainischen Präsidenten kommt im Interview mit dem US-Influencer Tucker Carlson immer mehr in Fahrt: Selenski sei «emotional unkontrollierbar», wechsle ständig «die Masken» und habe keine echte Empathie. Von ihr habe er verlangt, «Goebbels-Propaganda» zu machen; bei dieser Aussage muss selbst Carlson lächeln. Zudem, behauptet Mendel, sei Selenskis angeblicher Kokainkonsum ein «offenes Geheimnis» – Belege dafür bleibt sie allerdings schuldig, wie bei den meisten ihrer Vorwürfe.
Zweifelhaft sind ihre Aussagen zu den Verhandlungen von Istanbul im Frühjahr 2022. Mendel behauptet, Selenski habe damals einer Abtretung des Donbass zugestimmt. Zu diesem Zeitpunkt war sie jedoch bereits seit fast einem Jahr nicht mehr im Amt und nicht in die Gespräche involviert. In bekannten Entwürfen einer Vereinbarung findet sich ein solcher Punkt jedenfalls nicht.
Auch politisch zeichnet Mendel ein düsteres Bild: In der Ukraine sei «alles verboten», es herrsche eine vom Präsidenten betriebene «Cancel Culture». Korruption werde zumindest toleriert. Dabei stützte sie Mendel nicht auf bekannte Ermittlungen, sondern auf persönliche Anekdoten. Selenski sei «der grösste Profiteur des Krieges».
«Früher nur eine Versagerin, jetzt eine Verräterin»
Am Ende des Interviews wendet sie sich auf Russisch direkt an Wladimir Putin: «Frieden ist das Einzige, was man heute richtig machen kann.» Es gebe keinen Gewinner, «Slawen töten Slawen». Zugleich erklärt sie Selenski zum grössten Friedenshindernis – die Ukraine müsse zu einem Abkommen gedrängt werden.
Wenig überraschend kommt ihr Auftritt bei Tucker Carlson in der Ukraine ziemlich schlecht an. Früher sei sie bloss «eine Versagerin» gewesen, «jetzt ist sie auch noch eine Verräterin», heisst es in einem Kommentar. Selenskis Kommunikationsberater Dmytro Lytwyn reagiert ebenso knapp: «Diese Dame hat an den Verhandlungen in Istanbul nicht teilgenommen und sie ist schon lange nicht mehr bei Sinnen.»
Der Präsident wird seinerseits von der Vergangenheit eingeholt. Als Wolodimir Selenski 2019 die Wahlen in der Ukraine klar gewann, wollte der ehemalige Fernsehmanager und Schauspieler vieles anders machen als seine Vorgänger – auch in der Kommunikation. Die Stelle des Pressesprechers schrieb er öffentlich aus. Hunderte Bewerbungen gingen ein. Gefordert waren drei Sprachen, Erfahrung im Journalismus und die Bereitschaft, im Zweifel rund um die Uhr erreichbar zu sein.
Die Wahl fiel überraschend auf Julia Mendel. Die heute 39-jährige Journalistin aus Cherson – die Stadt wurde im November 2022 von ukrainischen Truppen befreit – war in der Branche zwar kein unbeschriebenes Blatt, aber auch kein Star. Sie arbeitete für ukrainische Fernsehsender und vor allem im Umfeld internationaler Medien.
Als Freelancerin schrieb sie zwischen 2017 und 2019 für die «New York Times». Kurz vor ihrem Wechsel ins Präsidialamt wirkte sie als Co-Autorin an einem viel beachteten Artikel über mögliche Interessenkonflikte des damaligen US-Vizepräsidenten Joe Biden mit. Ausschlaggebend für ihre Ernennung dürften ihre Kontakte zu US-Medien und ihr gutes Englisch gewesen sein. Heute wirkt diese Entscheidung problematisch.
Bemerkenswerte Wandlung nach der Entlassung
Schon während ihrer Amtszeit sorgte Mendel für Kontroversen. In ihrem ersten Jahr stiess sie einen Journalisten beiseite, der eine Frage stellen wollte – woraufhin Kollegen ihre Entlassung forderten. Als Selenski sich im Juli 2021 von ihr trennte, kam das daher wenig überraschend. Bemerkenswert ist jedoch der Wandel danach: In Büchern, die 2021 und 2022 erschienen, zeichnete Mendel noch ein äusserst positives Bild des Präsidenten.
Inzwischen hat sich ihr Ton deutlich verändert. Auf ihrem englischsprachigen X-Kanal mit über 160’000 Followern kritisiert sie Selenski regelmässig und thematisiert Probleme wie die Mobilisierung. Anfang des Jahres sorgte sie zudem für Schlagzeilen, als sie den damaligen Präsidialamtschef Andrij Jermak der Anwendung «magischer Rituale» beschuldigte.
Selbst unter Selenskis schärfsten Kritikern stösst Mendels aktuelles Auftreten auf Skepsis. Was Sorgen bereitet, ist aber die Wirkung, die ihre Auftritte international entfalten könnten. Tucker Carlson erreicht ein grosses Publikum, das der Ukraine ohnehin kritisch gegenübersteht – und dazu neigt, das Land mit seinem Präsidenten gleichzusetzen. (aargauerzeitung.ch)
