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Irans Einfluss an Schweizer Hochschulen

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Das iranische Regime schickt Forscherinnen und Forscher an europäische Universitäten, um Wissen über westliche Technologien zu erhalten.Bild: keystone

«An den Hochschulen gibt es ein Nest»: Irans Einfluss reicht bis in die Schweiz

Eine Iran-Kennerin beschreibt ein System gegenseitiger Gefälligkeiten – mit potenziell gefährlichen Folgen.
02.04.2026, 16:1802.04.2026, 16:18
Benjamin Rosch / ch media

Der Fall sorgte international für Aufsehen. Mohammad Abedini, war iranischer Wissenschafter in Diensten der technischen Hochschule Lausanne (EPFL). Und stand plötzlich im Verdacht, für das iranische Regime zu schmuggeln.

Laut einer Anklage vor einem Bundesgericht im US-Bundesstaat Massachusetts soll Abedini US-Technologie für die Killerdrohnen der iranischen Revolutionsgarden beschafft haben. Die Behörden legten ihm Verschwörung zur Umgehung von Sanktionen und Verschwörung zur Unterstützung einer internationalen Terrororganisation mit Todesfolge zur Last.

Zu einer Verurteilung kam es nicht. Vor rund einem Jahr war der in Mailand festgesetzte Abedini wohl Teil eines diplomatischen Tauschgeschäfts zwischen Italien und dem Iran, im Zuge dessen eine italienische Journalistin freikam.

Schlaglicht auf Schweizer Universitäten

Die Staatsaffäre zog auch die Schweiz ins Zwielicht. Wie gut schützt dieses Land ihre Bildungsinstitutionen davor, dass deren sensible Forschung nicht in den Händen von Autokraten landet?

Seit Ausbruch des Iran-Kriegs ist diese Frage wichtiger denn je. Die «NZZ» zeichnete in einer am Dienstag publizierten Recherche nach, dass Abedini kein Einzelfall ist.

Ausgangspunkt des Artikels ist ein Vorfall in Lausanne: Nach einer Gedenkfeier für den getöteten iranischen Führer Ali Khamenei kommt es zu einer Konfrontation zwischen Regimegegnern und -anhängern, die gefilmt und in sozialen Netzwerken verbreitet wird. Die identifizierten Beteiligten gehören zu einem informellen Netzwerk mit Verbindungen zum iranischen Machtapparat.

Im Zentrum stehen drei Personen: ein in der Schweiz ausgebildeter Mikrotechnik-Forscher; ein mutmasslich ehemaliges Mitglied der Basij-Miliz (eine Abteilung der Revolutionsgarde); sowie die Tochter des Teheraner Bürgermeisters Alireza Zakani. Sie alle lebten oder arbeiteten in Lausanne, teils an derselben Adresse, und haben Verbindungen zu Institutionen wie den Revolutionswächtern.

Trotz ihrer Nähe zum iranischen Regime gibt es keine Beweise für illegale Aktivitäten. Es zeigt sich jedoch ein Muster: Immer wieder studieren Angehörige der iranischen Elite an Schweizer Hochschulen wie der EPFL. Mit Iranern darüber zu sprechen, ist nicht einfach: Gross ist die Sorge vor der Macht der Mullahs.

Le logo de l'Ecole Polytechnique Federale de Lausanne, EPFL, est visible sur le campus devant le Rolex Learning Center le mercredi 11 mars 2020 a Lausanne. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
Einige Exil-Iranerinnen und Iraner studieren an Schweizer Hochschulen.Bild: KEYSTONE

Ein Muster, das Ana Nazari aus eigener Beobachtung kennt. Nazari, die eigentlich anders heisst, flüchtete einst mit ihrer Familie aus dem Iran und studierte hier. Sie sagt: «Ich habe lange darauf gewartet, dass diese Machenschaften ans Licht kommen. Überrascht hat es mich gar nicht.»

«Wohlgeborene» und gezielt geförderte Regimetreue

Die iranische Diaspora in der Schweiz umfasst rund 10'000 Menschen. Man kennt sich. Und ist politisch gespalten. «Schon als ich zur Uni ging, gab es Frauen, die in der Mensa ein Kopftuch anzogen, wenn sie mit regimetreuen Mitstudenten unterwegs waren.» «Aghazadeh», habe man sich dann zugeraunt, erzählt Nazari. Das ist persisch und bedeutet «Wohlgeborene», eine Umschreibung für die Abkömmlinge einflussreicher iranischer Familien. Von diesen gäbe es vor allem in den technischen Studiengängen eine besondere Ansammlung: «An der EPFL und auch an der ETH gibt es ein Nest», sagt Nazari. Das sei kein Zufall.

«Das Regime rekrutiert aber auch häufig aus der unteren oder der Mittelschicht Männer, die sich in den Dienst der Revolutionsgarden stellen.» Wer sich hervortue, könne an der Sharif-Universität studieren, der renommiertesten technischen Hochschule des Irans. Von dort könne dann der Sprung an eine europäische Uni erfolgen, «nicht selten mit finanzieller Unterstützung der Revolutionsgarden».

Für die jungen Männer ist dies die Chance zum sozialen Aufstieg. «Aber wer in solchen Strukturen gross wird, verpflichtet sich später, das erlangte Wissen zurückzubringen in die Heimat», sagt Nazari. Über diesen Weg erhalte das international sanktionierte Land Wissen über westliche Technologien.

Sowohl an der ETH wie auch an der EPFL organisieren sich Exil-Iraner in Studentengruppen. Auch Abedini soll aktives Mitglied gewesen sein, sagen Quellen gegenüber dieser Zeitung. Sie treffen sich zu Lesungen, unternehmen Reisen in die Berge – und feiern – very american – sogar Halloween. Nichts deutet daraufhin, dass im Hintergrund das Regime wirkt. Im Gegenteil: Als die ETH im vergangenen Jahr den iranischen Bioethik-Professor Kiarash Aramesh für einige Monate als Forschungsgast verpflichtete, veranstalteten die iranischen ETH-Studierenden spontan einen Lesezirkel, wie Telegram-Chats zeigen. Aramesh machte mehrfach mit sehr regimekritischen Bemerkungen auf sich aufmerksam.

Der Hilferuf des ETH-Rektors

«Man darf keinesfalls alle in einen Topf werfen», sagt auch Ana Nazari. Gerade deshalb fände sie es aber wichtig, die Hochschulen würden genauer hinschauen.

ZUR MELDUNG, DASS DER STAENDERAT IN DEN KOMMENDEN VIER JAHREN 395 MILLIONEN FRANKEN IN BILDUNG UND FORSCHUNG INVESTIEREN WILL, STELLEN WIR IHNEN AM DIENSTAG, 13. SEPTEMBER 2016, FOLGENDES ARCHIVBILD Z ...
Gefahr vor Wissensspionage: Forschung an Schweizer Hochschulen.Bild: KEYSTONE

Bei ETH-Rektor Günther Dissertori rennt sie damit offene Türen ein. Nach dem Abedini-Skandal verfasste der Teilchenphysiker im vergangenen Herbst eine Abhandlung über die Gefahr von Wissensspionage in der Schweiz. Der weltoffene Forschungsstandort weise «erhebliche Schwachstellen auf, die systematisch angegangen werden müssen», schrieb Dissertori. Vielen Schweizer Institutionen fehle es an spezifischem Fachwissen «in den Bereichen Wissenssicherheitsbewertung und Risikomanagement».

Dissertori plädiert für ein niederländisches Vorbild: Dort vernetzt eine zentrale Stelle Hochschule mit nachrichtendienstlichen Behörden und nimmt Risikobeurteilungen vor. Im Idealfall, zeigte sich Dissertori optimistisch, könne eine Arbeitsgruppe bereits 2026 erste Strukturen dafür schaffen. (aargauerzeitung.ch/nil)

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