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International
Skandinavien

3500 Corona-Tote, Tendenz steigend – Schwedens Sonderweg im Kreuzfeuer

3500 Corona-Tote, Tendenz: stark steigend – Schwedens Sonderweg im Kreuzfeuer

15.05.2020, 10:4816.05.2020, 09:48
epa08410703 People enjoy a fairly warm spring day in Ralambshovsparken park in central Stockholm, Sweden, 08 May 2020. EPA/Henrik Montgomery SWEDEN OUT
Schweden schliesst nicht - das öffentliche Leben geht weiter.Bild: EPA

Schweden und Dänemark geben beide um Punkt 14.00 Uhr ihre täglichen Corona-Zahlen bekannt. Damit hören die Gemeinsamkeiten der skandinavischen Nachbarn in der Corona-Krise aber auch schon auf.

Während die Dänen das neuartige Coronavirus mit strikten Massnahmen in den Griff bekommen haben wie kaum ein zweites Land in Europa, stehen die Schweden mit ihrer freizügigeren Strategie bislang weitaus schlechter da. Und auf der dänischen Seite der Öresundbrücke fragt man sich bereits: Sind die Schweden verrückt geworden - oder stellt sich ihr Sonderweg am Ende als genial heraus?

Ein Blick auf die Zahlen der vergangenen Tage macht die Unterschiede zwischen den beiden ansonsten eng verbundenen Ländern deutlich: Am Donnerstag vermeldeten die Schweden 69 neue Covid-19-Tote und 673 Neuinfektionen, während es bei den Dänen nur vier weitere Todesfälle und 46 bestätigte neue Fälle waren. Am Mittwoch waren in Schweden gar 147 Tote hinzugekommen, in Dänemark waren es da lediglich sechs.

epa08391751 Medical staff in protective gear administer a Covid-19 test at a test facility in a tent outside Skane University Hospital in Lund, Sweden, 29 April 2020. The Skane region this week starte ...
Bild: EPA

Insgesamt steht Schweden bei mehr als 28 600 Infektions- und 3500 Todesfällen, verglichen mit etwa 10 700 Erkrankungen und knapp 540 Toten in Dänemark, wo etwa halb so viele Menschen wohnen.

Auch im Vergleich zum restlichen Skandinavien sticht Schweden mit den höchsten Zahlen heraus. Trotzdem hält das Land von Ministerpräsident Stefan Löfven und Staatsepidemiologe Anders Tegnell an seiner Strategie fest. Die Lage im Land sei stabil, versicherte Tegnell zuletzt. Auch wenn er einräumte: «Es ist furchtbar traurig, dass weiter so viele Menschen in Schweden an dieser Krankheit sterben.»

epa08419852 Swedish Prime Minister Stefan Lofven reacts during a press briefing on the current situation of the ongoing pandemic of the COVID-19 disease caused by the SARS-CoV-2 coronavirus in the Sca ...
Stefan LöfvenBild: EPA

Anders als der Rest Europas hat sich Schweden im Kampf gegen das Coronavirus dagegen entschieden, grosse Teile des öffentlichen Lebens zu beschränken. Schulen, Geschäfte und Restaurants - die jetzt etwa in Dänemark nach und nach wieder geöffnet wurden oder werden - blieben durchgehend offen. Trotzdem geht es auch den Schweden darum, die Corona-Ausbreitung abzubremsen, um Todesfälle zu vermeiden und das Gesundheitswesen nicht zu überlasten. «Schweden verfolgt dieselben Ziele wie alle anderen Länder - Leben zu retten und die öffentliche Gesundheit zu schützen», machte Aussenministerin Ann Linde am Mittwoch nochmals auf Twitter klar.

Die ergriffenen Massnahmen sind in Schweden jedoch deutlich gemässigter gewesen als anderswo: Versammlungen mit mehr als 50 Teilnehmern sind verboten, nur Gymnasien und Unis geschlossen. Die Regierung und die Behörden appellieren ansonsten hauptsächlich an die Vernunft und den gesunden Menschenverstand ihrer Bürger. Sie bitten sie, Abstand zu halten und bei Symptomen zu Hause zu bleiben - besonders Letzteres wird von manchen Wissenschaftlern skeptisch gesehen.

«Die gesamte Strategie der schwedischen Gesundheitsbehörde baut auf einem lebensgefährlichen Konzept auf: Bleib' zu Hause, wenn du dich krank fühlst», kritisierte die Stockholmer Virologin Lena Einhorn bereits Mitte April im Sender SVT. Wenn man Kranke bitte, zu Hause zu bleiben, dann habe man einen grossen Anteil der Infizierten nicht im Blick, was nicht zuletzt für Ältere Lebensgefahr bedeute, so Einhorn.

Mit ihrer Kritik am Sonderweg steht sie nicht allein da, wie mehrere Meinungsbeiträge schwedischer Wissenschaftler zeigen. 22 Forscher erklärten das Vorgehen der Gesundheitsbehörde in der Zeitung «Dagens Nyheter» bereits im April für gescheitert. Andere glauben dagegen weiter fest an den antiautoritären und freiheitlicheren Ansatz. Das führt so weit, dass manche Schweden T-Shirts mit Tegnell-Porträts tragen oder sich Tattoos mit seinem Konterfei stechen lassen. Sogar von «Corona-Patrioten» und «Gesundheitsnationalismus» ist in den führenden Zeitungen des Landes die Rede.

Besonders die Lage unter den älteren Schweden, auf die auch Einhorn hinwies, stellt jedoch ein erhebliches Problem dar: Fast 90 Prozent aller schwedischen Corona-Toten sind über 70 Jahre alt gewesen. Dabei hat die Regierung diese Hauptrisikogruppe eindringlich gebeten, soziale Kontakte zu meiden, auch Besuche in Altersheimen sind seit dem 1. April verboten. Trotzdem sind diese Heime von der Pandemie besonders hart getroffen worden, sei es in der Hauptstadt Stockholm oder in anderen Landesteilen: Etwa jeder zweite bisherige Covid-19-Tote im Land ist ein Heimbewohner gewesen.

FILE - In this file photo dated Thursday May 7, 2020, Sweden's state epidemiologist Anders Tegnell of the Public Health Agency of Sweden during a news conference on the coronavirus Covid-19 situation, ...
Tegnell.Bild: AP

Es gibt aber auch positive Entwicklungen: Die Reproduktionszahl lag in der zweiten April-Hälfte fast kontinuierlich unter 1.0. Das bedeutet, dass jeder Infizierte im Mittel weniger als eine weitere Person ansteckt. Die Zahl neuer Intensivpatienten geht mehr oder minder regelmässig zurück. Und in Stockholm diskutiert man zudem über eine möglicherweise nahende Herdenimmunität, die als Konsequenz des Sonderwegs bald in der Stadt eintreten könnte.

Dazu schrieben besagte 22 Forscher am Donnerstag jedoch in einem neuen Meinungsbeitrag, es sei «unrealistisch und gefährlich», sich auf diese Strategie zu verlassen. «Anstatt Menschen sterben zu lassen, sollten wir Menschen am Leben erhalten, bis wirksame Behandlungen und Impfstoffe eingesetzt werden können.»

Ob die eigenwillige Corona-Strategie der Schweden am Ende aufgeht, lässt sich auch mehrere Monate nach Pandemie-Beginn noch nicht abschätzen. «Wir können keine Schlüsse ziehen, bevor es vorbei ist», sagte auch Tegnell in einer am Dienstag veröffentlichten Reportage des dänischen Rundfunksenders DR. Bis dahin, so Tegnell, dürfte wohl noch mindestens ein Jahr vergehen. (aeg/sda/dpa)

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116 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Sitzplätzler
15.05.2020 11:19registriert April 2017
An diejenigen, die den Schweden-Weg feiern: Ihr habt aber schon auch bemerkt; dass die Wirtschaft nicht wirklich besser als in der Schweiz dasteht?
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Lowend
15.05.2020 11:28registriert Februar 2014
Was komplett ausgeblendet wird, ist der Umstand, dass Schwedens Wirtschaft trotz der milderen Massnahmen in extreme Schieflage geraten ist und der Staat den Betroffenen auch kaum zu Hilfe kommt, weil er ja nicht so stark eingegriffen hat.

BIP: 2020: -7%; 2021: -5%
Arbeitslosigkeit steigt auf 14%!
Die unteren Einkommen sinken.

Meiner Meinung nach sind diese schlechten Kennzahlen, erkauft durch den Tod der älteren Bevölkerung, ein ganz mieses Geschäft.

https://sebgroup.com/sv/press/pressmeddelanden/2020/seb-nordic-outlook-historisk-tvarnit-trots-rekordstora-stimulanser--
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Blaumeisli
15.05.2020 11:33registriert Januar 2019
Ob restriktiv oder freizügig der bessere Weg war wird sich herausstellen.

Was ich jedoch bedenklich finde ist, dass in Kauf genommen wird, dass so viele Menschen an einem Virus erkranken, dessen Langzeitfolgen noch so unbekannt sind. Ich hoffe wirklich, dass wir diesbezüglich keine böse Überraschungen erleben werden... sollte es aber der Fall sein, würde Schweden schon ein bisschen blöd da stehen...
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