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Südamerika

Nach Flugzeugabsturz im Amazonas: Vier Kinder noch immer verschollen

Das Rätsel um die verschwundenen Kinder im kolumbianischen Amazonas

Vor fast drei Wochen stürzte in Kolumbien ein Kleinflugzeug über dem Amazonas ab. Vier Kinder sollen den Absturz überlebt haben und nun gefunden worden sein. Die Informationen sind allerdings widersprüchlich. Wie alles begann und wie die Lage jetzt ist.
19.05.2023, 19:55
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Am Morgen des 1. Mai hob im Süden Kolumbiens eine kleine Cessna 206 mit 7 Passagieren vom Flughafen in Araracuara ab. Im Flieger sassen eine Mutter mit ihren vier Kindern, ein Indigenenführer und der Pilot. Ihr Ziel, den Flughafen in San José del Guaviara, erreichten sie jedoch nie. In etwa der Hälfte der Strecke stürzte das Flugzeug inmitten des dichten Regenwaldes ab.

Die Tragödie begann aber schon viel früher, mit dem Verschwinden von Manuel Ranoque.

Das Verschwinden des Familienvaters

Manuel Ranoque, Mann von Magdalena Mucutuy und Vater ihrer vier Kinder, war Gouverneur des Indigenenreservats von Puerto Sábalo. Eine kolumbianische Gemeinde mitten im Amazonas-Dschungel, die bloss über einen Fluss oder über die Luft erreichbar ist.

Er sei beliebt gewesen, berichtet die kolumbianische Regionalzeitung «El País» am Freitag. Umso mehr habe es die Gemeinde überrascht, als er über Nacht plötzlich spurlos verschwunden sei, seine Frau und vier Kinder zurücklassend. Während Wochen habe die Gemeinde über sein abruptes Verschwinden gerätselt. Doch dann, als er schon fast in Vergessenheit geraten sei, so «El País», habe er plötzlich seine Familie angerufen.

Er bat sie inständig, ihn so schnell wie möglich zu treffen und keine Zeit zu verlieren. Endlich kam auch der Grund für sein Verschwinden ans Licht: Er war von Guerillas bedroht worden und fürchtete um sein Leben. Seine Flucht aus dem Dschungel endete in der Stadt Villavicencio, 70 km südöstlich der Hauptstadt Bogotá. Dort wollte er seine Familie treffen, um gemeinsam mit ihnen nach Bogotá zu reisen und ein neues Leben zu beginnen.

Seine Frau folgte seinem Ruf. In der Hoffnung, ihren Mann und Vater ihrer Kinder wiederzusehen, bestieg Magdalena Mucutuy am 1. Mai mit ihren vier Kindern, einem Freund der Familie und dem Piloten das einmotorige Flugzeug. Für die drei Erwachsenen sollte es die letzte Reise sein.

Mit diesem Flugzeug war die Familie unterwegs, als sie abstürzten.
Mit diesem Flugzeug war die Familie unterwegs, als sie über dem Amazonas abstürzte.Bild: twitter

Absturz über dem Amazonas

Das Flugzeug befand sich erst in der Hälfte der Route, als Pilot Hernando Murcia Morales die fatale Information funkte: Motorschaden. Wenige Augenblicke bevor das Flugzeug zwischen den Departamentos Caquetà und Guaviare verschwand, konnte Morales noch ein «Maday»-Signal aussenden. Der Zivilluftfahrt-Behörde lag damit eine ungefähre Koordinate des Absturzortes vor – ohne diese wäre die Suche wohl ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

Doch auch mit den Koordinaten standen die Rettungskräfte vor einer riesigen Herausforderung. Während Tagen überflog die kolumbianische Armee die ursprüngliche Route zwischen Araracuara und San Jose del Guaviare, in der Hoffnung, die Absturzstelle zu finden. Am Montag, über zwei Wochen nach dem Absturz, konnte der Standort des abgestürzten Flugzeuges ausfindig gemacht werden.

Dort befanden sich auch die Leichen der drei Erwachsenen. Die Kinder aber waren nirgends aufzufinden. So wuchs die Hoffnung, dass Lesly Jacobo Bonbaire (13 Jahre alt), Solecni Ranoque Mucutui (9 Jahre alt), Tien Noriel Ronoque Mucutui (4 Jahre alt) und Cristian Neryman Ranoque Mucutui (11 Monate alt) noch lebten. Die «Operation Hope» wurde lanciert: Ein Elitekommando mit über 100 Soldaten und Spürhunden begann, den dichten, unwegsamen Dschungel zu durchkämmen. Auch in der Nähe wohnhafte Indigene beteiligten sich an der Suche.

Die Leichen der Erwachsenen konnten am Donnerstag geborgen werden.

Die Kinder wurden gefunden ...

Am 17. Mai verkündete der kolumbianische Präsident Gustavo Petro auf Twitter dann die freudige Nachricht: Die Kinder seien «nach mühsamer Suche durch unsere Streitkräfte» wiedergefunden worden. Es sei der Spürhund Ulises gewesen, der die Soldaten zu einer Lichtung geführt habe, wo die Gruppe eine halb verzehrte Frucht, eine Babyflasche, eine Schere und eine Tasche mit Haarbändern fand, berichtet «The City Paper Bogota».

Die Nachricht verbreitete sich national und international wie ein Lauffeuer: vier Kinder, gefunden, nachdem sie einen Flugzeugabsturz überlebt und sich über zwei Wochen alleine im Dschungel durchgeschlagen hatten.

Die wichtigste Frage blieb allerdings unbeantwortet: Wo waren die Kinder?

... oder doch nicht?

Die Ernüchterung folgte, als der Präsident seinen Tweet am Donnerstagmorgen, weniger als 24 Stunden, nachdem er ihn abgesetzt hatte, wieder löschte. Er erklärte:

«Ich habe mich entschlossen, den Tweet zu löschen, da die Informationen der ICBF (kolumbianische Kinderschutzbehörde) nicht bestätigt werden konnten. Es tut mir leid, was passiert ist. Die Streitkräfte und die indigenen Gemeinschaften werden ihre unermüdliche Suche fortsetzen, um dem Land die erhofften Nachrichten zu bringen.»

Entgegen der daraufhin laut werdenden Kritik scheint den Präsidenten nicht die ganze Schuld zu treffen. Wie die Direktorin der Kinderschutzbehörde, Astrid Caceres, am Donnerstagmorgen im kolumbianischen Radio erzählte, hatte ihre Behörde den Präsidenten mit dieser Information beliefert.

Ihnen sei «aus dem Feld» und von «verlässlicher Quelle» gemeldet worden, dass die Kinder bei guter Gesundheit gefunden worden seien. Die Indigenen, welche die Kinder gefunden hätten, hätten eine exakte Beschreibung der Kinder abgeben können. Aber: Ihre Behörde habe die Kinder noch nicht selbst gesehen, weshalb die Suche nicht abgebrochen werden könne. Auch die Soldaten des Einsatzkommandos hätten bisher noch keinen Kontakt mit den Kindern herstellen können.

Aber nicht nur die Kinderschutzbehörde wurde über den Fund der Kinder informiert. Avianline, ein lokaler Flugzeugbetreiber, dem das abgestürzte Flugzeug angehörte, erhielt ebenfalls gute Neuigkeiten. Einer ihrer Piloten, der in Cachiporro, in der Nähe der Absturzstelle, gelandet sei, habe von den dort Einheimischen erfahren, dass die Kinder gefunden worden seien. Diese wiederum hätten dies per Funk von einem abgelegenen Ort namens Dumar erfahren. Die dort Ansässigen teilten den Bewohnern Cachiporros mit, dass die Kinder mit einem Boot zu ihnen, nach Cachiporro, gebracht würden und am Mittwoch um etwa 17 Uhr (Ortszeit) eintreffen würden. Dasselbe berichteten am Mittwoch mehrere indigene Radiosender.

Avianline räumte ein, dass es keine Möglichkeit habe, die Richtigkeit dieser Informationen zu bestätigen. Es könne aber sein, dass sich die Ankunft der Kinder verzögere, da der Fluss bei starken Regenfällen und Gewittern für eine Überfahrt zu gefährlich sein könnte.

Bisher sind die Kinder noch nicht eingetroffen.

Die Suche geht weiter

Auch wenn die gefundenen Gegenstände darauf hinweisen, dass die vier Kinder den Flugzeugabsturz überlebt haben, so gibt es keine offizielle Bestätigung zu ihrem aktuellen Standort und ihrem Gesundheitszustand.

Die Grosseltern der Kinder haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Die Grossmutter zeichnete eine Audionachricht in ihrer einheimischen Huitoto-Sprache auf, in der sie die Kinder auffordert, sich nicht mehr weiter durch den Dschungel zu bewegen. Mithilfe von drei Hubschraubern ertönt diese Nachricht nun über den Weiten des Amazonas.

Auch der Grossvater zeigt sich optimistisch. Gegenüber dem kolumbianischen Fernsehsehnder Caracol sagte er:

«Sie sind sich daran gewöhnt, im Regenwald zu sein. Mit der Hilfe der Menschen, der indigenen Energie und der Gebete können wir die Kinder hoffentlich bald finden.»
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