Golf statt Gebet: Trump stösst seine Fundamentalisten-Fans vor den Kopf
Donald Trump hatte am Sonntag zwei Möglichkeiten, seinen freien Tag zu geniessen. Die erste Option: Quasi vor seiner Haustüre, auf der National Mall, fand eine religiöse Veranstaltung statt, organisiert von seiner Regierung. Tausende von Christen feierten in der herrlichen Parkanlage in der Mitte der amerikanischen Hauptstadt den 250. Geburtstag der Unabhängigkeitserklärung. Und verwischten dabei bewusst die Grenze zwischen Religion und Staat.
Option zwei: Golf.
Trump wählte Option zwei. Er verbrachte mehr als drei Stunden auf seinem Golfplatz, der sich in der Agglomeration von Washington befindet. Bereits am Samstag hatte er seinem Club im Bundesstaat Virginia einen längeren Besuch abgestattet und sich dabei auch sportlich betätigt.
Natürlich gab es für diese Entscheidung gute Gründe. Der Secret Service wird dem Präsidenten nachdrücklich davon abgeraten haben, unter freiem Himmel aufzutreten — schliesslich sind erst drei Wochen seit dem letzten Attentatsversuch auf Trump vergangen.
Aber der Beschluss Trumps, seine religiösen Anhängerinnen und Anhänger mit einer Video-Botschaft abzuspeisen, zeigt auch, in welch schwacher politischer Lage sich der Präsident derzeit befindet. Mag sein, dass gewisse Figuren in seiner Regierung immer noch das Projekt vorantreiben, aus den USA einen religiösen Staat zu formen. In den Sinn kommen da Vizepräsident JD Vance, der seine lange Suche nach Stabilität in seinem Leben als religiöse Erweckungsgeschichte beschreibt. Oder Verteidigungsminister Pete Hegseth, der sich häufig als moderner Gotteskrieger inszeniert.
Trump aber scheint es besser zu wissen. Der Präsident hat – 16 Monate nach Amtsantritt – den Glauben verloren.
Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Trump sich mit einem Berg von weltlichen Problemen konfrontiert sieht. So brechen seine Zustimmungswerte derzeit regelrecht ein. Neuerdings sagen fast die Hälfte der Amerikanerinnen und Amerikaner in Meinungsumfragen, dass sie die Amtsführung des Präsidenten «stark» ablehnen. Dies deutet darauf hin, dass nun auch einige Stammwähler der Republikaner das Vertrauen in Trump verloren haben. Im Wahljahr 2026 macht sich deshalb in der Republikanischen Partei Unruhe breit.
Wahrscheinlich aber war Trump auch nie der richtige Botschafter für das Projekt der super-religiösen Amerikaner, die USA nach 250 Jahren als konfessionell neutraler Staat in eine Bastion des Christentums umzuformen. Der Präsident ist, wie er wohl selbst einräumen würde, kein regelmässiger Kirchengänger. In seiner zweiten Amtszeit besuchte er nur einen einzigen Gottesdienst — und zwar am 20. Januar 2025, am Tag seiner Amtseinführung.
Auch zur Bibel greift Trump nicht regelmässig, obwohl er doch eine Sonderausgabe der Heiligen Schrift für 99.99 Dollar verkauft. Die Video-Botschaft, die er den Gläubigen auf der National Mall schickte, war deshalb recycelt. Es handelte sich dabei um dasselbe Filmchen, das er im April für eine Bibel-Veranstaltung aufgenommen hatte.
Der Präsident mag sich also in den sozialen Medien gerne als religiöse Führungsfigur darstellen — im Alltag ist der bald 80 Jahre alte Trump aber viel näher am Durchschnittsamerikaner, als seine christlichen Anhänger jemals einräumen würden. Denn die Säkularisierung der USA schreitet rasch voran. So sagen nun weniger als 50 Prozent der 342 Millionen Amerikaner, dass Religion in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielt. Und fast 30 Prozent gehören laut Umfragen keiner Glaubensgemeinschaft mehr an.
Wie klein die evangelikale Minderheit ist, die aus Amerika einen religiösen Staat machen möchte, zeigte sich übrigens auch am Sonntag. Die National Mall in Washington würde Platz für mehrere Hunderttausend Menschen bieten. An der Amtseinführung von Präsident Obama im Januar 2009 nahmen schätzungsweise 1,8 Millionen Personen teil.
Am Sonntag aber waren es höchstens einige Zehntausend Gläubige, die sich vor einer grossen Bühne versammelten, um gemeinsam stundenlang zu beten. Und selbst bei dieser Schätzung handelt es sich wohl um eine Übertreibung. Pressebilder jedenfalls zeigten leere Stühle als Trumps Video-Botschaft eingespielt wurde.
Gut möglich, dass es nächsten Monat mehr Leute auf der National Mall haben wird, wenn Trumps Regierung zum 250. Geburtstag der USA eine Reihe von Kampfsport-Veranstaltungen organisiert. Trump hat bereits angekündigt, dass er sich diesen Event nicht entgehen lassen werde. (aargauerzeitung.ch)
