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Der gefährliche Konflikt hinter der Idee, Grönland zu kaufen

21.08.2019, 18:5722.08.2019, 07:04
Leonhard Landes / watson.de
Will nicht verkaufen: Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen
Will nicht verkaufen: Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen
Bild: AP

Abstrus, skurril, verrückt. Mit diesen Worten wurde der Vorschlag von US-Präsident Donald Trump kommentiert, die grösste Insel der Erde zu kaufen: Grönland.

Nun sagte der frühere Immobilienmogul sogar einen Staatsbesuch in Dänemark ab, weil sich die Regierungschefin weigert, über einen Verkauf von Grönland zu reden. Die Insel gehört als autonomes Gebiet zum dänischen Königreich.

Trumps Vorstoss mag als Schnapsidee erscheinen, dahinter stecken aber geopolitische Interessen der USA. Denn Grönland wäre für die USA das Zugangstor zum Nordpol – eine Region, um die international seit Jahren hart gerungen wird.

Kaum beachtet, spielt sich am Ende der Welt, in den eisigen Gewässern der Arktis, ein globaler Konflikt ab.

Trump selbst deutete sein eigentliches Ziel hinter dem Grönland-Vorstoss bereits an

Ein Kauf der Insel sei «strategisch» interessant, sagte er am Sonntag. «Im Grunde wäre es ein grosses Immobiliengeschäft.»

Nun geht es dem US-Präsidenten nicht darum, einen goldenen Trump-Tower in die kargen Landschaften Grönlands zu stellen. Auch wenn er selbst darüber auf Twitter Witze riss.

Es geht den USA darum, Zugang zur Arktis zu bekommen. Durch den Klimawandel schmilzt das Eis in der Region – dort vermutete Bodenschätze werden zugänglich und Schiffsrouten werden frei, die zuvor nicht befahrbar waren.

Bild: Googlemaps

Laut einer Studie des US-amerikanischen Geologiedienstes von 2008 schlummern im Arktischen Ozean rund 13 Prozent der weltweiten Erdölvorkommen und 30 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen. Ein Grossteil der Vorkommen liegt vermutlich in den Küstengewässern, in denen die Hoheitsrechte eindeutig geregelt sind.

Die Anrainerstaaten USA, Kanada, Dänemark, Norwegen und Russland haben ein Auge auf die Rohstoffe geworfen und versuchen, ihr Hoheitsgebiet auszuweiten. Dieser Agenda dürfte Trumps Grönland-Vorstoss folgen.

Besonders Russland, aber auch China bemühen sich verstärkt seit Jahren, ihren Einfluss in der Region auszubauen.

  • Auf der norwegischen Polarinsel Spitzbergen etwa bauen russische Bergarbeiter seit Sowjetzeiten Kohle ab – obwohl das Geschäft nicht profitabel ist. Der Spitzbergenvertrag von 1920 gewährleistet Russland das Recht dazu. Und Moskau hat ein Interesse daran, diese Position nahe des Nordpols nicht zu verlieren und seinen Einfluss zu wahren.
  • Die Interessen von China lassen sich in einem Dokument der Regierung in Peking von 2018 nachlesen. «China hat gemeinsame Interessen mit den Arktisstaaten und eine gemeinsame Zukunft mit dem Rest der Welt in der Arktis», heisst es darin. Ausserdem meldet China, obwohl es kein Anrainerstaat ist, unter Berufung auf die UN-Seerechtskonvention einen Anspruch auf das zwölf Millionen Quadratkilometer umfassende Polarmeer an.

Das sagt ein Experte zu Trumps Vorstoss

Auch Joachim Weber vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel sieht den Vorstoss von Trump im Kontext des Ringens um die Arktis. Er beschäftigt sich seit Jahren mit dem Interessenskonflikt im Eis.

«Ich könnte mir vorstellen, dass ein Zusammenhang besteht zu den Bemühungen der USA, China auszubremsen», sagt Weber zu watson. «Sie wollen eine der letzten Chancen nutzen, bevor die Chinesen zu dominant werden, vielleicht sich selbst die Rohstoffe sichern, aber dagegen spricht das undiplomatische Vorgehen.»

Klar aber ist: Die USA haben Nachholbedarf in der Arktis. Die Weltmacht habe die Arktis seit Jahrzehnten vernachlässigt, erklärt der Experte. «Die USA sind nicht sehr präsent, sie haben geringe Möglichkeiten, ihren Einfluss geltend zu machen, auch deshalb, weil es ihnen schlicht an Eisbrechern fehlt.»

China dagegen verstärkt seine Präsenz und Russland nutzt seinen geografischen Vorteil aus, direkter Anrainerstaat zu sein. Moskau unterhält Militärstützpunkte in der Region und hat auch Waffensysteme dorthin verlegt.

Der US-Präsident irritiert: «So etwas habe ich noch nie gehört»

Die Vermutung von Weber ist: Trump dürfte von seinen Beratern, von den Geheimdiensten und Militärs über die schlechte Ausgangslage der USA in der Arktis unterrichtet worden sein.

Bild: EPA

«Irgendwann wird ihm aufgefallen sein: Da müssen wir etwas tun», sagt Weber über diese Vermutung. «Trump übersetzt das auf die ihm eigene Weise mit Äusserungen über Grönland, die einen irritiert zurücklassen. So etwas habe ich noch nie gehört, dass ein Staat seinem Verbündeten öffentlich sagt: 'Ich möchte einen Teil deines Staatsgebiets aufkaufen.' Mal ganz abgesehen vom Selbstbestimmungsrecht der Grönländer.»

Dabei dürfte auch der US-Regierung klar sein, dass Nato-Partner Dänemark Grönland nicht verkaufen wird. Doch der Vorstoss von Trump könnte ein Zeichen dafür sein, dass sich die USA künftig wieder stärker um die Region bemühen.

Wie gefährlich ist der Konflikt in der Arktis?

Bereits im Mai 2019 richtete US-Aussenminister Mike Pompeo eine scharfe Warnung an Russland und China. Pompeo sprach bei der Tagung des sogenannten Arktischen Rates, ein Gremium der acht Anrainerstaaten der Arktis, Dänemark, Finnland, Island, Kanada, Norwegen, Russland, Schweden und die USA, das sich alle zwei Jahre trifft.

Bild: AP

Pompeo unterstellte Russland und China «aggressives Verhalten» in der Region. Erstmals seit Beginn des Arktischen Rats 1996 endete der Gipfel im Mai zudem ohne eine gemeinsame Abschlusserklärung.

Bahnt sich da ein Konflikt an? Arktis-Experte Weber betont: «Bisher ist die Lage in der Arktis völlig ruhig.» Er sagt aber auch: «Das kann sich schnell ändern, je nachdem, was einzelne Akteure tun.»

Im Mai gab es Berichte aus den USA, die Navy überlege, sogenannte Freedom of Navigation Operations in der Nordwestpassage zu starten. Heisst: Kriegsschiffe sollen einen Seeweg durchqueren, den die USA als internationales Gewässer ansehen. Das Problem ist nur: Sowohl Kanada als auch Russland beanspruchen die Passage für sich – ein Militärschiff dorthin zu schicken, wäre eine Provokation.

«Das halte ich für eine brandgefährliche Idee mit viel Konfliktpotential», warnt Weber. «Es besteht gerade in russischen Gewässern die grosse Gefahr, dass es eskaliert.»

Insgesamt aber sieht Weber noch wenig Anlass zu Panik. Mit seinem Vorstoss hat Trump bisher nur Dänemark gehörig verärgert. «Soll das ein Witz sein? Zutiefst beleidigend für die Menschen in Grönland und Dänemark», schrieb die ehemalige Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt über die Absage des Besuchs des US-Präsidenten.

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