Interview
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People cheer for the

Jubel in Kuba nach dem Entscheid der USA, drei inhaftierte kubanische Spione freizulassen. Bild: © Stringer . / Reuters/REUTERS

Interview mit Schweizer in Kuba

Interview

«Kuba hat das Potenzial, zu einem Vorzeigeland für ganz Lateinamerika zu werden»

Kuba und die USA haben mit der Freilassung von Gefangenen die ersten Schritte hin zu einer diplomatischen Annäherung getan. watson sprach mit Markus Kuster, dem ehemaligen Präsidenten der Jungen SVP Schweiz und Gründer eines Kinderhilfswerks in Kuba.



Bild

mark kuster

watson: Herr Kuster, nach 55 Jahren Eiszeit wurde vor einigen Tagen Historisches erreicht: Die Annäherung zwischen den USA und Kuba. Haben Sie eine Zigarre angezündet? 
Markus Kuster: Nein, ich bin zurzeit in der Schweiz und das Rauchen in der Kälte ist nicht so angenehm.

Haben Sie Reaktionen aus Kuba? 
Ja, viele Mitarbeitende haben mir geschrieben, vor allem jüngere Personen. Sie freuen sich sehr. Man spürt eine gewisse Hoffnung. 

Über Mark Kuster

Mark Kuster hat eine spezielle Vita: Einst war er Präsident der Jungen SVP Schweiz und wurde als «kleiner Blocher» bezeichnet. 2001 gründete er nach einem Kuba-Urlaub das Hilfswerk Camaquito, das Projekte für Kinder und Jugendliche betreibt. Heute lebt er in der Grossstadt Camagüey, 600 Kilometer östlich der Hauptstadt Havanna, und lobt die Errungenschaften der kubanischen Revolution. Dass sowohl Christoph Blocher als auch Fidel Castro zu seinen Vorbildern zählen, ist für ihn kein Widerspruch: «Beide sind starke Männer mit starken Ideen». 

Welche Auswirkungen hat die Aufweichung des Embargos für die kubanische Gesellschaft, für das Land? 
Grundsätzlich wird es sicherlich einen Fortschritt geben, da sich die wirtschaftlichen Perspektiven verbessern. Aber der Fortschritt wird wohl nicht alle erreichen. Stellen sie sich einen Kuchen vor, der ungleich verteilt wird: Die einen erhalten mehr, die anderen weniger. Die soziale Schere könnte – wie es typisch ist für viele westliche Gesellschaften –mittelfristig auch in Kuba auseinandergehen. 

Ist das nicht zynisch? Sie sagen, es sei besser, wenn es allen auf einem tiefen Niveau ähnlich schlecht geht, als wenn ein Gutteil der Bevölkerung von Verbesserungen profitiert, und das Risiko bestehe, dass einige im Vergleich zum Grossteil schlechter gestellt werden? 
Das habe nicht gesagt. Fortschritt, auch wirtschaftlichen, wünsche ich allen Kubanern. Aber wie gesagt, die Geschichte hat gezeigt, dass Wohlstand leider nicht alle erreicht. Deswegen bin ich nicht negativ gegen die Aufhebung des Embargos eingestellt – im Gegenteil. Es ist aber auch wichtig, nicht nur in Euphorie zu verfallen, sondern auch mögliche Nachteile für eine gewisse Bevölkerungsgruppe zu analysieren. 

Ist der Wille der kubanischen Regierung da, weitere Veränderungen voranzutreiben? 
Zweifellos. Die kubanische Regierung hat mit den wirtschaftlichen Reformen in den letzten Jahren unter Beweis gestellt, dass sie willens ist, die Situation zu verbessern. Gleichzeitig dürfen diese Reformen nicht zu abrupt eingeführt werden, ansonsten droht Kuba im Chaos zu versinken. 

Der «Guardian» schrieb, Kuba würden sich angesichts der politischen und wirtschaftlichen Entspannung zwei Möglichkeiten bieten: Entweder gehe es den Weg, den die osteuropäischen Staaten nach 1989 gegangen sind, und implementiere mittelfristig ein kapitalistisches System sozialdemokratischen Zuschnitts. Oder aber es gehe den Weg, den China wählte, und entwickle sich zu einem politisch abgeschotteten System mit wirtschaftlichen Freiheiten, das sich an seine sozialistische Vergangenheit klammert. 
Ich bin überzeugt, dass Kuba einen dritten Weg gehen kann: ein starkes soziales Netz, aber zugleich grosse wirtschaftliche Freiheiten. Kuba hat das Potential, zu einem Vorzeigeland für ganz Lateinamerika zu werden. 

Alan Gross speaks to an entourage of family and friends who were awaiting his return from five years of captivity in Cuba to Joint Base Andrews, Maryland, December 17, 2014. The United States and Cuba agreed on Wednesday to restore diplomatic ties that Washington severed more than 50 years ago, and President Barack Obama called for an end to the long economic embargo against its old Cold War enemy. Picture taken on December 17, 2014.    REUTERS/Master Sgt. Kevin Wallace/U.S. Air Force/Handout  (UNITED STATES - Tags: POLITICS) THIS IMAGE HAS BEEN SUPPLIED BY A THIRD PARTY. IT IS DISTRIBUTED, EXACTLY AS RECEIVED BY REUTERS, AS A SERVICE TO CLIENTS

David Gross wird nach seiner Freilassung von Freunden und Verwandten begrüsst. Der 65-jährige US-Amerikaner wurde 2011 aufgrund von Spionagevorwürfen angeklagt und verurteilt. Seine Freilassung war ein wichtiger Schritt in der gegenseitigen Annäherung zwischen Kuba und den USA. Bild: HANDOUT/REUTERS

Und die politischen Freiheiten? 
Da muss man schauen. Ich denke, zu grosse politische Freiheiten sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht realistisch und haben auch nicht Priorität. Zuerst müssen wirtschaftliche Reformen implementiert, die Infrastruktur verbessert und vor allem die Löhne erhöht werden. Dies kann auch das heutige Politsystem, wenn es möchte. 

Sehnen sich die Menschen in Kuba nicht danach, in der Politik mitzubestimmen, Freiheiten wie Reisefreiheit und Bewegungsfreiheit zu erhalten? 
Also, erstens muss man sagen, dass die kubanische Regierung in den letzten zwei Jahren die Reisefreiheiten stark gefördert hat. Kubaner können heute praktisch genau gleich frei reisen wie Westeuropäer. 

Es sind in erster Linie die anderen Staaten, die den Kubanern mit restriktiven Visabestimmungen das Reisen erschweren.

Aber natürlich gibt es auch Themen wie die demokratische Mitbestimmung, die für einige Kubaner noch nicht zufriedenstellend sind. 

Was heisst das genau? Wie steht es um die demokratischen Rechte? 
Die Menschen können heute offener ihre Meinung äussern und auch einbringen. In dieser Hinsicht hat sich viel verändert. Aber ich kann verstehen, wenn junge, gut ausgebildete Leute heute sagen: «Ich bin nicht zufrieden mit dem System, vor allem nicht mit den Zukunftsperspektiven im Berufsleben.» Aber schlussendlich ist für viele junge Kubaner nicht das politische Kuba ein Problem, sondern vielmehr das wirtschaftliche. Auch das weiss die Regierung und wird in Zukunft – was die Löhne betrifft – ebenfalls Lösungen finden. 

A man, who works repairing lighters, waits for costumers in a street of Havana, Monday, Feb. 25, 2008. Raul Castro, Cuba's first new president in nearly half a century, crushed hopes that a new generation would shape the country's future by promising to defer to his ailing brother Fidel and the Communist Party's old guard on major matters.(AP Photo/Ariana Cubillos)

Die USA und Kuba haben einen ersten Schritt auf dem Weg zur Auflösung des Embargos gemacht – Strassenszene in Havanna. Bild: AP

Also keine Demokratie für Kuba? 
Man muss einfach akzeptieren, dass Kuba momentan weit von einer Demokratie entfernt ist. Gleichzeitig gibt es Entwicklungen, die in diese Richtung deuten. Wie gesagt, die politische Diskussion ist offener, und nicht mehr von Angst begleitet.

Auch in der Schweiz hat sich die Demokratie nicht von heute auf morgen etabliert.

Wo sehen Sie Kuba und Camagüey in zehn Jahren?  
Wenn es so weiter geht wie in den letzten fünf Jahren, dann wird es bestimmt weniger Kritiker geben als heute.

Kuba

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Seenotrettung-Kapitän Reisch hat genug: «Vieles ist mir zu linksradikal»

Politische Agitation und radikale Aussagen bringen die Seenotrettung nicht weiter, sagt Kapitän Claus-Peter Reisch. Er fährt nicht mehr für Mission Lifeline aufs Meer.

Er sagt über sich selbst: «Ich bin ein konservativer Bayer.» Der frühere Unternehmer Claus-Peter Reisch (58) fährt seit 2017 Seenotrettungsmissionen auf dem Mittelmeer. Im Juni 2018 leitete er eine Mission der «Lifeline», die anschliessend auf Malta beschlagnahmt wurde, Reisch wurde wegen falscher Beflaggung verurteilt, gewann aber den Berufungsprozess. Im September 2019 steuerte er mit dem zweiten Schiff der NGO Mission Lifeline, der «Eleonore», Sizilien an, seitdem ermittelt die …

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