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Leonie Magersucht

Inzwischen ist Leonie 22 Jahre alt, normalgewichtig und glücklich. Bild: zvg

Leonie war magersüchtig

Interview

«Als die Waage nur 34 Kilo angezeigt hat, habe ich mich gefreut»

Immer mehr Mädchen leiden unter Magersucht. Gemäss Pro Juventute werden die betroffenen Patientinnen zudem immer jünger. Die 22-jährige Leonie war selbst von der Essstörung betroffen.



Wie alt warst du, als das mit deiner Magersucht angefangen hat?
Leonie: Das ist schwer zu sagen, weil es ein laufender Prozess ist. Ich war ungefähr 12 Jahre alt, als es mit den Komplexen angefangen hat und ich die erste Diät gemacht habe. Mit 14 war ich dann bulimisch und als ich 17 war, hätte man mich rein medizinisch betrachtet als stark magersüchtig eingestuft.

Wie kann man denn im Alter von 12 Jahren eine Diät machen, ohne dass die Eltern etwas davon mitbekommen. Da isst man doch noch zu Hause …
Das war bei uns eben noch speziell. Es gab eigentlich nur an Weihnachten und am Geburtstag gemeinsame Mahlzeiten. Sonst hat jeder gegessen, wenn er gerade Lust hatte. Da kann man dann auch mal heimlich sein Diätsüppli kochen oder so.

Das heisst, du hast versucht, deine Diäten zu verheimlichen?
Ja, das ist ganz typisch für die Magersucht. Man versucht es immer zu verheimlichen. Ich habe auch viel zu grosse Kleider angezogen. Eigentlich, um meinen Körper zu verstecken, weil ich ihn als zu dick empfunden habe. Mein Umfeld konnte so wiederum nicht sehen, wie stark ich abgenommen hatte.

«Viele Eltern wollen solche Probleme einfach nicht sehen.»

Haben deine Eltern dich trotzdem nie darauf angesprochen?
Nein, vielleicht haben sie sich schon so etwas gedacht. Aber wahrscheinlich waren sie unsicher, haben es verdrängt. Eltern haben immer Angst, dass mit den Kindern etwas nicht stimmt. Aber solche Probleme wollen viele Eltern einfach nicht sehen und handeln deshalb nicht.

Und deine Freunde?
Die haben auch nicht gross was gesagt. Aber wenn doch, dann habe ich wohl einfach weggehört. Ich habe mich in der Zeit sehr zurückgezogen und isoliert. Nicht mal mit meiner Zwillingsschwester habe ich darüber geredet, obwohl wir uns immer sehr nahe standen.

Leonie Magersucht

Magersucht überstanden: Heute geht es Leonie wieder gut. Bild: zvg

Wann hast du begriffen, dass du krank bist?
Eigentlich nie, weil man selber gar nicht realisiert, was mit dem Körper passiert. Selbst als ich im Spital war und meine Krankenakte gesehen habe, wollte ich es nicht glauben. Es war so offensichtlich, dass ich krank war. Aber mein Spiegelbild hat es mir einfach nicht gezeigt. Für mich sah ich immer noch dick aus. Ich habe es einfach irgendwann akzeptieren müssen, obwohl ich es selber nie wirklich begriffen habe.

Wie kam es dann dazu, dass du dich überhaupt in eine Therapie begeben hast?
Als ich 17 war, hat mein Vater mich einfach gezwungen, mich nach langer Zeit mal wieder zu wiegen. Dann hat er gesagt, dass wir ins Spital zu einer normalen Allgemeinkontrolle gehen. Dort wollte man mich gleich da behalten für ein Wochenende. Aus dem Wochenende sind mehrere Monate geworden.

«Ich musste künstlich ernährt werden, bis ich wieder klar denken konnte.»

Wie viel hast du damals gewogen?
34 Kilo. Bezogen auf meine Grösse ist das ein lebensbedrohliches Gewicht. Und eigentlich war ich damit gar nicht therapiefähig.

Warum nicht?
Weil nicht mehr genug Energie für mein Gehirn da war. Ich konnte quasi gar nicht mehr klar denken, nichts mehr fühlen. Wenn man so wenig wiegt, kann der Körper keine Glückshormone produzieren, dadurch wird man depressiv, also isst man noch weniger. Es ist ein Teufelskreis. Im Spital bin ich dann sogar noch auf 28 Kilo runtergegangen, weil es mir dort gar nicht gut ging. Dann musste ich künstlich ernährt werden, bis ich überhaupt wieder klar denken konnte.

Was ist in dir vorgegangen, als du gesehen hast, dass du 34 Kilo wiegst?
Im ersten Moment habe ich mich schon etwas erschrocken, aber dann waren da auch Glücksgefühle. Ich habe sicher nicht gedacht «Oh, das ist aber viel zu wenig!» Ich habe mit 45 Kilo gerechnet. Das wäre für meine Körpergrösse ein normales Gewicht. Als es dann nur 34 Kilo waren, habe ich mich gefreut. Es war ein Ansporn, noch mehr abzunehmen, ich habe mich schliesslich immer noch zu dick gefühlt. Es geht ja nicht darum, dass man mager sein will. Man will sich einfach wohl fühlen. Und das erreicht man einfach nicht, weil man dieses seelische Problem hat.

Wie ist es dann weitergegangen, nachdem du ins Spital gekommen bist?
Erst war ich im Spital, dann bin ich für ein paar Monate in eine Wohnklinik gekommen, wo ich mit etwa zehn anderen Magersüchtigen zusammen gelebt habe. Dieses kranke Umfeld hat mir gar nicht gut getan. Dann bin ich wieder ins Spital gekommen und musste nochmals künstlich ernährt werden. Ich hatte Heimweh und bekam so den Ansporn, zu kämpfen. Meine Familie hat damals zum Teil glaube ich stärker gelitten als ich. Dann habe ich plötzlich gedacht: «Okay, jetzt muss ich den allen mal glauben und etwas tun, um da wieder rauszukommen.»

Leonie Magersucht

Bild: zvg

«Federleicht – wenn Nichts glücklich macht»

Noch während ihrer Zeit im Spital hat Leonie angefangen, ein Buch über ihre Krankheit zu schreiben. Während immer alle Menschen auf sie eingeredet haben, konnte sie so anfangen, ihre eigenen Gedanken zu sortieren und zu verstehen. Mit dem Buch «Federleicht – wenn Nichts glücklich macht» hat sie ihre eigenen Erfahrungen verarbeitet und hofft, auch anderen jungen Mädchen helfen zu können.

Wann konntest du das Krankenhaus verlassen?
Insgesamt war ich ein knappes Jahr in den verschiedenen Kliniken. Dann habe ich eine ambulante Therapie angefangen. Da musste ich zweimal pro Woche zur Gewichtskontrolle und dreimal pro Woche zur Gesprächstherapie gehen. Das ist das, was mir am meisten geholfen hat. Einfach mal reden und herausfinden, woher meine Essstörungen kommen. Meinen Lebenswillen wiederfinden, Zukunftsträume entwickeln und damit auch einen Ansporn bekommen, gesund zu werden.

«Es trifft häufig junge Mädchen, die keinen speziellen Grund haben.»

Hast du bei den Gesprächen einen Grund für deine Krankheit finden können?
Nein, nicht wirklich. Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit, mir hat es an nichts gefehlt. Ich war einfach nicht zufrieden, das ist ein ganz banaler Grund. Es trifft häufig junge Mädchen, die eigentlich keinen speziellen Grund haben. Das «warum» ist mir heute aber auch nicht mehr wichtig. Das liegt in der Vergangenheit. Wichtig ist, dass ich nicht rückfällig werde und dass ich mit ganz normalen Problemen, die jetzt im Alltag anstehen, klarkomme.

Wie geht es dir heute?
Es geht mir sehr gut. Ich arbeite als Flugbegleiterin, bin Kabinenchefin. Die Fliegerei bedeutet mir sehr viel, das neue Umfeld gibt mir viel Kraft. Dieser Berufswunsch ist noch während meiner Therapie entstanden. Und ich wusste, dass ich dafür gesund und stabil sein muss. Und mit meiner Familie habe ich es auch wieder gut, das Verhältnis hat sich auch erst mal erholen müssen.

Wie viel wiegst du heute?
Keine Ahnung. Die Zahl darf keine Rolle mehr für mich spielen, sonst würde ich wieder darüber nachdenken. Ich bin jetzt 22 Jahre alt, besuche keine Therapie mehr und bin seit drei Jahren normalgewichtig. Das ist alles, was ich weiss.

«Dann schaue ich mir die Fotos an und sehe, wie traurig ich darauf aussehe.»

Wie geht es dir, wenn du Fotos aus der damaligen Zeit siehst?
Die schaue ich nicht so gerne an. Aber manchmal fällt es mir eben doch schwer, zu essen. Dann schaue ich mir die Fotos an und sehe, wie traurig ich darauf aussehe. Das gibt mir den Ansporn, es nicht wieder so weit kommen zu lassen.

Was rätst du jungen Mädchen, die das gleiche Problem haben wie du?
Es ist vor allem wichtig, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Man kann auch als 14-Jährige Hilfe bekommen, ohne gleich mit den Eltern darüber reden zu müssen. Es gibt Notrufnummern, es gibt entsprechende Internetportale. Man muss es ja nicht so weit kommen lassen, dass man ins Spital muss. Nur eins ist klar: Die negativen Gefühle und den Selbsthass wird man nicht allein los. Diese Dinge kann man nicht allein überwinden, man muss unbedingt reden.

Und den Eltern?
Gerade wenn es um magersüchtige Kinder geht, die zehn Jahre oder jünger sind, müssen die Eltern Verantwortung übernehmen. Sie müssen sich mit dem Thema auseinandersetzen und sich informieren. Ich weiss, das ist ein grosser Schritt – auch wenn es so einfach klingt. Aber wenn ein Kind erstmal so tief drinsteckt wie ich es damals tat, dann wird es erst recht schwer.

Leonie stellt ihr Buch vor:

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video: youtube/woertersehverlag

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