Während einer zwölfstündigen humanitären Feuerpause im Gazastreifen haben die palästinensischen Rettungskräfte am Samstag innert weniger Stunden 130 Tote aus den Trümmern geborgen. Die Rettungskräfte konnten erstmals in Gebiete vordringen, die zuvor wegen des heftigen Beschusses durch die israelische Armee tagelang unzugänglich waren. Vielerorts bot sich ein Bild der Zerstörung: Ganze Wohnblocks waren dem Erdboden gleichgemacht, manche Palästinenser verglichen das Ausmass der Verwüstungen mit einem «Erdbeben der Stärke zehn».
Seit Beginn der israelischen Offensive am 8. Juli kamen nach neuesten Angaben der palästinensischen Rettungskräfte vom Samstagnachmittag 1030 Palästinenser ums Leben, rund 6000 weitere Palästinenser wurden verletzt. Mehr als zwei Drittel der Todesopfer sind nach palästinensischen Angaben Zivilisten, darunter viele Kinder. In Beit Hanun im Norden wurde am Freitag ein Spital schwer beschädigt; ein AFP-Korrespondent sah dort die verkohlte Leiche eines Rettungssanitäters. Auf israelischer Seite starben bis Samstag 40 Soldaten und drei Zivilisten.
Israel und die Palästinenser-Fraktionen hatten sich am Freitag darauf geeinigt, aus humanitären Gründen die Waffen zwischen 8 und 20 Uhr (Ortszeit) schweigen zu lassen. Nach tagelangen Luftangriffen und Bodenoperationen des israelischen Militärs nutzten viele Menschen im dicht besiedelten Gazastreifen die Möglichkeit, sich mit Nahrung und Medikamenten einzudecken und nach ihren Häusern oder Wohnungen zu sehen. In der Nähe von Chan Junis im Süden wurden den Palästinensern zufolge noch kurz vor der Feuerpause 20 Menschen durch einen israelischen Luftangriff getötet, unter ihnen waren elf Kinder und fünf Frauen.
An einer Konferenz in Paris riefen die Aussenminister von sieben Ländern eindringlich zur Verlängerung der Waffenruhe auf. Die Aussenminister der USA, Frankreichs, Deutschlands, Grossbritanniens, Italiens, Katars und der Türkei machten gemeinsam deutlich, «dass das Sterben beendet werden muss», wie der deutsche Aussenminister Frank-Walter Steinmeier sagte. «Wir rufen alle Parteien auf, die humanitäre Waffenruhe um zunächst 24 Stunden zu verlängern», sagte Gastgeber Laurent Fabius nach dem Treffen. Es müsse «so schnell wie möglich» ein dauerhafter Waffenstillstand erreicht werden.
Die Zeit könne dann genutzt werden, um die Voraussetzungen für Verhandlungen über einen «dauerhaften Waffenstillstand» zu klären, sagte Steinmeier weiter. Nachhaltig könne ein Waffenstillstand aber nur sein, wenn der Gazastreifen «nicht mehr das Waffenlager für die Hamas» sei und es für die Bevölkerung eine wirtschaftliche Perspektive gebe. Dass Israel den Zugang zum Gazastreifen über Land, Wasser und Luft kontrolliert, kommt einer Besetzung des Gebietes gleich. Zudem wird der schmale Küstenstreifen von Israel seit acht Jahren abgeriegelt.
Hoffnungen auf eine mehrtägige Feuerpause hatten sich am Freitagabend zerschlagen. Das israelische Sicherheitskabinett unter Regierungschef Benjamin Netanjahu lehnte einen entsprechenden Vorschlag von US-Aussenminister John Kerry ab. Die Hamas pocht weiterhin auf ein Ende der Blockade des Gazastreifens als Voraussetzung für ein Ende der Kämpfe.
Unterdessen erklärte sich Israel am Samstag bereit, die Feuerpause um vier Stunden zu verlängern. Das wurde von der israelische Armee bestätigt. Bei Protesten gegen Israels Offensive im Gazastreifen wurden am Samstagmorgen im Westjordanland zwei palästinensische Jugendliche von israelischen Soldaten erschossen.
In London demonstrierten am Samstag mehrere Tausend Menschen gegen Israels Militärschläge in Gaza. Sie sammelten sich vor der palästinensischen Botschaft und zogen zum Parlament in Westminster. Auch in Paris gingen geschätzte 1500 Menschen auf die Strasse. Und in Genf forderten mehr als Tausend Menschen an einer Kundgebung ein sofortiges Ende des «Massakers an Palästinenser» im Gazastreifen. (sza/sda)