Von Beijing nach Paris im Rolls-Royce-Cabrio? Hey, wieso nicht?
«Weil es da ist.» Diese legendär knappe Replik des englischen Bergsteigers George Mallory (1866–1924) auf die Frage, warum er um Herrgottswillen den Mount Everest besteigen wolle, gilt bis heute als Inbegriff für einen einzigartigen, scheissdraufmässigen Abenteuergeist.
Es ist eine bewusste Entscheidung. Eine Herausforderung. Eine Aufforderung, Kopf und Kragen zu riskieren – gegen jede Vernunft und, entscheidenderweise, ohne Aussicht auf irgendeinen materiellen Gewinn.
Auf dem Bergsteigerfriedhof in Zermatt liest man auf einem Grabstein schlicht: «I choose to climb» – Ich wähle das Klettern.
Warum? Warum um alles in der Welt machst du so was?
Weil es da ist. Weil ich es lieber versuche und dabei vielleicht scheitere, als mein Leben lang zu bereuen, es nicht gewagt zu haben.
Es ist wohl exakt dieser Geist und diese Haltung, die Nigel Keen dazu veranlassten, mit seinem 1968er Rolls-Royce Silver-Shadow-Cabrio an einer der härtesten Rallyes der Welt teilzunehmen, der Peking to Paris Motor Challenge.
Keen besass den Wagen bereits über 30 Jahre, als er eines Tages offensichtlich zum Schluss kam, dass der nächste logische Schritt wäre, ... damit ein Rennen zu fahren.

Und zwar ein Rennen über 14'250 Kilometer. Über Staubpisten, Wüstenetappen und mörderische Gebirgspässe.
Ja, ja, klar: Es wurden ein paar Modifikationen vorgenommen, um die Kiste renntauglich zu machen.
Keen, von Beruf Ingenieur, verpasste dem Rolls unter anderem einen Überrollkäfig, Rallyesitze und ein neues Kraftstoffsystem.
Nun, ein schickes Luxus-Coupé für ein Langstreckenrennen aufzupimpen, ist das eine. Aber überhaupt die Startberechtigung zu dieser prestigeträchtigsten aller historischen Rallyes zu bekommen, ist eine ganz andere Nummer. Die Peking to Paris hält den Titel des ersten transkontinentalen Autorennens der Welt, dessen allererste Austragung – man glaubt es kaum – im Jahr 1907 stattfand.
Damals begann alles mit einer einfachen, kühnen Herausforderung, die im Januar 1907 in der Pariser Zeitung «Le Matin» abgedruckt wurde:
Ha. Da haben wir es wieder: Weil es da ist. Ich wähle das Klettern.
Fünf Teams nahmen die Herausforderung an und legten 14'994 Kilometer durch Gebiete zurück, in denen es absolut keine Strassen, keine Karten und keine Tankstellen gab. Hey – die mussten buchstäblich Kamele im Voraus in die Wüste Gobi schicken, um dort Treibstofflager einzurichten.
Als ältestes noch stattfindendes Langstrecken-Autorennen der Welt – und auch angesichts seiner brutal anspruchsvollen Natur – sind die Organisatoren «bei der Auswahl der Teilnehmer äusserst selektiv». Mitmachen darf nur, wer zu einem «erfahrenen Team gehört, das bereits an anderen historischen Rallye-Events teilgenommen hat».
Dementsprechend wurde Keen der Startplatz anfangs verwehrt mit der Begründung, seinem Team (einer fröhlichen Truppe von Cambridge-Ingenieurabsolventen wie ihm selbst) fehle die erforderliche Erfahrung. Doch eine durch Covid und den Ukraine-Krieg bedingte Verschiebung des Rennens (und vermutlich ein ordentliches Mass an Beharrlichkeit seitens Keens) führte schliesslich dazu, dass sie für das Event 2024 zugelassen wurden.
Und so setzten sich Nigel und sein Sohn Dominic im Mai 2024 an der Grossen Chinesischen Mauer ausserhalb von Peking in ihren Rolls-Royce-Oldtimer und machten sich auf den Weg.
Gefahren wurde auf einer komplett neu gesteckten (Russland war draussen – aus Gründen), südlichen Routenversion dieses historischen Rennens.
Und 14'250 Kilometer, 9 Länder und 37 Tage später überquerten sie die Ziellinie bei der Garde Nationale in Paris und belegten den 41. Platz in der Gesamtwertung.
Mit einer 56 Jahre alten Luxuslimousine, die eigentlich für asphaltierte Flaniermeilen gebaut wurde, einmal halb um den Globus, über groben Schotter, Bergpässe und durch Wüsten brettern? Warum zur Hölle macht jemand so was?
Because it's there. I choose to climb.
