Unkontrollierbare Ziegen bedrohen diese paradiesischen Inseln
Sie streifen über Strände, fressen sich durch Gärten und verwüsten sogar geschützte Naturgebiete: Auf den Saintes, einem Touri-Archipel von Guadeloupe, sind verwilderte Ziegen zum handfesten Öko-Problem geworden. Jetzt soll ein Plan ihre Population endlich in den Griff bekommen.
Die vulkanische Inselkette zwischen Dominica und Basse-Terre lockt jedes Jahr Zehntausende Besucherinnen und Besucher an – angezogen vom türkisblauen Wasser und den unberührten Buchten. Terre-de-Haut, die meistbesuchte Insel, ist ein beliebter Zwischenstopp für Kreuzfahrtschiffe.
Doch hinter der Postkarten-Idylle spielt sich ein Öko-Drama ab. «Allein auf Terre-de-Haut schätzen wir den Bestand auf mindestens eine Ziege pro Einwohner – also rund 1500 Tiere», sagt Marie Robert vom Office français de la biodiversité. Genauere Zahlen sollen in den nächsten Monaten folgen – dank 50 Fotofallen, die derzeit installiert werden.
Die Tiere kamen einst mit dem Menschen auf die Inseln – und waren lange die einzige lokale Fleischquelle. Der seit fast 20 Jahren als Küstenwächter tätige Philippe De Proft erzählt:
Doch mit dem Boom des Tourismus haben sich die Lebensweisen verändert. Die junge Generation hat die Ziegenhaltung nicht weitergeführt. Und die Tiere? Vermehren sich munter weiter. Ein Weibchen kann mehrmals pro Jahr zwei bis drei Junge werfen.
Auch wenn die Cabris bei Touris für «Jöö»-Momente sorgen, sind sie für die Ökosysteme ein echtes Problem. Biodiversitäts-Ingenieurin Marie Robert erklärt:
Beispiel gefällig? Am Chameau, dem höchsten Punkt von Terre-de-Haut (304 m), zeigt sich das ganze Ausmass: Die Vegetation ist zerstört, Bäume kahlgefressen, Äste abgeknabbert. «Die Pflanzen, die den Boden eigentlich zusammenhalten, verschwinden – der Boden erodiert, und das Risiko für Erdrutsche steigt. Gleichzeitig gerät auch die Tierwelt unter Druck», sagt Marie Robert und zeigt auf den kargen, steinigen Boden.
In genau dieser endemischen Vegetation leben Reptilien, die es sonst nirgends auf der Welt gibt. Mehrere dieser Arten sind akut bedroht: die Couresse der Saintes (eine nur dort vorkommende Schlange), der Guadeloupe-Skink mit seiner glänzenden Haut und der winzige Sphérodactyle der Saintes, ein Mini-Gecko. Zusammen machen sie rund die Hälfte aller gefährdeten Landreptilien von Guadeloupe aus.
Laut einer Studie des Office français de la biodiversité aus den Jahren 2021 bis 2023 gehört der Archipel «zu den wichtigsten Regionen für den Erhalt der Biodiversität in der Karibik».
Die Arten sind ohnehin schon unter Druck – durch Ratten, streunende Hunde und Katzen. Jetzt droht ihnen sogar das Aussterben. Und das wäre irreversibel: Inseln beherbergen rund 20 % der weltweiten Wirbeltier-Biodiversität, und seit dem Jahr 1500 fanden 75 % aller Aussterbefälle auf Inseln statt – davon 86 % wegen eingeschleppter Arten, erinnert das Office français de la biodiversité.
Deshalb hat das Office français de la biodiversité ein europäisch finanziertes Programm namens LIFE Programme aufgegleist – rund zehn Millionen Euro stecken darin. Mit dem Ziel, die Reptilien in Guadeloupe sowie auf Saint-Martin und Saint-Barthélemy zu schützen, die mit denselben Problemen kämpfen. Philippe De Proft sagt:
Die Verantwortlichen des LIFE Programme schauen dafür nach Saint-Barthélemy, wo bereits eine Lösung getestet wird. Die Organisation Island Nature Experience fängt die Tiere ein, bringt sie auf ausgewiesene Weideflächen und führt sie – nach Gesundheitschecks und dank einer Sonderbewilligung der Lebensmittelbehörde – wieder in die Fleischproduktion zurück.
«Selbst ausgewachsene Wildtiere lassen sich noch verwerten», sagt Rudi Laplace – und beobachtet bereits sofortige positive Effekte der eingefangenen Ziegen auf die Vegetation von Saint-Barthélemy.
Das Modell könnte auch auf die Saintes übertragen werden. «Ich muss eine Verordnung gegen freilaufende Tiere erlassen und Flächen für sie bereitstellen», erklärt Louly Bonbon, der frisch wiedergewählte Bürgermeister von Terre-de-Haut. Im neuen lokalen Raumplan der Gemeinde seien bereits Weideflächen vorgesehen.
Und als wäre das nicht genug, droht schon das nächste Problem: Auch eine andere Art gerät ausser Kontrolle. Von einem Züchter zurückgelassene Schafe haben sich auf der Insel rasant vermehrt – aus einem einzigen Paar wurden inzwischen 25 Tiere.
