Satire über Thomas Gottschalk, Stefan Raab & Co. – so lustig ist sie wirklich
Medienleute gifteln gern über die Konkurrenz, aber mit Selbstkritik haben sie Mühe. Während der Film immer wieder hervorragende Mediensatiren hervorbringt wie «Don't Look Up», «Network», «Succession», schreiben im Journalismus vorwiegend Ruheständler kritische Bücher über die eigene Branche und grösstenteils im Basston der Überzeugung, dass früher, also zu ihrer Zeit, alles besser war.
Nun aber nimmt ein 30-Jähriger den Medienbetrieb auseinander, einer, der darin seit Jahren erfolgreich mitmischt: Sebastian Hotz, besser bekannt unter dem Namen «El Hotzo», ist in den sozialen Medien ein Star, mit 1, 2 Millionen Followern bei Instagram und über 700'000 Followern bei X (ehemals Twitter). Dort liefert er gesellschaftskritische Kommentare zum Zeitgeschehen.
Selbst Elon Musk empört sich über Tweet von El Hotzo
Dazu ist er ein erfolgreicher Podcaster und Gagschreiber, arbeitete unter anderem für das ZDF-Magazin Royale von Jan Böhmermann. 2023 erschien sein erster Roman «Mindset», der verrissen wurde, es aber trotzdem auf Platz 2 der «Spiegel»-Bestsellerliste schaffte.
Berühmt-berüchtigt wurde El Hotzo im Juli 2024, als er nach dem Attentatsversuch auf Donald Trump tweetete, es sei wie beim letzten Bus, der «leider knapp verpasst» wurde, und er fügte an: «Ich finde es absolut fantastisch, wenn Faschisten sterben.» Selbst Elon Musk protestierte. Deutsche Sender wollten nicht mehr mit Hotz arbeiten. Die Berliner Staatsanwaltschaft leitete ein Verfahren wegen Billigung einer Straftat ein, doch die Richter sprachen den Satiriker frei.
Im selben Jahr gab Hotz öffentlich zu, Untreue, Lügen, Manipulationen hätten in seinem Beziehungsleben zum Alltag gehört. Er habe sein Image als «reflektierter Medienmann» ausgenutzt und damit viele Menschen verletzt. Seither gilt er als Reizfigur und würde eigentlich Stoff genug liefern für eine moderne Mediensatire.
Harald Schmidt oder Thomas Gottschalk als Vorbilder
Doch Sebastian Hotz nimmt leider nicht die eigene Person zum Anlass seiner Medienschelte, sondern seziert Late-Night-Shows, wie sie vor einem Vierteljahrhundert gefeiert wurden, als er noch kaum auf der Welt war. Damals gab es Formate mit einem Moderator und einem sogenannten Sidekick, der regelmässig an dessen Seite sass und gute Miene zu den oft mittelprächtigen Pointen machte. Das Fernsehpublikum gönnte sich die Sendungen, um kurz vor dem Einschlafen ein letztes Mal abzulachen.
Kultstatus erreichten Harald Schmidt mit Sidekick Manuel Andrack, Stefan Raab mit Elton, Jan Böhmermann mit Ralf Kabelka. In Österreich halten sich Christoph Grissemann und Dirk Stermann seit 680 Folgen. Sie zelebrieren den Geronto-Chic ihrer Sendung «Willkommen Österreich», sind aber insofern schon modern, als es bei ihnen keine klare Rollenzuteilung in Host und Sidekick gibt. Gleichberechtigt präsentierten auch Viktor Giacobbo und Mike Müller ihren Humor.
Hotz’ neuer Roman heisst «Sidekick», und sein Held Boris übernimmt eindeutig den Part des Sparringpartners und Trottels an der Seite der Showlegende Falk Anders. Anders galt einst als Rebell. Alle TV-Zuschauer kannten seine Sketche, aber längst verläuft die Sendung nach dem immer gleichen drögen Muster. Man kann darin miterleben, wie die einstige «Gagrakete» Falk Anders nur noch vor sich hin gammelt.
Es fällt leicht, in der Figur des Moderators eine Mischung aus Schmidt, Raab, Böhmermann und Thomas Gottschalk zu erkennen. Mindestens ein Jahrzehnt zu spät kündigt Anders dann endlich seinen Rücktritt und Ruhestand an. Boris, der am ehesten wie eine Parodie von Elton wirkt, wittert seine Chance. Er sieht sich als legitimer Nachfolger von Falk Anders, doch der Privatsender «Sat6» plant bereits mit einer jungen Influencerin, die für neue Reichweiten und Zielgruppen sorgen soll.
An der Abschiedsparty rastet Boris aus. Die Satire auf dem Highway durch die TV-Hölle kommt in Fahrt. Hotz präsentiert sie selbst wie eine Comedyshow. In jedem Satz präsentiert er mindestens eine Pointe. Das ist bewundernswert und macht die Lektüre über weite Strecken zum Vergnügen. Er zeigt den Zynismus eines Betriebs, der Show und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden kann.
Nur leider ändert das nichts am Grundfehler des Romans: Man liest ihn, wie man ein altes YouTube-Video von Harald Schmidt aus den 1990ern schaut. Es ist amüsant. Man lacht über Gags, über die man schon vor 30 Jahren lachte. Das Buch ist eine Satire über eine Medienwelt von gestern: Schmidt und Gottschalk sind längst in Rente, Raab weitgehend unsichtbar. Und Elton allein rettet kaum einen Abend vor der Kiste, geschweige denn einen Roman.
Sebastian Hotz: Sidekick. Roman. Kiepenheuer & Witsch, 298 Seiten. (aargauerzeitung.ch)
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