Leben
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French novelist and poet Michel Houellebecq smiles towards the audience prior to a reading of his latest book in Cologne, Germany, Monday, Jan. 19, 2015. The controversial author appears in public for the first time after his book

Der Stylecheck sagt, dass Michel Houellebecq dringend wieder Spannkraft und Glanz in sein Haar bringen und seine Gesichtshaut einer Hyaluron-Kur unterziehen sollte. Mehrere Detox-Monate sind unumgänglich.  Mit der Hilfe von Concealern und Highlightern könnte er sein Gesicht vielleicht, in einer noch nicht ganz absehbaren Zukunft, wieder zum Strahlen bringen.  Bild: AP/AP

Review

Michel Houellebecqs «Serotonin» wäre lustig, wenn er es nicht ernst meinen würde

Noch immer führt Michel Houellebecq die europäischen Bestsellerlisten an. Aber wieso bloss? Und welche Gerüchte über das Buch stimmen?



Auf der Bestseller-Hitparade des «Spiegels» regiert bei den Sachbüchern Michelle Obama mit «Becoming», bei der Belletristik Michel Houellebecq mit «Serotonin». Michelle et Michel alors. Die erfolg-, einfluss- und auch sonst reichste (oder zumindest sehr reiche), emanzipierte, vorbildlich gebildete afroamerikanische Ex-First-Lady und der völlig abgewrackte, aber wahrscheinlich auch recht reiche, sexistische französische Schriftsteller, der sagt, dass Trump sein Bruder im Geiste sei. Ein unwahrscheinliches, ungleiches Paar. Und doch die Beliebtesten beim Publikum. Gleichzeitig. Jetzt.

Hat da jemand Gender-Bias gesagt? Oder gedacht? Ich nicht! Und ich gebe zu: Michel hab ich schon gelesen, im Gegensatz zu Michelle. Was bei den Männern meiner Redaktion plötzlich ein irres Interesse auslöste. Es ist, als hätte ich wichtige Fussballspiele bereits vor ihnen gesehen. Die Fragen sind: Ist es lustig? (Was wohl auch noch heissen sollte: Sind die Sexszenen gut?) Und: Der hat die Gilets Jaunes vorausgesagt, oder?

Beginnen wir mit der zweiten Frage: Keine Ahnung, wer diese Behauptung, die seither hundertfach kopiert wurde, in die Welt gesetzt hat, jedenfalls nicht Houellebecq selbst. Wahrscheinlich ein Marketingstratege, der zur fortschreitenden Mythologisierung des Autors beitragen wollte.

Wir erinnern uns: In «Unterwerfung» entwarf Houellebecq die Islamisierung Frankreichs. Am Erscheinungstag des Buches wird «Charlie Hébdo» attackiert. Einer der erschossenen Redakteure hat vor Jahren über Houellebecq publiziert. «Die Schüsse auf die Redaktion von ‹Charlie Hebdo› galten auch Houellebecq», folgert die «Frankfurter Allgemeine Zeitung». MH wird zu einer Art Märtyrer geadelt.

A wreath of flowers is seen outside the satirical newspaper Charlie Hebdo's former office, before a ceremony to mark the fourth anniversary of the attack in Paris, Monday, Jan. 7, 2019. 2015. Cartoonists, religious leaders and top French officials are paying respects to 17 people killed by Islamic extremists targeting satirical newspaper Charlie Hebdo and a kosher supermarket in 2015. (Gonzalo Fuentes, Pool via AP)

Im Gedenken an die wahren Opfer von «Charlie Hebdo». Bild: AP/POOL Reuters

In «Serotonin» beschreibt er nun nichts, was mit den Aufständischen von Paris vergleichbar wäre, sondern einen traditionellen französischen Bauernaufstand in der Normandie, wie er jedes Jahr mindestens einmal stattfindet. Import-geschädigte Bauern blockieren mit ihren Maschinen eine Autobahn und dann kommt endlich das, worum es im ganzen Buch geht, was das Ziel des wohl nur 46-jährigen, sich aber geistig und körperlich völlig greis gebärdenden Erzählers wie auch seines einzigen und daher besten Freundes ist: ein Heldentod.

Der Freund ist kein gewöhnlicher Bauer, der wäre dem Erzähler, der irgendwas mit Agrarwissenschaften macht, nicht angemessen. Er ist ein verarmter Adliger, der in marodem Schloss und mörderischem Selbstmitleid dahinsiecht und sich jetzt, auf der Traktor-Barrikade, mit seiner Lieblingswaffe, einem Schmeisser-Sturmgewehr, endlich medienwirksam und revolutionsromantisch («seine langen blonden Haare wehten in einem Windhauch») verabschiedet. Nix Gilets Jaunes. Aber okayer Effekt.

French Artist Michel Houellebecq watches his artwork

2016 zeigt MH an der Zürcher Manifesta Innenansichten seines Körpers als Kunst. Der Befund ist frustrierend: Der Autor ist viel gesünder, als er sich das vorgestellt hat! Bild: KEYSTONE

Der Erzähler suhlt sich wie jeder MH-Mann im Selbst- und Weltekel, bloss ist er jetzt so depro, dass er wegen der Psychopharmaka keinen mehr hochkriegt. Obwohl er immer an Sex denkt. Sich daran erinnert. Versaute Videos der dauergeilen Asiatin schaut, mit der er nicht mehr zusammen sein will. (Ich hab den Test gemacht und alle Stichworte gegoogelt, welche die dreckigste der Fantasien hergab, «Hund», «Mund» und noch so ein paar, und siehe da, der erste – verdammt unappetitliche – Treffer aus Pornhub war deckungsgleich mit der Szene im Roman, soviel zu MHs kreativen Ambitionen.)

Und? Ist es lustig? Jaaaa ... jedenfalls wenn man das Buch wie ich als Krankheitslektüre liest. Irgendwas in mir kringelte sich andauernd vor Lachen. Irgendwas fand das Leiden des abdankenden Mannes gelegentlich gar eindringlich und berührend. Irgendwas sagte mir: Frau Meier, du spinnst. Bloss, was war das Problem?

Langsam dämmerte in mir eine Ahnung auf: Meint der das alles gar nicht so ironisch, wie mein Fieberkopf das gerne lesen möchte? Meint der das etwa genau so, wie es da steht und wie er das in jedem seiner Interviews auch sagt? So tragisch, so pathetisch, so larmoyant. Die Differenz zwischen MH und seinen Figuren scheint gering bis nicht vorhanden. Wo ist da der intellektuelle oder empathische Bruch?

French Artist Michel Houellebecq watches his artwork

Noch eine Manifesta-Ansicht des Dichters und seiner Hand. Bild: KEYSTONE

Nun ist MH in seinem Genre des sich end- und masslos bemitleidenden Mannes in der zweiten Lebenshälfte natürlich nicht allein. Es ist in sich selbst ein end- und masslos erfolgreiches Genre, es bedient offenbar ein akutes Bedürfnis, man muss das ernst nehmen. Karl Ove Knausgård und viele andere gehören dazu, der Maskulinist Jordan Peterson liefert den rechtsideologischen Takt.

Immer mal wieder geht es um heldische Todesfantasien, manchmal auch um ein hartes Flirten mit Übermännern wie Hitler. Immer kommt mindestens eine grosszügige Prostituierte drin vor, die's den Typen gern auch gratis besorgt. Die mysteriöse, aber dann doch mehr als willige Asiatin ist ein Dauertopos. Trotzdem: Wenn das gut gemacht ist, wenn der Autor über seinen Monstern steht und nicht anbetend in ihnen versinkt, dann ist das tatsächlich von grossem Unterhaltungswert, auch für ein weibliches Lesepublikum.

So weit wie MH ist allerdings noch keiner gegangen. Schauen wir uns einmal an, womit er seinen Roman beschliesst: «Und heute verstehe ich den Standpunkt Christi, seinen wiederkehrenden Ärger über die Verhärtung der Herzen: Da sind all die Zeichen, und sie erkennen sie nicht. Muss ich wirklich zusätzlich noch mein Leben für diese Erbärmlichen geben? Muss man wirklich so deutlich werden? Offenbar ja.»

Jesus Christus

Jesus. Nicht MH. Bild: Shutterstock

Verhärtet sind die Herzen der Menschen (beziehungsweise der «Muschis» und «Schlampen») natürlich einzig dem Erzähler gegenüber. Der ist eine allmählich zum Zombie werdende Kreatur, die unter anderem darüber nachsinnt, das Kind einer Ex zu erschiessen, um ihre ungeteilte Aufmerksamkeit und gewiss auch Liebe zu haben. Frankensteins Monster war dagegen ein Ausbund an echter, reflektierter Empfindsamkeit.

Aber ein Mann, der sich elend fühlt, ist natürlich schon befugt, sich mit Christus zu identifizieren, wozu wäre dieser sonst erfunden worden? Schliesslich liegt im Grössenwahnsinn grosser Trost.

P.S. Demnächst: Lektüre aus Frankreich, die ebenso verrucht, aber grossartig ist.

So wild treiben es diese südafrikanischen Geparde

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Video: watson/nfr

Die Geschichten aus dem Leben von Emma Amour:

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34Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • TheRealSnakePlissken 02.02.2019 13:46
    Highlight Highlight Mir kam der Roman vor, wie von einem Houellebecq-Algorhythmus geschrieben: Es wird gejammert und gemeckert wie es die Houellebecq-Gemeinde erwartet, nach der Lektüre lehnt man sich zurück und fragt sich, ob da jemals noch was Neues aus der Houellebecq- Jammermaschine kommt. - Empfehle stattdessen Daniel Riesers Roger-Köppel-Drama "In Badehosen nach Stalingrad". 🤓
  • Spooky 01.02.2019 18:53
    Highlight Highlight Sehr gute Rezension, danke!
    Muss dieses Buch unbedingt lesen 🖐
  • Nausicaä 01.02.2019 17:10
    Highlight Highlight Nicht, dass ich die geringste Lust verspüre, etwas von MH zu lesen. Da geb ich mir lieber eine zünftige Ladung DFW, der ist 'auch' witzig. Aber wie zur Hölle findet man heraus, ob ein Autor sich mit seinem Erzähler identifiziert und inwiefern. Das muss doch Spekulation bleiben, nicht?
    • Spooky 02.02.2019 04:00
      Highlight Highlight "Aber wie zur Hölle findet man heraus, ob ein Autor sich mit seinem Erzähler identifiziert und inwiefern."

      Gute Frage. Gute Literatur hat immer einen doppelten Boden, sonst wäre es Journalismus oder Berichterstattung. Weil MH einen - sozusagen - stillosen Stil pflegt, ist dieser doppelte Boden bei ihm nicht so leicht zu erkennen - es gibt ihn aber, durchgehend. In dieser Hinsicht ist die Rezensentin dem Genie Houellebecq auf den Leim gekrochen, finde ich. Er identifiziert sich nicht mit Jesus - das ist nicht so leicht erkennbares, aber gewolltes Pathos. MH ist raffiniert.
  • el_bengalo 01.02.2019 15:13
    Highlight Highlight Nichtsagende Rezension. Und dieser infantile Ton … ist das Watson-Sprech? Ähhm …
  • uth 01.02.2019 15:05
    Highlight Highlight Ich hätte Lust, Houellebecq und Steve Bannon zusammenzuführen. Die hätten sich viel zu erzählen, und das Stadium der Verwahrlosung ist ungefähr identisch. Zwei schlecht alternde Männer mit schrägem Gedankengut und der schmutzigen Lust, ihre Community zu verführen und zu pervertieren; jeder auf seine Art, aber beide ohne positiven Impact für die Zukunft, die ihnen längst nichts mehr bedeutet.
  • Altweibersommer 01.02.2019 15:02
    Highlight Highlight Ich habe ja etwa dieselbe Meinung von Houellebeq, aber: Stylecheck? Männer haben nur Fussball im Kopf?

    Gerade wenn es um Themen woe Sexismus und Gleichberechtigung geht, halte ich solche Oberflächlichkeiten und Vorurteile für ziemlich deplatziert.

    Das können Sie eigentlich besser Frau Meier!
  • juba 01.02.2019 13:17
    Highlight Highlight Was Houellebecq „meint“ steht nicht im Buch... und dieses ist genau so wie ich es lese: sehr amüsant!
  • Jungle Head 01.02.2019 12:44
    Highlight Highlight P.S. Demnächst: Lektüre aus Frankreich, die ebenso verrucht, aber grossartig ist.

    Darf ich raten?

    Vernon Subutex von Virginie Despentes

    HAMMER Buch bzw. Trilogie
    • Simone M. 01.02.2019 14:13
      Highlight Highlight Nee, Subutex hatten wir schon. Aber heiss! Was Älteres von Virginie. Noch krasser.
  • inmi 01.02.2019 11:37
    Highlight Highlight Houellebecqs Roman ist gut, er liegt halt einfach nicht strikt auf der linken Linie, welche die Mehrheit der Medien vertritt. Ist wohl wieder dasselbe wie bei "Unterwerfung"
    • Füdlifingerfritz 01.02.2019 12:24
      Highlight Highlight @inmi
      Korrekt analysiert.
  • Shabaqa 01.02.2019 11:24
    Highlight Highlight Oh, jetzt gibts also auch für Pornovideos das Buch zum Film. Vielleicht sollte ich mich auf dem Markt auch mal versuchen. Danke fürs Sexszenengoogeln, Simone Meier. Da wär ich nicht drauf gekommen.
  • Jol Bear 01.02.2019 11:13
    Highlight Highlight Die Rezensentin ist Houellebecq so auf den Leim gekrochen, wie er es erwartet hatte.
  • Skeptischer Optimist 01.02.2019 10:52
    Highlight Highlight Werbung für einen Aufmerksamkeitsheischer.
  • Turi 01.02.2019 10:35
    Highlight Highlight 95% der Kritiken loben die Erzählung. Teilweise sogar überschwenglich. Wahrscheinlich zu recht (ich bin grad 2/3 durchs Buch durch).

    Einige wenige linke Zeitungen, zum Beispiel die Zeit, warnen davor, dass HB 'rechtsradikales Gedankengut' salonfähig mache, dass er nicht politisch korrekt wäre, dass er frauenfeindlich wäre.
    Halt das, was linke Zeitungen generell über Ansichten von Menschen (Männern) schreiben, die von ihrer eigenen Ansicht abweichen.
    • wasps 01.02.2019 11:38
      Highlight Highlight Dann empfehle ich, den letzten Drittel auch noch zu lesen, ummabschliessend urteilen zu können.
    • LaktoseintoleranterVeganerLGBT 01.02.2019 12:22
      Highlight Highlight Weil die Linken zu einem Schritt wie grundsätzlich blockiert sind, nämlich den Rechten, also den Falschen, auch mal recht zu geben.

      Rechte können überhaupt nicht recht haben! Wir müssen alles erwägen, jeden Hebel in gang setzen, alles versuchen und lieber ausgerottet werden als eines tun, Rechtspopulisten in die Hände spielen.

      Aber etwas kann man richtigstellen: wenn der Falsche ständig das Richtige sagt, sollte man vielleicht mal seine Definition von falsch verifizieren.
  • Jupiter Jones 01.02.2019 10:25
    Highlight Highlight Irgendwie auffallend, wie Bodyshaming jeweils voll okay wird, sobald das Objekt eine falsche politische Meinung hat.
    • Lamino 420 01.02.2019 11:02
      Highlight Highlight Sein Aussehen sollte egal sein. Dem wird der Artikel nicht gerecht.
    • Turi 01.02.2019 11:02
      Highlight Highlight @jones, ich glaube, das muss man vor dem hintergrund der radikalen links-identitären ideologie sehen, derzufolge es "keinen sexismus gegen männer", "keinen rassissmus gegen weisse" etc geben könne. aus prinzip nicht (man google mal die NYT-autorin sarah yeong, da hat die NYT diese identäre ideologie sogar vehement verteidigt. aber auch schweizer politikerinnen wie fumicello argumentieren so).

      wenn es also keinen sexismus oder rassismus gegen männer wie HB geben kann, dann eben auch kein bodyshaming.

      so absurd sind gewisse ideologien heute.

    • wasps 01.02.2019 11:42
      Highlight Highlight Leute, bitte. Er sieht nun wirklich nicht appetitlich aus. Muss man immer alles so verdammt Ernst nehmen?
    Weitere Antworten anzeigen
  • praxis 01.02.2019 10:15
    Highlight Highlight Houellebecq ist kein Trump-Fan, sonst aber ist die Rezension einigermassen gelungen. Und ja, es ist wie immer sehr lustig, was Houellebecq schreibt, auch wenn er es meistens recht Ernst meint.
    • DichterLenz 01.02.2019 11:13
      Highlight Highlight Tut er das wirklich? Da bin ich mir nicht so sicher. Der liefert einfach, was von ihm erwartet wird. Klappt ja auch bestens.

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