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«Poor Things»: Emma Stone ist genial als Schamlosigkeit in Person

This image released by Searchlight Pictures shows Emma Stone in a scene from "Poor Things." (Yorgos Lanthimos/Searchlight Pictures via AP)
Nach dem Sex droht die Langeweile. Jedenfalls für Bella Baxter (Emma Stone). Bild: keystone
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«Poor Things»: Emma Stone ist genial als Schamlosigkeit in Person

Der neue Film des crazy Griechen Yorgos Lanthimos pflügt sich erfolgreich durch die Award-Saison. Der zweite Oscar nach «La La Land» für Emma Stone dürfte sicher sein.
14.01.2024, 17:50
Simone Meier
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Wer schon einmal Mary Shelleys «Frankenstein» gelesen hat, weiss, wie sehr man ein Monster lieb gewinnen kann. Wie sehr man mitfiebert und leidet, wenn Frankensteins aus Leichen zusammengestückelte Kreatur allmählich zu sich kommt und verzweifelt versucht, sich unter Menschen zu bewegen, obwohl diese nur Angst und Abscheu empfinden. Und wie das Monster mit der elenden Existenz, die ihm ein grössenwahnsinniger Wissenschaftler verliehen hat, schliesslich rachsüchtig wird. Es ist möglicherweise der ärmste Outcast der Literaturgeschichte. Ein armes Ding. A poor thing.

Der Grieche Yorgos Lanthimos erzählt seine Frankenstein-Geschichte anders. Die titelgebenden «Poor Things» sind bei ihm nur partiell bedauernswert. Denn seine Monster finden zu einer den Menschen erstaunlich überlegenen, ja geradezu übermenschlichen Entfaltung.

Wobei das eine Monster im Grunde keines ist, es sieht nur so aus. Der Londoner Arzt Dr. Godwin Baxter (Willem Dafoe), kurz God, ist selbst Sohn eines Arztes. Wie schon für seinen Vater ist für ihn alles Lebendige ein möglicher Gegenstand empirischer Forschung. Er selbst war der liebste Forschungsgegenstand seines Vaters, sein Körper Material für mehrere Experimente, die ihn für immer beschädigt haben. Innen und aussen. Sein kaputtes Gesicht jagt den Menschen Angst ein. Weshalb er sich ihnen nur noch im Hörsaal und in seinem Zuhause zu nähern wagt.

Das Zuhause wiederum ist ein Paradies des Menschenmöglichen und seine Ausdrucksform ist die Collage: Seine Haustiere hat er sich aus verschiedenen Arten zusammengesetzt, sie sind quasi Moitié-Moitié, ein Gänsekopf etwa sitzt auf einem Hundekörper und bellt vor sich hin. Das Dekor ist wildester Steampunk, viktorianisch anmutender Retro-Futurismus, wunderschön, ein Märchen für sich. Anschwellender Jugendstil mit vielsagenden organischen Formen trifft auf allerlei kuriose Maschinen. Der Himmel ist von dadaistischen, schwebenden Objekten bevölkert.

This image released by Searchlight Pictures shows Willem Dafoe in a scene from "Poor Things." (Atsushi Nishijima/Searchlight Pictures via AP)
God (Willem Dafoe) kann sich nur mit Hilfe einer komplizierten Maschine ernähren. Schuld daran sind die Experimente seines Vaters.Bild: keystone

Gods grösste Schöpfung ist jedoch Bella Baxter, eine junge Frau mit einem frühkindlichen Gemüt, eine Selbstmörderin, die Baxter aus der Themse gezogen, ihr das Gehirn ihres ungeborenen Babys in den Kopf gepflanzt und – wie Dr. Frankenstein – mit Elektrizität reanimiert hat. Bella ist schön, nur eine Narbe in ihrem Nacken verrät den Eingriff. Und Bellas Fötusgehirn entwickelt sich rasend schnell: Eben erst hat sie Sprechen gelernt, schon entdeckt sie ihre Sexualität und will bei jeder unpassenden Gelegenheit masturbieren.

Spätestens da ist klar, wieso «Poor Things» von den Golden Globes in der Kategorie «Best Motion Picture, Musical or Comedy» platziert wurde (und diese auch gewann), denn «Poor Things» ist rasend unterhaltsam, bizarr, und immer wieder grandios überraschend, die Pointen unerwartet und originell. Und Emma Stone (auch für sie gab's einen Golden Globe) ist ein Wunder. Das war sie bekanntlich schon in «Birdman», «La La Land» und erst recht in «The Favourite» (ebenfalls von Lanthimos), wo sie sich mit Rachel Weisz um die Gunst einer verbiesterten, fress- und brechsüchtigen Königin (Olivia Colman) prügelte.

Als Bella Baxter ist Emma Stone entfesselt. Ein Leinwandsturm mit hüftlangem schwarzem Haar. Bella lässt aber auch gar nichts anderes zu. Denn Bella ist eine Frau, der vieles fehlt, was die Gesellschaft ihr gerne aufdrängen würde: Grenzen, Angst, Hemmungen, Schamgefühl. Bella ist eine vollkommen schamlose Person. Wenn sie in etwas Befriedigung findet – Sex, Essen, Alkohol, Tanzen – dann stopft sie sich damit voll wie ein kleines Kind.

This image released by Searchlight Pictures shows Yorgos Lanthimos and Emma Stone on the set of "Poor Things." (Atsushi Nishijima/Searchlight Pictures via AP)
Lanthimos und Stone bei einer gemütlichen Pause vom Dreh einer höchst ungemütlichen Szene.Bild: keystone

Der Plan ist, dass sie sich mit einem Assistenten von God verheiraten und mit diesem für immer auf Gods Anwesen bleiben soll. Behütet, bewacht, eingekerkert in einem Gefängnis aus Liebe. Sie setzt durch, dass sie zuerst mit dem Lebemann Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo) eine Welt- und Sexreise unternehmen darf. Sie soll sich dabei die Hörner abstossen, wie dies früher die jungen Männer vor der Eheschliessung taten. Natürlich ist dies keine Sekunde lang so einfach, wie Wedderburn sich das ausgemalt hat, denn Bella ist in allem eine wandelnde Zumutung.

Die Reise führt von Lissabon nach Alexandria nach Paris, sie wird für Bella zur nicht nur erotischen Bildungsreise, denn das nächste, was in sie einschiesst wie ein Blitzstrahl, ist der Intellekt. Und auf dem weissen Papier ihres Bewusstseins zeichnet sich allmählich ein scharfer, alles sezierender Verstand, der die Welt so zu durchdringen und zu manipulieren weiss wie die Skalpelle von God und seinem Vater menschliche und tierische Körper. Zu unserem Glück ist dabei Moral keine Grösse, die Bella wesentlich interessiert.

«Poor Things»
Lissabon – so reizvoll und fantastisch zusammengeflickt wie alles in «Poor Things».Bild: Searchlight Pictures

Der 50-jährige Lanthimos ist ein Regisseur, der seine Schauspielerinnen und Schauspieler noch einmal ganz anders zum Spielen bringt, das war so bei Olivia Colman in «The Favourite» oder mit Barry Keoghan, Nicole Kidman und Colin Farrell in «The Killing of a Sacred Deer». Seine Stars dürfen verschrobener und physischer sein als sonst, ein bisschen erinnert das an die Taktik des Schweizer Theaterregisseurs Christoph Marthaler. Und die Stars lieben Lanthimos dafür und er liebt sie zurück. Er bezeichnet Emma Stone als seine offizielle Muse, sie ist so was wie die Elektrizität, die seinen Schöpfungen Leben einhaucht, und sie will noch viele Filme mit ihm drehen.

CA: 14th Governors Awards - Los Angeles LOS ANGELES - JAN 9: Emma Stone, Yorgos Lanthimos at the 14th Governors Awards at the Dolby Ballroom on January 9, 2024 in Los Angeles, CA Los Angeles Dolby Bal ...
Emma Stone und Yorgos Lanthimos am 9. Januar bei den Governors Awards in Los Angeles. Der Siegeszug ihres Films begann im Herbst 2023 mit dem Gewinn des Goldenen Löwen für den besten Film in Venedig.Bild: www.imago-images.de

«Poor Things» ist – mehr noch als «The Favourite» – ein komplett durchgeknalltes, bombastisches Kinoerlebnis. Allein die Bilder ein reines, berauschendes Geschenk, schon nach wenigen Augenblicken hat man seinen visuellen Gedächtnisspeicher völlig geleert, um wie ein staunendes Kind die ganze Pracht aufzusaugen. Und folgt benommen Bellas eigenartiger Reise von einem ungelenken, zusammengeflickten Organismus hin zu einem annähernd geschmeidigen und in seiner analytischen Treffsicherheit immer wieder hochkomischen Charakter. Frankensteins Monster lebt. Und es ist glücklich.

«Poor Things» läuft ab dem 18.1. im Kino.

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12 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Erklärbäär
14.01.2024 20:04registriert August 2017
Hab den Film am ZFF gesehen. Ist schon sehr gut gemacht, eine Mischung zwischen unterhaltend und verstörend. Warum hier aber gleich die ganze Handlung breitgetreten werden muss erschliesst sich mir nicht. Spoilert doch nicht so rum...
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M. mit Stil
14.01.2024 18:22registriert September 2022
Hach, am liebsten würde ich mir diesen Film sofort anschauen! Wieder mal eine grossartige Rezension liebe Simone! Schade nur, dass die Kommentarspalten deiner Rezensionen jeweils schon lange wieder geschlossen sind, wenn die Filme in den Kinos offiziell anlaufen. Es wäre toll, wenn wir in der Watson-Community über die Filme diskutieren könnten.
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