Kinder aus geschiedenen Ehen werden seltener Eltern – darum ist die Erkenntnis wichtig
In Europa und Nordamerika ist die Scheidung längst kein Ausnahmefall mehr. Auch in der Schweiz hat sie seit dem Ende der 1960er-Jahre stark zugenommen: Rund vierzig Prozent der Ehen werden heute geschieden.
Gleichzeitig sinken die Geburtenraten. Fast überall im Westen liegen sie deutlich unter dem, was für den Ersatz der Elterngenerationen nötig wäre (2,1 Kinder pro Frau). In der Schweiz fiel sie zuletzt auf 1,29 Kinder pro Frau, ein historischer Tiefstand. Immer mehr Menschen geben zudem an, sich ein Leben ganz ohne Kinder vorstellen zu können. Ein Forschungsteam aus den Niederlanden hat nun untersucht, ob die zwei Faktoren – Scheidungs- und Geburtenraten – zusammenhängen.
Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter analysierten Verwaltungsdaten von fast allen zwischen 1970 und 1980 geborenen Menschen in den Niederlanden – insgesamt rund zwei Millionen Personen. Darunter waren etwa 200'000, deren Eltern sich während ihrer Kindheit scheiden liessen. Die Forschenden verfolgten ihre Lebensläufe bis ins Jahr 2023 und verglichen sie mit jenen aus durchgehend verheirateten Familien.
Im Fachjournal «Demography» berichten Silvia Palmaccio von der Bocconi-Universität und ihr Team nun: Erwachsene aus Scheidungsfamilien bleiben häufiger kinderlos und bekommen insgesamt weniger Kinder. Der Unterschied ist statistisch klar – wenn auch auf den ersten Blick nicht dramatisch. Männer, deren Eltern sich trennten, haben im Schnitt 0,187 Kinder weniger, was einem Rückgang von rund 13 Prozent entspricht. Bei Frauen beträgt das Minus 0,093 Kinder oder etwa fünf Prozent. Die Effekte bei Männern sind also doppelt so gross.
Kürzere Partnerschaften
Der entscheidende Mechanismus liegt gemäss den Forschenden darin, dass Kinder geschiedener Eltern im Erwachsenenalter häufiger kürzere Partnerschaften führen. Und wer früher getrennt ist oder häufiger den Partner wechselt, hat weniger Zeit, ein erstes oder weiteres Kind zu bekommen.
Für die Familienpolitik ist diese Erkenntnis bedeutsam und kann zumindest teilweise erklären, wieso gängige Anreize für mehr Kinder – Kindergeld, finanzierte Fremdbetreuung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf – weniger greifen, als Politikerinnen und Politiker sich erhoffen.
Gleichzeitig warnen die Autorinnen und Autoren vor vorschnellen Schlüssen, weil sich die Analyse ausschliesslich auf die Niederlande bezieht, ein Land mit vergleichsweise stark ausgebautem Sozialstaat. Deshalb lassen sich die Ergebnisse nicht automatisch auf andere Länder übertragen. Die Schweiz teilt zwar gewisse strukturelle Merkmale wie ihre Grösse und wirtschaftliche Stabilität mit den Niederlanden, unterscheidet sich jedoch in der Ausgestaltung der Familienpolitik deutlich.
Silvia Palmaccio schreibt auf Anfrage, sie erwarte, dass der grundlegende Zusammenhang – geringere Kinderzahlen im Zusammenhang mit elterlicher Scheidung – auch in der Schweiz relevant sein könnte. Wie stark der Effekt ausfalle, hänge jedoch vom jeweiligen länderspezifischen Kontext ab. Die Richtung sei vermutlich ähnlich, die Grösse des Effekts lasse sich ohne spezifische Daten aber nicht vorhersagen. (aargauerzeitung.ch)
