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Pille für den Mann: Warum das Verhütungsmittel auf sich warten lässt

Neue Ideen für die «Pille für den Mann» – doch es dauert

Seit der Massenproduktion der ersten Kondome hat sich bezüglich der männlichen Verhütung kaum was getan. Die Frau sei hier halt die Verlässlichere, sagt ein Reproduktionsmediziner. Aber nun drängt die Zeit auch, weil es herauszufinden gilt, was denn aus der Umwelt die Spermienqualität mindert.
17.06.2024, 19:40
Sabine Kuster / ch media
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Auf die Geschwindigkeit kommt es an. Das haben die Spermien verstanden. Sie schwänzeln wie wild in diesem Wettkampf unter 20 bis 150 Millionen. Die Vagina hinauf durch die Gebärmutter bis zur Eizelle brauchen sie etwa eine Stunde und müssen dafür etwa 12'000 Mal mit dem Schwanz schlagen.

Deshalb klappt es meistens nicht, den Sex rechtzeitig zu unterbrechen: Es sind zu viele und sie sind schnell. Aber Sex, ohne danach für ein Kind sorgen zu müssen, das wollen die Menschen schon lange. Das Kondom wurde erfunden und ab 1870 in Serie hergestellt, dann folgten im letzten Jahrhundert die Erfindungen von gut ein Dutzend Verhütungsmethoden für die Frau. Keine Pille für den Mann. Obwohl seit rund 30 Jahren doch etwas intensiver geforscht wird.

Sperma, Spermien
Die Pille für den Mann lässt weiter auf sich warten. (Symbolbild)Bild: Shutterstock

Gerade sind wieder zwei Studien über mögliche Verhütungsmittel für den Mann publiziert worden. Die eine wurde von der US-Gesellschaft für Endokrinologie in Boston vorgestellt und basiert auf einem Gel aus den Hormonen Testosteron und Segesteron, das sich die Männer einmal täglich während 9 bis 15 Wochen auf die Schultern strichen, bis ihr Ejakulat pro Milliliter nur noch eine Million Spermien zählte, womit die Fruchtbarkeit deutlich eingeschränkt ist.

Zusätzliches Testosteron führt zu Unfruchtbarkeit

Philipp Quaas, Reproduktionsmediziner und Endokrinologe am Unispital Basel, sagt: «Ich bin skeptisch. Der Gedanke, Testosteron für die Kontrazeption zu verwenden, ist nicht neu. Das Problem sind die möglichen Nebenwirkungen.» Eine konstante Einnahme von Testosteron senkt die körpereigene Ausschüttung des Hormons und schädigt dadurch die Spermienproduktion. Nach einer Ersatztherapie bei Testosteronmangel beispielsweise bleiben rund 30 Prozent der Männer für immer unfruchtbar. Dazu bewirkt der Eingriff in dieses Hormongleichgewicht Stimmungsschwankungen.

Ob das Beifügen von Segesteron den Unterschied macht? Quaas sagt: «Segesteron ist ein interessantes Gelbkörperhormon, gegebenenfalls ist es den Forschenden tatsächlich gelungen, ein Präparat zu entwickeln, das reversibel und nebenwirkungsarm eine Verhütung beim Mann ermöglicht. Ich bin gespannt auf weitere Daten.»

Wir notieren uns auf der Suche nach den Gründen, warum die Pille für den Mann nicht längst erhältlich ist: Bei Männern in den Hormonhaushalt einzugreifen, ist kritisch. Bei den Frauen ist das unproblematischer, weil die Eizellreserve schon bei Geburt angelegt ist: Fremde Hormone wie die Pille wirken sich nicht negativ auf die Fruchtbarkeit aus.

Wir notieren uns ausserdem: Männer mögen die Nebenwirkungen der hormonellen Pille auch nicht – Stimmungsschwankungen, Gewichtszunahme und Beeinträchtigung der Libido, wie dies bei der Pille für die Frau vorkommen kann. 2011 wurde deswegen eine Studie mit einer Testosteronspritze der WHO abgebrochen.

Es gibt auch Pillen ohne Hormone

Wenn das mit der Hormon-Pille beim Mann also schwierig ist, was ist mit den anderen Möglichkeiten? Die andere, soeben im Magazin «Science» erschienene Studie zum Thema Pille für den Mann versucht es ohne Hormone: Männer mit einer Mutation eines bestimmten Proteins namens Serin/Threonin-Kinase 33 sind natürlicherweise steril, weil ihre Spermien defekt sind. Die Forschenden des Baylor College of Medicine in Houston, Texas, fanden einen Hemmstoff für dieses Protein und er wirkte – zumindest in Mäusen. Sie wurden unfruchtbar. Gleichzeitig zeigte der Stoff keine schweren Nebenwirkungen und die Unfruchtbarkeit war in den Mäusen reversibel.

«Der Stoff ist vielversprechend», sagt dazu Reproduktionsmediziner Quaas, «aber weit davon entfernt, dass man ihn bald in einer Apotheke kaufen kann.» Kinase-Inhibitoren werden bereits in der Onkologie angewendet. Da sie Enzyme hemmen, die in allen Zellen des Körpers wichtig für Stoffwechselprozesse sind, müsse die Sicherheit eines solchen Verhütungspräparates erst in grossen Studien am Menschen bewiesen werden, sagt Quaas.

Eine «Nature»-Studie aus New York im letzten Jahr habe das spezifischer gelöst: Ein Hemmstoff gegen ein bestimmtes Enzym, die sogenannte lösliche Adenylylcyclase, wirkte sehr kurzfristig und am nächsten Tag waren die Mäuse wieder fruchtbar. Bei dieser Forschung rechnet Quaas eher damit, dass bald eine Studie an Männern folgt und das Mittel in ein paar Jahren vielleicht anwendbar ist.

Es dreht sich alles um die Frau

In ein paar Jahren. Das ist zum Bonmot in der Forschung nach einer Pille für den Mann geworden. Während nicht nur die Spermien, sondern in der Regel auch die Forscher jeweils die Ersten am Ziel sein wollen, dümpelt dieser Bereich vor sich hin.

«Am Ende wird die Frau schwanger, nicht der Mann», sagt Quaas, als das Gespräch grundsätzlicher wird. Doch was bedeutet das tatsächlich? Dass ohnehin die Frau für die sichere Verhütung sorgen muss, weil sie die körperlichen Konsequenzen trägt? Quaas sagt: «Die Frau ist hier verlässlicher. Würden Sie als Frau sich denn darauf verlassen, dass Ihr Sexpartner die Pille genommen hat?»

Das Abtreiben oder eine Vaterschaft betrifft den Mann aber zumindest emotional ebenso. Und falls er ungewollt Vater wird, betrifft es ihn auch finanziell. Solange es keine Pille für ihn gibt, hat er dieses Risiko nur mit dem Kondom nicht komplett im Griff.

«Natürlich ist der Partner auch betroffen», sagt Quaas, und letztlich sei es wirklich erstaunlich, warum es die Pille noch nicht gebe. «Der Mann steht in der reproduktionsmedizinischen Forschung etwas im Hintergrund. Vielleicht liegt es daran, dass es einfacher ist, einmal im Monat den Eisprung zu unterdrücken, als Abermillionen von Spermien sicher an der Befruchtung der Eizelle zu hindern.»

Was schadet Spermien – das wäre doppelt wichtig zu wissen

Andrologen, also Männerärzte, und die damit verbundene Andrologie gibt es erst seit rund 50 Jahren. Der kritischere Faktor im Hinblick auf die Fortpflanzung sei nun mal die Frau, sagt der Reproduktionsmediziner. Beim Mann könne viel weniger schiefgehen. Das Testosteronlevel täglich gleichbleibend, die Spermien ständig erneuernd.

Doch das mit der wichtigeren Rolle in der Fortpflanzung ändert sich gerade: Eine Studie unter Rekruten der Universität Genf zeigte 2019, dass nur 38 Prozent der jungen Männer mit ihrem Sperma die idealen Fruchtbarkeitswerte der WHO erfüllten. Und gemäss dem Bundesamt für Statistik war 2021 in 35 Prozent der Fälle, in denen ein Paar kein Kind bekommen konnte, der Mann der Grund – in 27 Prozent die Frau. In den übrigen Fällen lag es an beiden oder der Ursache konnte nicht gefunden werden.

Was die Spermienproduktion und -qualität hemmt, sollte also nicht nur auf der Suche nach einer Pille für den Mann geklärt werden – sondern auch für seine Fruchtbarkeit. In der Umwelt sind solche Stoffe offensichtlich vorhanden. Nun müssen sie gefunden werden. Bevor sich die Pille für den Mann von selbst erübrigt.

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Sperma-Check mit dem Handy
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Bewegung, Form und Anzahl von Spermien im Ejakulat erkennen Ärzte eigentlich unter dem Mikroskop. Daran wird auch die Zeugungsfähigkeit von Männern evaluiert. Allerdings stellt die Analyse für viele Männer eine Hürde dar – einerseits finanziell, andererseits pschologisch. (Quelle: Vignesh Natarajan)
quelle: ap pa journal of science / str
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Jeden Tag eine Hormon-Pille schlucken? Nein, danke!
Video: srf
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62 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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TomSO
17.06.2024 21:07registriert April 2023
Ich habe eine Vasektomie durchführen lassen. War die beste Entscheidung von meiner Frau und mir und würde es immer wieder tun. Alles wie vorher, nur ohne Spermien.
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Darf man das fragen?
18.06.2024 08:59registriert August 2023
Vasectomie und gut ist es.
Das habe ich niemandem erzählt. Das hat der Dame, die mir ein Kind unterjubeln wollte vor Gericht das Genick gebrochen.
Würde teuer für sie....
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Joe Smith
17.06.2024 21:54registriert November 2017
Warum es die Pille für den Mann noch nicht gibt? Vielleicht ganz einfach, weil es relativ einfach ist, reversibel den Eisprung zu verhindern, aber relativ schwierig, reversibel die Spermienproduktion zu verhindern, und man darum ganz einfach noch nichts gefunden hat? Es steckt nicht hinter allem und jedem eine Verschwörung von bösen Machos.
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