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Mai zerstört Homöopathie – schon wieder, aber diesmal mit Eistee

20.09.2022, 22:0921.09.2022, 13:41

Spätestens seit ihrem Video-Hit, in dem sie uns Corona erklärte, bevor wir wussten, was eine Pandemie ist, kennen sie fast alle: Mai Thi Nguyen-Kim – besser bekannt unter dem Namen ihres YouTube-Kanals «MaiLab».

Und die promovierte Chemikerin kann weit mehr, als Wissenschaft auf den Punkt bringen. Sie kann nämlich auch Eistee machen. Und zwar mit Globuli.

Dieser Globuli-Eistee ist eine Kritik an der Homöopathie und den deutschen Gesetzen, die Mai Thi Nguyen-Kim mit ihrem Erfrischungsgetränk ad absurdum führt.

Aber von vorne:

Die ewige Skeptikerin

Dass Mai Thi Nguyen-Kim nichts von Homöopathie hält, ist den teeschlürfenden «Freunden der Sonne» (so nennt sie ihre YouTube-Abonnenten) längst bekannt: Bereits 2017 prüfte sie die alternative Medizin-Methode wissenschaftlich, damals in der ZDF-Show «Terra». Ihr Resümee:

«Was soll denn da noch wirken?»

Zwei Jahre später regte sie sich bei «MaiLab» über das deutsche Homöopathie-Gesetz auf und schimpfte es «Deutschlands schlechtestes Gesetz». Und vergangenen Sonntag gab sie den homöopathischen Zuckerkügelchen bei ihrer ZDF-Abendshow «Maithink X» den wissenschaftlichen Todesstoss. Und das eben mit Eistee.

Mai Thi Nguyen-Kim.
Mai Thi Nguyen-Kim.Bild: www.imago-images.de

Mais Problem mit der Homöopathie

Homöopathie beruft sich auf das sogenannte «Ähnlichkeitsprinzip» des deutschen Arztes Christian Hahnemann (1755–1843). Das Ähnlichkeitsprinzip vereinfacht erklärt: Bauchschmerzen werden in der homöopathischen Lehre mit einem Wirkstoff bekämpft, der bei einer gesunden Person Bauchschmerzen auslösen würde.

Allerdings wird der Wirkstoff zuerst verarbeitet beziehungsweise «potenziert», wie es in der Homöopathie heisst, bevor er der Person mit Bauchschmerzen verabreicht wird. Dazu wird der Wirkstoff immer wieder verdünnt und in Wasser systematisch geschüttelt. Nach der homöopathischen Lehre «erinnert» sich das Wasser durch das systematische Schütteln an den Wirkstoff. Dadurch wird die Wirkkraft des Wassers bei jedem Schüttelvorgang effizienter – obwohl immer weniger der chemischen Struktur des ursprünglichen Wirkstoffs im Wasser nachweisbar ist.

Dieses verdünnte – aber durch das Schütteln mit Erinnerungen angereicherte – Wasser wird dann auf eine Trägersubstanz aufgetragen. In vielen Fällen sind das Zuckerkügelchen – oder eben Globuli.

Homöopathische Globuli.
Homöopathische Globuli.shutterstock

Homöopathen und ihre Patienten schwören auf dieses Verfahren. Wissenschaftlerinnen hingegen ist es bislang nicht gelungen, die Wirkweise von homöopathischen Arzneimitteln über den Placebo-Effekt hinaus zu erklären. Und trotzdem:

«Die Beliebtheit von Homöopathie hält sich unerschütterlich.»
Mai Thi Nguyen-Kim

So unerschütterlich sogar, dass homöopathische Mittel in Deutschland nur in Apotheken verkauft werden dürfen – denn sie gelten als Arzneimittel. So ist das im deutschen Arzneimittelgesetz geregelt.

Der Todesstoss

Die ewige Homöopathie-Kritikerin Mai Thi Nguyen-Kim hat in ihrer Sonntagabendshow auf ZDF beschlossen, ihrem (wahrscheinlich sowieso schon homöopathiekritischen) Publikum auf humorvolle Art und Weise zu beweisen, dass Homöopathie «eben nicht wirkt». Dazu geht sie zwei Fragen auf den Grund – und will so nebenbei herausfinden, ob es mit dem deutschen Recht vereinbar ist, ein Erfrischungsgetränk mit Zuckerperlen aus der Apotheke zu süssen.

  • Durch das ganze Verdünnen fällt sehr viel Wasser als Nebenprodukt an. Was passiert eigentlich mit diesem hochpotenten, «gedächtniskontaminierten» Abwasser der Homöopathie-Hersteller?

Die Antwort auf die erste Frage ist eindeutig: nichts. Das Wasser, das bei der Herstellung von homöopathischen Arzneimitteln verwendet wird, geht ohne eine behördliche Regelung in den Abfluss. Denn nach gängigen Laborregeln kann man «ab einer gewissen Potenz alles in den Abfluss kippen», wie Mai Thi Nguyen-Kims Team erklärt. Und das, obwohl das Abwasser der Homöopathen nach deren Lehre mit einem Wirkstoff-Gedächtnis angereichert ist. Mai Thi Nguyen-Kim meint dazu ironisch:

«Man kann doch nicht potenziertes Wasser voller Gedächtnis und Wirkung behandeln, als wäre es stinknormales Bodenwasser.»

Doch, genau das wird in Deutschland gemacht. Ob diese Gesetzeslücke alle gefährdet, die richtig fest durchgeschütteltes – und somit mit richtig vielen Erinnerungen potenziertes – Wasser aus dem Wasserhahn trinken, bleibt offen. Nach Homöopathie müsste es – aber hat es bislang offenbar nicht.

Wasser aus dem Wasserhahn, vielleicht homöopathisch hochpotent. Vielleicht auch nicht.
Wasser aus dem Wasserhahn, vielleicht homöopathisch hochpotent. Vielleicht auch nicht.Bild: shutterstock
  • Ist es rechtlich zulässig, einen Eistee mit Globuli zu süssen?

Um diese zweite Frage zu ergründen, formulierte das Team von Mai Thi Nguyen-Kim zwei Szenarien. Nummer eins: Globuli Crocus C30 werden in der Apotheke gekauft. Damit wird der Eistee gesüsst. Szenario zwei: Zuckerkügelchen werden mit Wasser besprüht, das nach der homöopathischen Rezeptur von Crocus C30 hergestellt, aber nicht in einer Apotheke gekauft wurde, und damit wird der Eistee gesüsst.

Nach langem Hin und Her mit unterschiedlichen Behörden kann Mai Thi Nguyen-Kim festhalten: Wenn man die Globuli vorher in der Apotheke gekauft hat, dann gelten sie als Arzneimittel und man darf mit den Globuli kein Lebensmittel süssen. Das Landesamt für Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen schreibt dazu:

«Crocus C30 ist ein homöopathisches Arzneimittel. Eine Verwendung dieses Arzneimittels ist als Zutat in Lebensmitteln nicht zulässig.»

Hat man aber selber Wasser nach homöopathischen Richtlinien verdünnt und dann auf Zuckerkügelchen gespritzt, dann darf man ein Lebensmittel damit durchaus süssen:

«Im 2. beschriebenen Fall (...) werden für die Herstellung des Eistees u.a. Safran und Haushaltszucker verwendet. Sofern der hergestellte Eistee die lebensmittelrechtlichen Anforderungen erfüllt, kann dieser in den Verkehr gebracht werden.»
Eistee, vielleicht mit Globuli gesüsst. Vielleicht auch nicht. Je nachdem wäre das rechtlich zulässig. Oder auch nicht.
Eistee, vielleicht mit Globuli gesüsst. Vielleicht auch nicht. Je nachdem wäre das rechtlich zulässig. Oder auch nicht.Bild: shutterstock

Mai Thi Nguyen-Kim kann sich darauf nur noch die Haare raufen und sagen:

«Ganz ehrlich Leute, das hier ist alles lächerlich. Entweder Homöopathie wirkt und dann sollte man sie, wie jedes andere Arzneimittel auch, nicht random nehmen. Dann dürfen sie aber auch nicht einfach in die Umwelt gelangen und vor allem darf man damit dann keinen Eistee süssen. Oder sie wirkt eben nicht.»

Das Ding mit der Homöopathie ist also verzwickt. Doch rein rechtlich scheint dem mit Globuli gesüssten Eistee auch nichts im Weg zu stehen – sofern man die Globuli vorher nicht in einer Apotheke gekauft hat. Und so produziert Mai Thi Nguyen-Kim fortan den mit Globuli gesüssten Eistee «Homöopatea» und fordert Behörden und Homöopathen auf:

«Wer gegen Homöopatea vorgehen möchte, ist herzlich eingeladen, uns zu beweisen, dass in diesem Eistee Arzneimittel enthalten sind.»

(yam)

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421 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Fruchtzwerg
20.09.2022 22:40registriert Oktober 2017
Ich kann mir sowas leider nicht anschauen, da ich mich zutiefst für jeden fremd schäme, der an Homöopathie glaubt.
Dass dieser Quatsch noch immer von der KK bezahlt wird (Placebo-Effekt hin oder her) ist für mich ein absoluter Skandal.
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tr3
20.09.2022 22:34registriert April 2019
Das mit dem Abwasser habe mir noch nie überlegt. Wie rechtfertigt das ein Homöopath?

Der Hinweis, dass Homöopathie auch in der Schweiz von der Grundversicherung übernommen wird, fehlt mMn noch im Artikel.
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der stoische Zyniker
20.09.2022 22:27registriert Juli 2021
Genial die Dame. Immer wieder lehrreich und humorvoll.
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