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Charlie-Hebdo-Titelblätter

Anschlag auf «Charlie Hebdo»:

Warum Blasphemie dazugehört

Der Anschlag auf «Charlie Hebdo» zeigt, wie gefährlich es ist, sich über Religion lustig zu machen - selbst in Europa. Umso skandalöser, dass Gotteslästerung in Deutschland noch immer unter Strafe steht.

markus becker



Ein Artikel von

Spiegel Online

Die «Charlie Hebdo»-Karikaturisten Cabu, Tignous, Charb und Wolinski haben für ihre satirischen Zeichnungen jahrelang ernst zu nehmende Todesdrohungen erhalten - und trotzdem weitergemacht. Sie haben im Namen der Meinungsfreiheit ihr Leben riskiert. Jetzt wurden sie von religiösen Fanatikern umgebracht, gemeinsam mit acht weiteren Menschen.

Wenn diese Tragödie eines zeigt, dann dieses: Eine freiheitliche Demokratie braucht Blasphemie. Denn Blasphemie stellt Dogmen infrage. Und Dogmen - seien es religiöse oder politische - sind mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch der natürliche Feind des kritischen Denkens.

Solidarität mit «Charlie Hebdo» in aller Welt

Zur Erinnerung: Wenn von westlichen Werten die Rede ist, spielen sich die christlichen Kirchen gern als deren Geburtshelfer auf. Doch das Gegenteil ist der Fall. Jene Werte der Aufklärung, auf die sich auch Deutsche heute gern berufen - Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung - wurden nicht von den Kirchen, sondern meist gegen sie durchgesetzt.

Das zentrale Merkmal der Aufklärung ist, alles hinterfragen zu dürfen. Das Licht der Vernunft soll in jeden Winkel scheinen, um Unterdrückung, Aberglaube, Intoleranz und Vorurteile zu überwinden. Und das stört all jene, die manche Bereiche lieber im Dunkeln lassen wollen. 

Eines der meistbenutzten Instrumente dieser Dogmen-Verteidiger ist das religiöse Gefühl. Wer den Schutz religiöser Gefühle für sich markiert, erhebt seine persönliche Weltanschauung über den kritischen Diskurs, er erklärt Teile seines Glaubenssystems für heilig, ihr Hinterfragen zum Affront. «Das verletzt meine religiösen Gefühle» ist ein Satz, der jede Debatte beenden kann.

Die Karikaturisten von «Charlie Hebdo» liessen sich davon nicht beirren. Sie haben nicht nur den Islam durch den Kakao gezogen («Mohammed: 100 Hiebe, wenn du nicht vor Lachen stirbst!»). Auch Christen («Die wahre Geschichte des kleinen Jesus»), Juden («1000 weitere Wohnungen in den Kolonien bei Jerusalem») und Diktatoren wie Nordkoreas Kim Jong Un («Sony küsst den fetten Hintern von Pjöngjangs großem Trottel und Killer») bekamen ihr Fett weg. Ihren Mut haben die Satiriker nun mit dem Leben bezahlt.

Vor diesem Hintergrund ist es ein Skandal, dass Religionen und andere Weltanschauungen in Deutschland noch immer gesetzlichen Schutz vor allzu harter Kritik genießen. In Paragraf 166 des Strafgesetzbuchs heisst es:

«Wer öffentlich oder durch Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.»

Der Anschlag auf «Charlie Hebdo» verdeutlicht, wie absurd diese Argumentation ist: Ihr zufolge müssten in Deutschland nicht nur die mordenden Fanatiker, sondern auch die Karikaturisten bestraft werden.

Der Staat macht sich mit solchen Gesetzen zum Unterstützer der Feinde des offenen Diskurses. Vertreter jedweder Ideologie, ob politisch oder religiös, müssen es schlicht ertragen können, dass ihre Weltanschauung hinterfragt, kritisiert und, ja, auch lächerlich gemacht wird. 

Manche sehe darin einen Verfall der westlichen Kultur. Doch sie irren. Satire wie die der «Charlie Hebdo»-Macher zeigt, dass die westliche Kultur das Mittelalter überwunden hat. Dass sie in ihren besten Momenten keine Furcht vor jenen kennt, die Kritik an ihrer Weltanschauung unterdrücken wollen.

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