Tick-tack: Oktett im Höhenflug
Im Zentrum steht Hülsmanns kompositorischer Ansatz: Sie verbindet eine ausgeprägte Melodieführung mit freiem, oft dialogischem Spiel zwischen Instrumenten und Stimmen. Das Programm des Abends, das auch im Videomitschnitt dokumentiert wurde, basiert auf Material aus dem aktuellen Projekt „While I Was Away“, das die Pianistin Anfang 2026 veröffentlicht hat.
Die Stücke mischen Originalkompositionen Hülsmanns mit Neuinterpretationen zeitgenössischer Songs sowie musikalischen Beiträgen aus dem persönlichen Repertoire der Ensemblemitglieder. Das neue Oktett rund um die Berliner Pianistin Julia Hülsmann präsentiert mit dem Album nicht nur frische Eigenkompositionen, sondern vor allem Musik, die nichts beweisen muss – „music that gives and has nothing to prove“ – und zeigt, wie viel Freude das gemeinsame Musikmachen bereitet.
Der Abend beginnt mit lateinisch inspirierten, brasilianischen Klängen. Eine Ode an die Freiheit und das Leben, die im Zuschauerraum prompt nostalgische Ferienstimmung aufkommen lässt. Dazu ein französischer Text. Das Oktett spielt schon im ersten Stück mit den Erwartungen des Publikums und überrascht mit einer Verschmelzung verschiedener Kulturen.
Gekreische auf der Bühne
Drei Vokalist*innen prägen den Sound, jede Stimme übernimmt eine ganz eigene Aufgabe. Was zunächst nach einem klassischen Konzept klingt, entwickelt sich rasch zu einem vielschichtigen Dialog. Dann ein virtuoses Gesangssolo des Sängers – voller Riffs. Man hätte nicht gedacht, dass man auf so viele Arten „blblblblbll“ sagen kann. Eine perkussive Lautmalerei, bei der man sich stellenweise fragt, ob nicht doch ein Studiomix zugeschaltet wurde. War er nicht. Alles live gespielt.
Besonders bemerkenswert ist die Integration von Violine und Cello. In der Jazzwelt sind Streicher – mit Ausnahme des Kontrabasses – eher unterrepräsentiert. Und eine Violine sieht man im Jazz ohnehin selten. Hier jedoch übernimmt sie gemeinsam mit dem Cello eine zentrale melodische Rolle. In einem kurzen Duett zwischen Kontrabass und Cello wird plötzlich laut gelacht – ein Moment echter Spielfreude. Man hört in der Musik, wie sehr die Künstler*innen den Moment des gemeinsamen Musizierens geniessen.
Tick-tock – die Uhr tickt
Inhaltlich kreisen die Stücke um Freiheit, Lebenslust und Vergänglichkeit. „Learning how to play is to learn what not to play“ – ein Satz, der sich fest im Kopf verankert. Dass Musik auch als Gesellschaftskritik dienen kann, zeigt das Oktett eindrücklich. Die Zeit vergeht bekanntlich schneller, when you’re having fun. Mit dem Song „There Are So Many Tick-Tock Clocks“, einem Gedicht von E. E. Cummings, bringt das Ensemble den „Fun“ ins Pflegidach. „Tick-tock clock“ wird zur rhythmischen Figur, während das Oktett den Groove mühelos ins Publikum trägt. Die Zeit vergeht bekanntlich schneller, wenn man Spaß hat – und dieser Abend liefert den Beweis.
Emily Dickinson in der Jazzwelt
Dass im Jazz auch Gedichte vertont werden, ist nicht neu. Die Auswahl überrascht jedoch. Ein Text von Emily Dickinson – genau, der Autorin des 19. Jahrhunderts. Mit dem Lied „Sleep“ definiert das Oktett Schlaf und Morgen nicht als biologische oder tageszeitliche Ereignisse, sondern als metaphysische Übergänge. Der Schlaf erscheint als zeremonieller Übergang, die Morgendämmerung als transzendentes Ereignis jenseits der irdischen Zeit. Dies lässt sich auch als Kritik an der menschlichen Erkenntnistheorie verstehen – daran, wie Gesellschaften Naturereignisse kodifizieren und dabei deren spirituelle Substanz verkennen. Die Musik bleibt schwebend, fast geisterhaft haucht die Sängerin die Worte ins Mikrofon.
Dann: Margaret Atwood. Ja, genau die Autorin von „The Handmaid’s Tale“ – im Jazzkontext. Folkloristische, nordisch anmutende Klänge treffen auf Gekrächz und ungezähmtes Geschrei. Man fragt sich kurz, wo man hier eigentlich gelandet ist. Auch James Joyce findet seinen Platz mit „At That Hour“. Das Gedicht entstand während der irischen Literaturrenaissance und teilt mit Zeitgenossen wie Yeats die Faszination für Mystik und symbolische Landschaften. Es unterscheidet sich jedoch dadurch, dass es nationale oder volkstümliche Themen in den Hintergrund rückt und sich stattdessen auf universelle Fragen konzentriert. Das Gedicht nimmt moderne Auseinandersetzungen mit Isolation und Wahrnehmung vorweg: Die Einsamkeit des Beobachters spiegelt ein entfremdetes Bewusstsein wider, das in späteren Werken deutlicher ausgearbeitet wird – hier jedoch noch in sanfteren Bildern erscheint.
Fazit
Und dann kippt die Stimmung mit „Hachet“, dem Schlussstück, in Richtung Rock’n’Roll. Das Thema: emotionale Abhängigkeit. „No amount of pain would ever stop me coming back.“ Selbst scheinbare Zufälle wirken hier bedeutungsvoll: „My Moon My Man“ erinnert harmonisch an „When I Go Low, I Get High“, bekannt durch Ella Fitzgerald. Absicht? Vermutlich nicht. Diese Art von Musik ist auch für ungeübte Ohren erstaunlich zugänglich.
Das Oktett zeigt, dass gegenwärtiger europäischer Jazz nicht nur durch experimentelle Rhythmik und Dissonanzen geprägt ist, sondern stilistisch offen, technisch souverän – und spürbar getragen von der kollektiven Energie, die diesen Musikstil ausmacht. Die Vielfalt wird nicht behauptet, sondern direkt auf der Bühne gelebt. Und ganz nebenbei beweist die Truppe, dass man im Jazz sehr wohl lachen darf – sogar mitten im Duett.
