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Wahl in Ungarn: Orbans Scheitern ist eine Ohrfeige für Putin und Trump

Hungary's Prime Minister Viktor Orban, left, and U.S. Vice President JD Vance shake hands at the end of a pre-election rally in Budapest, Hungary, Tuesday, April 7, 2026. (AP Photo/Denes Erdos)
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Die Wahlhilfe von JD Vance für Viktor Orban half vor allem der Opposition.Bild: keystone
Analyse

Orbans Scheitern ist eine Ohrfeige für Putin und Trump

Nach 16 Jahren muss der ungarische Regierungschef Viktor Orban abtreten. Seine Niederlage ist ein Warnsignal für Moskau und Washington - und Europas Rechtsparteien.
12.04.2026, 23:3812.04.2026, 23:38

Immerhin zeigte er Grösse: Als die Auszählung bei der ungarischen Parlamentswahl noch in vollem Gang war, trat Viktor Orban vor die Anhänger seiner Fidesz-Partei und anerkannte seine Niederlage. Sie sei «schmerzhaft, aber eindeutig», sagte der Langzeit-Regierungschef. Zuvor hatte er bereits Herausforderer Peter Magyar persönlich zum Wahlsieg gratuliert.

Nicht alle Beobachter hatten Orban diese versöhnliche Haltung zugetraut. In seinen 16 Jahren an der Macht, die meisten mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament, hatte er Ungarn in eine «illiberale Demokratie» verwandelt und staatliche Institutionen mit Gefolgsleuten besetzt. Nun scheint sich dieses System gegen ihn gewendet zu haben.

Peter Magyar, the leader of the opposition Tisza party addresses after claiming victory in a parliamentary election in Budapest, Hungary, Sunday, April 12, 2026. (AP Photo/Darko Bandic)
Peter Magyar
Wahlsieger Peter Magyar spricht am späten Sonntagabend zu seinen Anhängern.Bild: keystone

Überraschend kam das klare Ergebnis nicht. In den Umfragen jener Institute, die als vertrauenswürdig gelten, hatte der Vorsprung von Magyars Tisza-Partei nicht ab-, sondern laufend zugenommen. Hinzu kam die rekordhohe Wahlbeteiligung. Sie verdeutlichte, dass die von Beobachtern in Ungarn wahrgenommene Wechselstimmung keine Einbildung war.

Aussenpolitische Heldengestalt

Selbstverständlich war sie nicht: Der charismatische Viktor Orban hat aussenpolitisch über der Gewichtsklasse seines kleinen Landes agiert. Das hatte ihn zu einer Heldengestalt für die «Internationale der Nationalisten» gemacht und ihm auch bei Landsleuten viel Anerkennung eingebracht. Auch deshalb gewann er seit 2010 viermal die Wahlen.

Zuletzt aber hatte Orban alle Trümpfe verspielt. Seine innenpolitische Bilanz war desaströs. Die Korruption war schamlos und reichte bis in Orbans Umfeld. Das luxuriöse Anwesen unweit seines Geburtsorts, das angeblich seinem Vater gehört, empörte viele Ungarinnen und Ungarn, die sich im Alltag mit heruntergekommenen Spitälern und Schulen herumschlagen müssen.

Ungarn vertraut der EU

Mangels Erfolgen im Inland versuchte es der Regierungschef mit Ressentiments gegen Brüssel und vor allem die Ukraine. Doch dieses Mal verfing die Masche nicht mehr. Eine Umfrage des European Council on Foreign Relations (ECFR) zeigte, dass die Ungarn kaum einer Institution stärker vertrauen als der Europäischen Union. Nur 15 Prozent lehnen sie ab.

Campaign posters are displayed on the streets in Budapest, Hungary, on Saturday, March 14, 2026, ahead of the April 12 parliamentary election. (AP Photo/Denes Erdos)
Hungary Election
Im Wahlkampf schürte Orban Kriegsängste, doch die Masche zog nicht mehr.Bild: keystone

Dies spielte Peter Magyar in die Hände. Er prangerte die Missstände an und versprach, das Verhältnis mit der EU zu «reparieren». Also keine Blockaden wie Orbans Veto gegen den 90-Milliarden-Kredit für die Ukraine. Kein Wunder: Er will, dass die EU die 18 Milliarden Euro freigibt, die sie wegen Orbans Attacken auf den Rechtsstaat blockiert hat.

Der ideale Gegenkandidat

Letztlich ging es bei dieser Wahl wohl weniger um die Weltanschauung, sondern wie so oft ums Geld. Und doch war Magyar der ideale Gegenkandidat. Er war lange ein Gefolgsmann von Orban und für frühere Fidesz-Anhänger wählbar. Und anders als frühere Oppositionskandidaten tourte er durchs ganze Land und besuchte selbst Fidesz-Hochburgen.

Vor allem aber wirken Magyar und die Tisza-Partei unverbraucht, was sie für vorab urbane Wählerinnen und Wähler «geniessbar» machte, die wenig mit seinem konservativen Profil anfangen können. Daraus entstand die Konstellation, um Viktor Orban abzuwählen, auch wenn im Budapester Parlament nur noch mehr oder weniger rechte Parteien sitzen werden.

Eine weitere Pleite für Trump

Das Resultat hat aber auch eine globale Ausstrahlung. Es ist eine schallende Ohrfeige vor allem für Wladimir Putin und Donald Trump. Beide hatten unverhohlen auf eine weitere Amtszeit für Orban spekuliert. Dessen schamloses Anbiedern bei Putin aber wurde zur Hypothek. Im Wahlkampf wurde Orban von seinen Gegnern als «Russe» beschimpft.

epa12030541 Leader of the Hungarian opposition Tisza Party Peter Magyar waves a Hungarian flag before the results of the party's public survey entitled 'Voice of the Nation' are announc ...
Peter Magyar absolvierte einen aufwendigen Basis-Wahlkampf. Es zahlte sich aus.Bild: keystone

Fast noch schlimmer ist die Schlappe für den US-Präsidenten. Es war nicht das erste Mal, dass sich sein Einmischen in Wahlen anderer Länder als Rohrkrepierer erwiesen hat. Der Auftritt von Vizepräsident JD Vance in Budapest wenige Tage vor der Wahl war schlicht unverschämt und wohl kontraproduktiv. Er war beste Werbung für Tisza.

Einfach wird es nicht

Und schliesslich ist das Ergebnis eine Ernüchterung für Europas Rechtsaussen. Alice Weidel, Matteo Salvini, Geert Wilders und Marine Le Pen hatten sich im Wahlkampf für Gesinnungsfreund Orban eingesetzt, teilweise mit persönlichen Auftritten. Nun müssen sie feststellen: Wenn die Wählerschaft wütend ist, hilft eine illiberale Demokratie nicht gegen eine Niederlage.

Sie ist mehr als eindeutig. Mit der Zweidrittelmehrheit, die er offensichtlich gewonnen hat, kann Magyar die demokratischen Institutionen wiederherstellen, die Orban zu einer Fassade degradiert hat. Eine einfache Übung wird das nicht. Bis zur Übergabe der Macht hat Viktor Orban noch einige Möglichkeiten, seinem Nachfolger das Leben schwer zu machen.

Man muss hoffen, dass sein versöhnlicher Auftritt nicht nur Show war. Ungarn sei in der Vergangenheit zu oft auf der falschen Seite der Geschichte gestanden, monieren Kenner des zentraleuropäischen Landes. Seine Wählerschaft hat am Sonntag bewiesen, dass es auch anders geht.

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Peter Magyar gewinnt Wahlen in Ungarn
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Peter Magyar gewinnt Wahlen in Ungarn

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban hat seine Niederlage bei der Parlamentswahl in Ungarn am Sonntagabend eingestanden.

quelle: keystone / petr david josek
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Stimmen aus den Wahllokalen in Ungarn
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39 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Nyhavn
12.04.2026 23:53registriert Mai 2021
Das ist nicht nur eine klare Absage an Putin und Trump, sondern auch eine Zusage zu Europa.
Welcome back.
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Liebu
12.04.2026 23:48registriert Oktober 2020
Gut gemacht Ungarn.
Ein klares Zeichen, dass selbst Autokraten nicht immer am Volk vorbeikommen.
Orban hat zumindest mehr Rückgrat als Trump gezeigt, aber bei diesem Resultat konnte er auch gar nicht mehr anders.
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Pebbles F.
12.04.2026 23:42registriert Mai 2021
Sehr schön. Wenn jetzt sofort sowohl Putin als auch Trumpin der Versenkung verschwinden um bald darauf abgewählt zu werden,kann mit dem Wiederaufbau der Demokratie begonnen werden.
Freie Wege für die Demokratie 🌺💕🌺👏
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