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Auch angezogen erlauben die Fesselspiele im Militärgefängnis intime, ja zärtliche Momente. Bild: Jan Soldat

Experten-Interview

Im Winter ist es im Gefängnis einfach zu kalt für Sado-Maso-Sex

Jan Soldat ist 30, stammt aus Chemnitz und filmt am liebsten deutsche Männer mit gewissen sexuellen Vorlieben. Weshalb ihn das Zürcher Kunstpornofestival Porny Days logischerweise eingeladen hat.



Vor einem Jahr fanden die Porny Days zum ersten Mal statt. Im Sexkino Roland an der Langstrasse. Zur Überraschung der Veranstalter verlustierten sich dort 10'000, und die allnächtlichen Partys im Kinski visàvis sind ebenfalls eine schlüpfrige Legende. 2014 hat sich das Festival derart etabliert, dass es nun vom 5. bis 7. Dezember im Kino Riffraff stattfindet. Partys, Performances und andere Preziosen gibts natürlich auch jetzt.

Mit dabei: der deutsche Filmemacher Jan Soldat. Er hat bereits gegen 20 Kurzfilme gedreht, die meisten davon sind Dokumentarfilme. Die Porny Days zeigen seinen 27-minütigen Kurzfilm «Hotel Straussberg» am Samstag, kurz vor Mitternacht, und in Anwesenheit des Regisseurs.

Ist Jan Soldat Ihr Künstlername oder eine Fügung des Familienschicksals?
Das ist mein richtiger Name.

Ihr Film «Hotel Straussberg» zeigt deutsche Soldaten bei Sado-Maso-Spielen im Gefängnis. Sie ziehen sich Gasmasken an, fesseln einander, arbeiten mit Stromstössen und holen sich regelmässig einen runter. Ist das einfach so der Alltag der deutschen Bundeswehr oder handelt es sich dabei um eine Fetischszene?
Das ist natürlich eine Fetischszene. Einer von denen hat das Gefängnis gebaut, und jetzt leben dort verschiedene Gruppen von Männern ihren Uniform-Fetisch und unterschiedlichste SM-Praktiken aus. Jedenfalls im Sommer, im Winter machen sie nichts, da ist es zu kalt. Oder sie gehen zusammen in den Wald und spielen Bundeswehr-Übungen nach. Einige wollen sich richtig auspeitschen lassen, andere sitzen einfach nur da. Die sexuelle Komponente, so ein Geilgehaltenwerden, findet dann eher innerlich statt.

Ist das eigentlich eine kleine Szene? Diese Militär-SM-Spiele im Gefängnis?
Total klein. Es gibt in Deutschland nur noch einen anderen Ort. Und wenn man da drauf Bock hat, kommt man automatisch hin.

Wieso hatten Sie Bock darauf?
Ich hab davor einen Film über einen Sklaven gemacht, «Der Unfertige», mit dem war ich in einem Lager. Also das war so ein Sklavenlager, wo schwule Männer sich erziehen lassen oder eine Zeit lang als Sklave leben, was auch immer das für jeden selbst bedeutet. Da hab ich zum ersten Mal gecheckt, dass es diese Rollenspiele gibt! «Der Unfertige» dauert etwa 50 Minuten, davon ist man am Ende 5 Minuten in diesem Lager. Und danach wollte ich einen Film drehen, der komplett innerhalb eines Rollenspiels stattfindet.

Und was sind das für Männer? Gestresste Geschäftsmänner, die nach Entspannung suchen?
Ich kann das jetzt nicht pauschalisieren, ich kann nur erzählen, was ich gesehen hab, aber zwangsläufig finden sich da Männer wieder, die das als Kontrast zum Alltag, wo das nicht möglich ist, machen. SM funktioniert ja auch so, dass man wieder zu sich und zu seinem Körper kommt. Natürlich hat das dann auch was mit Entspannung zu tun. Andere haben einfach ihren Spass, und geniessen ihren Raum, wo sie ihre Rollen ausleben können.

Sie haben ein gespaltenes Verhältnis zum Internet: Einerseits finden Sie Ihre Protagonisten auf Internet-Foren, andererseits wollen Sie nicht, dass Ihre Filme im Internet öffentlich zugänglich sind. Die Filme laufen aber europaweit an Festivals, was ist da der Unterschied?
Ich seh den Kinoraum als viel geschützter, das kann keiner mitnehmen, und abgefilmt hat's auch noch keiner. Ich frag meine Protagonisten ja auch immer vorher, wo sie Grenzen ziehen wollen, ob ihr Name vorkommen darf, wovor sie Angst haben, wo der Film gezeigt werden soll. Wenn ein Film von mir zum Beispiel im Kurzfilmprogramm eines Festivals läuft, das sich nicht in der Heimatstadt der Protagonisten befindet, können die Gefilmten erfahrungsgemäss damit rechnen, dass ihre Familien nicht ins Kino kommen. Die Szene kennt sich ja sowieso. Aber ausschliessen kann man dort natürlich auch nie, dass es niemand «Falsches» sieht. «Hotel Straussberg» zeig ich zum Beispiel nicht in Deutschland und nicht in Dänemark, weil das zwei der Protagonisten nicht wollen.

Nach der Küchenarbeit folgt das SM-Vergnügen. Die eindeutigeren Bilder dürfen wir hier mit Rücksicht auf die Protagonisten nicht zeigen. Auch der Ort muss geheim bleiben. Bild: Jan Soldat

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Tendenziell sehr gemütlich: Waldübung der Fetisch-Szene. Bild: Jan Soldat

Man spürt beim Zuschauen, dass da ein grosses Vertrauen herrscht.
Es ist meine Aufgabe als Dokumentarfilmer, die richtige Nähe und Distanz zu finden, nicht zu nahe dran zu sein, eine Position zu finden, wo sie sich wohl fühlen. Aber das Vertrauen ist situativ, ich drehe meine Filme an wenigen Tagen, ich bin keiner von denen, die ein halbes Jahr mit ihren Protagonisten leben, um kalkuliert Vertrauen zu erzeugen. Ich versuche immer, mit der Kamera die Beziehung zu zeigen, die gerade vorherrscht.

Haben Sie diese schwule Fetischszene bewusst gesucht, oder hat sie Sie auch ein bisschen gefunden?
Das erste Mal, als ich thematisch was Schwules gefilmt hab, hat der Betreffende tatsächlich mich kontaktiert, ich hatte da auf einem Forum mit Homos, Heteros und allem geschrieben, dass ich gerne mal jemanden filmen möchte, und er antwortete: Film mich mal. Später bin ich immer wieder zu schwulen Männern zurück, weil da so eine Offenheit herrscht, die ich für meine Filme im Heterobereich nicht gefunden habe. Das Sich-Zeigen und Sich-Öffnen schien dort weitaus mehr verankert zu sein, bei Heteros war das scheinbar viel tabuisierter, die haben doch alle Angst, ihren Job zu verlieren.

Möchten Sie mal eine weibliche Fetischszene begleiten?
Ich hab mich das neulich gefragt, ob ich das machen würde. Ich finde die sexuellen Machtstrukturen unter Männern einfach offener und abstrakter, bei SM zwischen Mann und Frau sind für mich einfach zu viele Klischees mit im Spiel, entweder bedient man die oder man schaut, wo sich das bricht, aber da steckt immer schon so ein Diskurs mit drin, der mich nicht nicht interessiert hat oder zu gross war.

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Und das kommt dabei heraus. Bild: Jan Soldat

«Hotel Straussberg» an den Porny Days

Jan Soldat hat bereits gegen 20 Kurzfilme gedreht, die meisten davon sind Dokumentarfilme. Die Zürcher Porny Days zeigen «Hotel Straussberg» am Samstag, um 23.30 Uhr, im Riffraff 1 in Anwesenheit des Regisseurs.

Was sind denn eigentlich Ihre ästhetischen Kriterien?
Das ist schwer, weil’s manchmal klappt und manchmal nicht. Also, dass Form und Inhalt sich nicht gegenseitig im Weg stehen. Da muss ich ja selbst immer wieder schauen, dass ich nicht zu fest in dem werde, was ich mag oder beim Film davor funktioniert hat. Weil das nicht zwangsläufig «das Richtige» für ein folgendes Thema oder andere Menschen ist.

Hat es bei «Hotel Straussberg» geklappt?
Ohne mich jetzt selber loben zu wollen – die Kamera ist sehr respektvoll geworden, finde ich. Ich geh nicht zu nahe dran, ich lass denen ihren Raum, ich geh auch nicht hin und frag: Und? Wissen das eure Eltern? Ich will wirklich einfach zeigen, was da passiert. Ich such eine Ausgeglichenheit, ich will alles weglassen, was nicht nötig ist. Ja, von daher funktioniert er aus meiner Sicht als lockere Beobachtung von Bewegungen und Abläufen innerhalb der gesetzten Drei-Tages-Grenze.

Ihre Filme laufen an der Berlinale, in Rom, an vielen Kurzfilmfestivals und manchmal, wie jetzt in Zürich, auch an einem Kunstpornofestival. Fühlen Sie sich im Pornozusammenhang wohl?
Das ist total in Ordnung. Obwohl ich in meinen Filmen die pornografische Komponente nicht sehe. Auch wenn da einer einen Steifen hat und einen runtergeholt kriegt, ist das ja eine dokumentarische Beobachtung, und hat nicht das Ziel, den Zuschauer geil zu machen. Manchmal sehen Veranstalter meine Filme auch als Skurrilitäten und wollen sie in eine Trash-­Nacht packen oder in so Midnight-­Schock-Dinger, dann zeig ich sie nicht, denn darum geht’s mir nicht und das würde auch nicht dem Anliegen meiner Portagonisten gerecht werden.

Werden Sie Dokfilmer bleiben oder auch mal wieder einen Spielfilm machen?
Keine Ahnung. Ich bin grad pleite. Wenn jemand kommt und sagt, mach Werbung, und es ist vertretbar, dann mach ich das. Aber ich habe im Moment alles abgedreht, was mich dieses Jahr beschäftigt hat. Ich stehe sozusagen an einer Leerstelle. Aber mein Gefühl ist, dass mich Dokfilme mehr interessieren, weil ich einfach total Spass daran habe, Menschen zu begegnen und mit denen aus deren Realität heraus etwas zu erarbeiten.

Horny for Porn? Diese Bilder machen Sie gluschtig auf die Porny Days (5.-7. Dezember)

Das ganze Programm finden Sie hier. Und wir liefern noch ein paar stimmungsvolle Bilder dazu.

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