Schweiz
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Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband SGV, spricht waehrend einer Medienkonferenz, am Mittwoch, 8. Januar 2014 in Bern. Der Schweizerische Gewerbeverband praesentierte in einer Analyse die Chancen und den Korrekturbedarf bei der Energiestrategie.(KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Hans-Ulrich Bigler, Direktor Gewerbeverband: «Der 1000er-Club ist ein Marketing-Instrument mit dem Ziel, KMU-feindliche Anliegen zu bekämpfen.» Bild: KEYSTONE

Schon wieder: Gewerbeverband schummelt im Billag-Abstimmungskampf

Die Gegner der Revision des Radio und Fernsehgesetzes zählen auf Sympathisanten, die gar keine sind: Im Nein-Komitee gibt es «Mitglieder», welche die RTVG-Vorlage eigentlich befürworten.

Antonio Fumagalli



Ein Artikel der

Der Abstimmungskampf für die Revision des Radio- und Fernsehgesetzes (RTVG) ist in vollem Gang. Nicht immer wird dabei mit offenen Karten gespielt: Auf der Homepage der Gegner findet sich ein Komitee, bestehend aus über 700 Personen. Doch längst nicht alle dieser «Mitglieder» sind gegen die Vorlage, mehrere setzen sich gar offen für ein Ja an der Urne ein.

Hintergrund: Der federführende Gewerbeverband (SGV) gründete den sogenannten 1000er-Club vor Jahren, um «KMU-feindliche Anliegen zu bekämpfen», so Direktor Hans-Ulrich Bigler. Anlass war die 1:12-Initiative der Juso. Dieses Komitee wird nun aber auch für andere Positionsbezüge – wie nun etwa die bevorstehende RTVG-Abstimmung – des SGV eingesetzt.

Nur wer sich im Nachhinein aktiv darum bemüht, wird von der Liste gestrichen. Einer, der fälschlicherweise als RTVG-Gegner daherkommt, ist der Zürcher CVP-Kantonsrat Lorenz Schmid: «Ich finde es unglaublich und mutwillig unehrlich, dass der SGV in meinem Namen spricht, ohne mich zu fragen», sagt der Apotheker. Er ortet eine «zunehmende Radikalisierung» des SGV, der in vielen Punkten nicht mehr mit der Haltung des Gewerbes übereinstimme. 

SRG-Freunde jubeln 

Der Gewerbeverband beteuert, man habe die Mitglieder schriftlich darauf hingewiesen, dass man sich melden solle, wenn man nicht aufgeführt werden wolle. Daran können sich mehrere 1000er-Club-Mitglieder aber nicht erinnern. Für die RTVG-Befürworter sind die Ungereimtheiten ein gefundenes Fressen. «Das ist der Beweis für die populistische Kampagne des Gewerbeverbandes. Von Professionalität keine Spur», sagt CVP-Nationalrat Martin Candinas. 

Blick in eine Redaktion im Medienhaus der Somedia, aufgenommen am Freitag, 24. April 2015, in Chur. Die Somedia eroeffnete am Freitag offiziell das neue Medienhaus. Darin untergebracht sind mehrere Tageszeitungen, Wochenzeitungen, sowie Radio Suedostschweiz und Tele Suedostschweiz der ehemaligen Suedostschweiz Medien (heute Somedia). Im fuer 30 Millionen Franken erstellten Gebauede arbeiten ueber 300 Personen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Auch Kadermitglied der Südostschweiz Medien (Somedia) erhielt Werbung vom Nein-Komiteee. Bild: KEYSTONE

Susanne Lebrument, Kadermitglied des Medienunternehmens Somedia und Tochter von Verleger Hanspeter Lebrument, staunte nicht schlecht, als sie am vergangenen 24. April mehrere an sie adressierte Pakete erhielt. Absender: der Schweizerische Gewerbeverband. Darin befanden sich stapelweise Plakate, Flyer und Informationsbroschüren – allesamt Propagandamaterialien des Nein-Komitees der bevorstehenden RTVG-Abstimmung. 

«Warum man mir diese Unterlagen zugeschickt hat, ist mir absolut schleierhaft.»

Susanne Lebrument

Nur: Susanne Lebrument wird am 14. Juni ein Ja in die Urne legen. «Warum man mir diese Unterlagen zugeschickt hat, ist mir absolut schleierhaft», sagt sie. Doch damit nicht genug: Lebrument war zudem auf der Website der RTVG-Gegner wochenlang als angebliches Mitglied des Nein-Komitees aufgeführt, wie die «Schweiz am Sonntag» berichtete. «Dabei habe ich mich nie verpflichtet. Ich schaue jeweils genau, bei welchen Komitees ich mitmache und bei welchen nicht», so die Verkaufsleiterin.

Nun zeigen Recherchen: Lebrument ist vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. Auf der Liste mit dem Namen «Allgemeine Liste/1000er-Club» sind derzeit 716 Namen aufgeführt, von A wie Achermann bis Z wie Zürcher. Die «Nordwestschweiz» hat mit fünf «Mitgliedern» gesprochen, die sich für die Revision des RTV-Gesetzes aussprechen und ausdrücklich nichts mit dem Nein-Komitee zu tun haben wollen. Die Dunkelziffer dürfte allerdings noch um einiges höher liegen. 

«Ein gewisses Grundbekenntnis» 

Wie ist das möglich? Hans-Ulrich Bigler, Direktor des im Referendumskampf federführenden Gewerbeverbands (SGV), verweist darauf, dass der 1000er-Club schon vor Jahren, anlässlich der 1:12-Initiative der Juso, gegründet worden sei. Er sei ein eigentliches Marketing-Instrument mit dem Ziel, «KMU-feindliche Anliegen zu bekämpfen», so Bigler. Finanzielle Verpflichtungen habe man als Mitglied nicht, aber man gebe gegenüber dem Gewerbeverband damit «ein gewisses Grundbekenntnis ab», sagt er.

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Dieses Grundbekenntnis interpretiert der SGV offenbar so, dass die Komitee-Mitglieder – sofern sie sich nicht aktiv dagegen bemühen – automatisch die politischen Positionsbezüge des SGV mittragen. Im Vorfeld der RTVG-Abstimmung habe man die auf der Liste aufgeführten Personen per Mail angeschrieben, sagt Bigler. Verbunden mit der Bitte, sie sollten sich melden, wenn sie nicht aufgeführt sein wollten. Die von der «Nordwestschweiz» kontaktierten Personen können sich allerdings allesamt nicht daran erinnern, je so eine Zuschrift erhalten zu haben. Und der Gewerbeverband kann das entsprechende Mail auf Nachfrage nicht vorlegen.

Bei den fälschlicherweise als RTVG-Gegner aufgeführten Unternehmern sorgt das Vorgehen des SGV für gehörigen Unmut: «Ohne dass man ausdrücklich dafür angefragt worden wäre, werden unsere Namen für eine Kampagne missbraucht», sagt Markus Zemp, Präsident des Schweizer Brauerei-Verbandes und der Aargauer CVP. Als Mitglied der Gewerbekammer, einer Art Parlament des Gewerbeverbandes, werde er das Thema bei der nächsten Gelegenheit «dezidiert ansprechen», so Zemp.

«Sprachrohr der politischen Parteien»

Auch Lorenz Schmid, Zürcher CVP-Kantonsrat und Inhaber einer Apotheke, fiel aus allen Wolken, als er von der «völlig ungerechtfertigten» Auflistung seines Namens erfuhr. Er ortet in der Ausrichtung des SGV eine «zunehmende Radikalisierung», die in vielen Punkten mit der Haltung des Gewerbes nicht mehr übereinstimme. «Der SGV soll sich wieder auf die Kerninteressen des Gewerbes fokussieren und nicht, wie in den letzten Jahren vermehrt, Sprachrohr der politischen Parteien sein», sagt Schmid. Er vermutet, dass es SGV-Direktor Bigler mit der Kampagne letztlich vor allem um eines gehe: um öffentliche Aufmerksamkeit mit Blick auf seine eigene Nationalratskandidatur. 

«Der SGV soll sich wieder auf die Kerninteressen des Gewerbes fokussieren und nicht, wie in den letzten Jahren vermehrt, Sprachrohr der politischen Parteien sein.»

SGV-Direktor Bigler

Pikant: Die «NZZ am Sonntag» vermeldete bereits Mitte März, dass die RTVG-Gegner auf ihrer Komitee-Liste Personen aufführen, die in Tat und Wahrheit für das neue Gesetz antreten. In jenen Fällen handelte es sich gar um Nationalräte. Der Gewerbeverband sprach damals von einer Panne und versprach, «den Fehler umgehend zu korrigieren». Wie Figura zeigt, wurde die Liste in der Folge aber ganz offensichtlich nicht systematisch durchforstet. Für Martin Candinas, CVP-Nationalrat und Wortführer des Ja-Komitees, lässt dies nur einen Schluss zu: «Endlich zeigt der Gewerbeverband sein wahres Gesicht.» 

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    Alle Leser-Kommentare
  • Thomas Binder 08.05.2015 13:55
    Highlight Highlight Für das bald einzige Medium, welches Anstand, Respekt und Toleranz auch gegenüber Minderheiten vertritt, den Auftrag des "Service public" für den menschlichen und sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft, inkl. der französisch und italienisch sprechenden Landesteile, verantwortungsvoll wahrnimmt und dies mit zahlreichen Sendungen auf hohem Qualitätsniveau tut, bezahlte ich gerne Gebühren, ob via Steuern oder Billag ist vergleichsweise irrelevant.
    Die Alternative sind ausnahmslos private Formate wie "Hilfe, ich bin ein schwerer Narzisst, holt mich hier raus und wählt mich in den Nationalrat!"
  • Lowend 08.05.2015 12:00
    Highlight Highlight Die ganze Billag-Diskussion ist völlig widersinnig, denn Bigler und seine PR-Agenten hat es geschafft, dass nicht über die eigentliche Vorlage, sondern über SRF und Service Public und die Abschaffung der Bilag diskutiert wird. Man müsste vermutlich langsam ein neues Gesetz einführen, dass Irreführung der Wähler unter Strafe stellt, denn diese professinelle Desinformation vor Abstimmungen nimmt langsam beängstigende Formen an und ist Gift für die direkte Demokratie!
    • Thomas Binder 08.05.2015 13:57
      Highlight Highlight Genau! PR-Rickli und PR-Bigler gehören zu den Totengräbern unserer freiheitlichen Demokratie.

      Wir debattieren endlos lange darüber, ob die Diskussion über den "Service public" besser vor oder nach der Revision des RTVG geführt werden soll, ob, bei wem, wie und ob allenfalls einkommensabhängig die Empfangsgebühren eingetrieben werden sollen, etc. pp. Gleichzeitig nehmen wir mit bestenfalls einem Schulterzucken zur Kenntnis, dass (milliarden)mächtige rein eigeninteressierte Kreise alles daran setzen, die SRG gegen die Wand zu fahren: "Panem et circenses", "divide et impera!"

      RTVG JA!
  • mastermind 08.05.2015 11:42
    Highlight Highlight Ich werde ein klares "Nein" einwerfen, Grund: Dass der Bundesrat nach Annahme dieser Vorlage diese Steuer dann im Alleingang einfach erhöhen könnte, finde ich sehr gefährlich. Dass ich 62 Franken im Jahr spare, ist mir egal; wer weiss, wann unsere sieben Pappnasen diese Billag-Steuer dann wieder erhöhen werden?... sicherlich in Bälde
  • karl_e 08.05.2015 11:33
    Highlight Highlight Ich weigere mich zu glauben, dass bekennende Christen wie Herr Bigler schummeln ;-)

  • amore 08.05.2015 10:15
    Highlight Highlight Wenn so unfair und ideologisch "gespielt" wird, heisst es ganz einfach: gegenteilig abstimmen. Also ein JA für diese Vorlage.
    • zappeli 08.05.2015 11:25
      Highlight Highlight Das gleiche könnte man bei der Erbschaftssteuer sagen. Auch da verbreitet der Gewerbeverband Unwahrheiten. Wenn es um Geld geht, ist scheinbar jedes Mittel genehm. Und immer wieder werden die "armen KMU" vorgeschoben. Am besten man informiert sich direkt, statt nur Propaganda zu konsumieren. Also Initiativtext lesen etc. Und eben: Gegen die Lügenpropaganda stimmen.

Zug-Chaos am Gotthard: SBB geben «ungenügende Planung» zu

Trotz Herbstferienstart keine Zusatzzüge: Passagiere mussten am vergangenen Wochenende aus übervollen Zügen Richtung Süden aussteigen. Die SBB sprechen von einer «ungenügenden Planung». Der Gotthard-Zoff in 3 Punkten erklärt.

Vergangenes Wochenende waren auf der Gotthard-Route mehrere Züge richtig voll. Dermassen voll, dass Passagiere aussteigen mussten, damit die Kompositionen überhaupt durch den Gotthard-Basistunnel (GBT) fahren durften. Dies ist an Spitzentagen seit der Eröffnung im Dezember 2016 mehrmals vorgekommen.

Die überfüllten Züge bringen nicht nur Passagiere, sondern auch die SBB-Mitarbeiter an ihre Grenzen:

Das schreibt die Gewerkschaft SEV am Donnerstag in einer geharnischten Mitteilung.

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