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Andre Blattmann Chef Armee auessert sich waehrend der Medienkonferenz vom VBS zur

«Man muss aufpassen, dass der Zivildienst nicht zu attraktiv wird», findet Armeechef André Blattmann.
Bild: KEYSTONE

Herr Blattmann, Zivis sind keine «Schöggeler» – sondern leisten harte und wertvolle Arbeit

Armeechef André Blattmann stellt den Zivildienst als «Schoggi-Job» dar. Damit tut er Tausenden von Zivis unrecht, die einen unabdingbaren Dienst an der Gesellschaft leisten.



Ein Schweizer, der sich für den Zivildienst entscheidet, ist 390 Tage für sein Land im Einsatz. Das sind 26 Wochen mehr als ein normaler Soldat leistet. Er nimmt das willentlich in Kauf, um im sozialen Bereich einen Dienst an der Gesellschaft zu leisten.

Für Armeechef André Blattmann ist das nicht genug. «Man muss aufpassen, dass der Zivildienst nicht zu attraktiv wird», sagt er im Interview. Ein Zivi arbeite im Schulbereich von Montagmorgen bis Freitagnachmittag, ein Soldat von Sonntagabend bis Samstagmorgen. «Am einen Ort habe ich jeden Abend Ausgang, am anderen nur ein-, zweimal pro Woche», sagt er. 

Ist der Zivildienst zu attraktiv?

Blattmann stellt sich einen solchen Einsatz offensichtlich als eine gemütliche Angelegenheit vor, als «Schoggi-Job». Damit tut er tausenden von Zivildienstleistenden unrecht. Viele arbeiten in der Pflege oder in der Betreuung, wo Wochenendeinsätze zur Normalität gehören.

Wie ich bei meinen Einsätzen in einem Behindertenheim und einem Altersheim festgestellt habe, beginnt die Arbeit oft zwischen sieben und acht Uhr morgens; rechnet man den Arbeitsweg mit ein, muss man richtig früh aus den Federn. Allnächtliche Parties liegen da nicht drin – auch wenn man «jeden Abend Ausgang» hat.

Auch abgesehen von den Arbeitszeiten sind solche Einsätze in der Regel keine leichte Kost. Klar, im Militär lernt man Befehle zu befolgen, das Bett zu machen und den Raum mit einem Dutzend Typen zu teilen, die man nicht kennt.

«Das Bild, dass ein junger Mann nur im Militär richtig erwachsen werden kann, ist ebenso alt wie falsch.»

Zivildienstler hingegen arbeiten mit Drogensüchtigen, Asylbewerbern in Ausschaffungsgefängnissen und Auffangzentren und pflegebedürftigen Senioren. Das fordert ihnen Einiges ab und bringt sie nicht selten an ihre emotionalen Grenzen. Das Bild, dass ein junger Mann nur im Militär richtig erwachsen werden kann, ist ebenso alt wie falsch.

An alternative civilian service personnel plays with children of the special education center in Koeniz in the canton of Berne, Switzerland, on the occasion of a fotoshooting of the new, optional uniforms for alternative civilian service personnel, pictured on February 11, 2009. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Ein Zivildienstleistender spielt mit Kindern des heilpaedagogischen Zentrums in Koeniz im Kanton Bern anlaesslich der Fotoaufnahmen der neuen Uniform, welche Zivildienstleistende freiwillig tragen koennen, aufgenommen am 11. Februar 2009. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Ein Zivi im heilpädagogischen Zentrum in Köniz.
Bild: KEYSTONE

Hinzu kommt, dass Zivildienstler in vielen Institutionen unabdingbar geworden sind. Das Budget in Heimen ist knapp, die Betreuer können sich bei den Bewohnern oft gerade mal um das Nötigste kümmern. Junge Männer, die Zeit für etwas mehr Menschlichkeit – ein Brettspiel, einen Einkauf oder einen Spaziergang – haben, sind Gold wert. Auch dass Zivis neuerdings an Schulen eingesetzt werden dürfen, ist keine Beschäftigungstherapie, sondern eine gute Strategie im Kampf gegen den Lehrermangel.

Dass André Blattmann um den Bestand der Armee besorgt ist, ist verständlich, denn es wandern tatsächlich immer mehr Soldaten in den Zivildienst ab. Hier die Hürden zu erhöhen, wäre aber die falsche Lösung – und würde wohl viele dazu bringen, wieder über den «blauen Weg», die Ausmusterung, aus der Armee zu kommen.

Obwohl das der Armeechef nicht gern hören wird: Viele Soldaten machen in ihrer Dienstzeit nicht viel Sinnvolles, wie eine Umfrage unter Militärdienstleistenden auf der Redaktion bestätigt. Herr Blattmanns Angriff ist unfair und ungerechtfertigt. Denn die Zivis leisten Tag für Tag wertvolle Arbeit für das Land und die Bevölkerung – das dürfte niemand bezweifeln.

Auch spannend: Bildete die Schweizer Armee in Andermatt russische Geheimagenten aus?

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