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Wegen öffentlicher Schlachtung: Ehemaliger Pfarrer geisselt sich in Sissach selbst

Der einstige Pfarrer Lukas Baumann machte seine Ankündigung wahr: Er peitschte sich selbst aus, mitten in Sissach. Es war ein Schauspiel der seltsamen Sorte.

Benjamin Wieland / bz Basellandschaftliche Zeitung



Der hagere, hochgeschossene Mann zieht sein Hemd aus. Er steht mitten in der Sissacher Begegnungszone, vor dem Bistro Cheesmeyer, und betet, zuerst auf Lateinisch, dann auf Deutsch: «Ich bekenne, dass in diesem Dorf Unrecht geschehen ist durch die Zurschaustellung von zwei Schweinen, welche dem Tod zugeführt und geschlachtet worden sind. Allmächtiger Gott, lass uns für die Schuld des Dorfes sühnen!» Dann setzt er die Peitsche an. Die neunschwänzige Katze fährt die ersten drei Male auf seinen Rücken nieder: Pfitz-pfätz-pfitz!

Zwischenrufe aus dem Publikum. «Hau fester! Das ist doch nichts, das tut nicht weh!», schreit ein junger Mann mit Pferdeschwanz. Ein älterer Zuschauer brüllt: «Damit verscheuchst Du ja nicht einmal die Fliegen.» Ein dritter Passant sagt, der Typ da vorne sei ja spindeldürr: «Hättest Du doch auch mal ein Säuli gegessen!» Gegröle.

Genau darum ist der Mann hier: Wegen des Säuli-Essens im Speziellen – wegen des Fleischessens im Allgemeinen. Es ist Lukas Baumann, überzeugter Vegetarier, ehemaliger Pfarrer von Rothenfluh. Und Selbstdarsteller, würden Kritiker anfügen. Nach Sissach gekommen ist Baumann als Schauspieler, wie er betont. Er will mit einer Selbstgeisselung gegen die öffentliche Schlachtung von zwei Säuen protestieren.

Die Selbstgeisselung in Sissach:

Der ehemalige Pfarrer Lukas Baumann geisselt sich öffentlich in Sissach. Er will damit die öffentliche Schlachtung zweier Schweine sühnen, die Säuli-Metzgete hatte zwei Tage zuvor statt gefunden, ebenfalls in Sissach. Baumann ging während rund einer halben Stunden durch die Sissacher Begegnungszone, sang dabei auf lateinisch, betete und geisselte sich an drei Stationen.  Video: © Basellandschaftliche Zeitung

Polizei schaut zu

Die «entwürdigende Veranstaltung», wie er den Anlass nennt, hat zwei Tage zuvor stattgefunden, am vergangenen Samstag. Auch in Sissach, auch in der Fussgängerzone, auch vor grossem Publikum. Baumann kündigte sein Bussritual am Dienstag vor der Säuli-Metzgete an. Er begründete es damit, dass er Unrecht ausgleichen wolle – aber nicht im stillen Kämmerlein. Draussen, bei den Leuten. Sein Argument: Wenn die öffentlich Tiere töten dürfen, dann darf ich öffentlich Busse tun. Nur blutig schlagen, das stellte er sofort klar, werde er sich nicht.

Noch immer steht Baumann vor dem «Cheesmeyer». 18-mal ist die Peitsche auf seinen Rücken niedergefahren, in 6 Serien à 3 Schlägen. Dazwischen der Busstext mit insgesamt neun Versen. In einem kommt Rolf Häring, der Metzger vor, der die Schlachtung organisiert hat: «Ich bekenne, dass die Herren Rolf Häring, Heinrich Oberer und Hans Peter Eschbach Schuld auf sich geladen haben, weil sie die Idee hatten, diese Schlachtung coram publico durchzuführen», sagt Baumann. «Allmächtiger Gott, lass uns für die Schuld der drei Männer sühnen.» Pfitz-pfätz-pfitz!

Baumann zieht sein Oberteil wieder an. Der Verkehr stockt. Ein Polizeiauto kommt nicht mehr weiter. Die Beamten werfen einen Blick auf den Menschenauflauf, können dann aber weiterfahren. Die Veranstaltung könne man nicht verbieten, liess der Sissacher Gemeinderat schon vergangene Woche verlauten: Wenn sich jemand selber schlagen wolle, dann dürfe er das.

Jetzt hat Baumann das Bussritual das dritte und letzte mal durchgeführt. Es folgt die letzte Station auf seiner rund 40-minütigen Tour: Der Innenhof, in dem die Schweine zwei Tage zuvor ihre Leben lassen mussten. Baumann zündet eine Grabkerze an, geht in sich, minutenlang

Mit dieser archaischen Aktion will der Ex-Pfarrer die «Absurdität» der Metzgete auf offener Strasse in Sissach kritisieren. Video: © TeleM1

Selfie mit dem Peitschen-Pfarrer

Als er an seinem Ziel, dem Parkplatz beim Bahnhof, angekommen ist, reicht ihm ein Helfer eine Tasse Tee. Der 56-Jährige schlottert vor Kälte. «Ich habe mich gut gefühlt», sagt er. «Ich war völlig in meine Rolle vertieft.» Nur am Anfang hätten ihn die vielen Kamerascheinwerfer ein wenig geblendet.

Die Zwischenrufe aus dem Pulk hat er aber nicht überhört. «Ich habe damit gerechnet», sagt der studierte Theologe. «Viel ausgemacht hat es mir aber nicht. Ich dachte mir: ‹Als die Geissler im Mittelalter durch die Städte zogen, war es wohl genau gleich!›.»Zwei Passanten wollen mit ihm für ein Selfie posieren. Baumann macht mit. Dann ist er für ihn überstanden, der Gang nach Sissach. (bzbasel.ch)

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