DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Zielscheibe der Wut –
Tamara Funiciello auf dem Roadtrip ins Hassland

Tamara Funiciello: Juso-Präsidentin und Zielscheibe des Hasses im Netz.Bild: watson
Keine Frau in der Schweiz wird mehr gehasst als Tamara Funiciello. Täglich beschimpfen und bedrohen sie Dutzende im Netz. Die Juso-Präsidentin sucht vier Hater auf, um herauszufinden: Woher kommt diese Wut?
28.03.2019, 11:2801.04.2019, 14:07

Tamara Funiciello sitzt auf der Rückbank eines Autos und richtet sich die Haare. In wenigen Minuten wird sie Felix K. treffen, stolzer Eidgenosse und Flughafenmitarbeiter. K. will auf Facebook den «Asylwahnsinn» stoppen. Er mag es nicht, wenn Hunde zur Urlaubszeit ausgesetzt werden und er hat sich einen Feldschlösschen-Zapfhahn geleistet; Freund Bruno kommentiert darunter: «O'zapt is». Funiciello hält ein Blatt Papier in den Händen, den Ausdruck eines Kommentars von Felix K. unter einem «Blick»-Artikel:

Wie um sich selber Mut einzureden sagt Funiciello: «Der ist ja noch harmlos.» Es ist das erste sonnige Wochenende dieses Jahres und sie würde jetzt am liebsten überall sein, nur nicht hier. Doch wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht sie es auch durch.

Funiciello will die Menschen treffen, die sie im Netz als «Monster», «saudummes Weib» oder «Schlampe» beschimpfen. Sie will wissen, was das für Leute sind, die über ihr Aussehen Witze machen, ihre Familie beleidigen, ihr eine Vergewaltigung wünschen. Sie will diejenigen treffen, die ihr in den letzten Jahren das Leben zeitweise zur Hölle gemacht haben.

Sie will wissen: Warum ist der Hass so gross?

Felix K: Mit der Krankheit noch rechter geworden

Jetzt steht Funiciello vor einem Gartentor, von dem der Lack abblättert und eine Plakette die poetische Warnung verkündet: «Siehst du mich mal ohne Leine, brauchst du Glück und schnelle Beine.» Sie summt leise ein Lied und drückt die Klingeltaste bei Familie K. Das Auto ist 20 Meter entfernt, der Pfefferspray für den Notfall in der Hosentasche. Ein riesiger schwarzer Hund trottet über den Rasen, aus seinem Mund tropfen Speichelfäden und das, was einmal ein Fussball war. Er trägt keine Leine.

Funiciello sagt: «Die denken sicher, wir gehören zu den Zeugen Jehovas.» Sie drückt die Klingel ein zweites Mal. Hinter den weissen Tagesvorhängen erscheint die Silhouette eines älteren Mannes. Er öffnet die Glastür gerade so weit, dass ein Rollator sichtbar wird.

«Was wollen Sie?»

«Ich suche Herrn K.»

«Ja, ich kann nicht rauskommen.»

«Kann ich kurz mit Ihnen sprechen?»

«Machen Sie eine Umfrage?»

Eine Frau erscheint auf der Terrasse. «Was wollen Sie?»

Sie kommt über den Kiesweg, der schwarze Riesenhund schmiegt sich an ihr Bein. Sie nimmt das Halsband in die Hand und steht nun etwas unausgeglichen vor dem Gartentor. Blondes Haar, moosgrünes T-Shirt, Aufnäher des Schützenvereins Buchs. Ihr Mann, erklärt sie, habe einen Hirnschlag erlitten, und könne deshalb nicht rauskommen.

Funiciello hört der Frau aufmerksam zu, hält den Kopf dabei leicht gesenkt und die Hände wie beim Gebet ineinander gefaltet. Es sieht aus, als nehme sie der Frau die Beichte ab.

Dann sagt sie, es tue ihr leid, was mit ihrem Mann passiert ist. Aber er habe ihr vor ein paar Wochen auf Facebook einen bösen Kommentar geschrieben. Ob sie ihn lesen wolle. Funiciello hält ihr den Ausdruck mit dem Kommentar von Herrn K. hin.

Frau K. liest konzentriert. Ihre Augen wandern langsam über das A4-Blatt. Überrascht wirkt sie nicht.

«Ja also ... es tut mir leid. Ich schaue, dass es nicht mehr passiert. Er hat nicht unbedingt etwas gegen eine Person, aber er ist halt ein bisschen von der alten Schule. Und es wird einfach immer noch schlimmer.»

«Er hätte jetzt einfach die Gelegenheit, um mit mir persönlich zu sprechen.»

«Sehen Sie, wenn Sie jetzt mit ihm sprechen würden, würde er gleich wieder ausfällig werden. Er kann wirklich nichts dafür, bei ihm hat es das kognitive Zentrum erwischt. Hier (sie klopft sich mit den Fingerknöcheln an die Stirn). Er kann seine Emotionen nicht mehr steuern, wenn Sie jetzt reingehen würden, dann geht er – wuff – an die Decke.»

«War er sehr anders vor dem Hirnschlag?»

«So extrem war er vorher nicht. Er war schon ein bisschen rechts. Aber vorher hat er sich noch überlegt, was er rauslässt. Und das fehlt jetzt eben. Die Hemmschwelle, der Anstand.»

Sie verabschiedet sich von Frau K. Höflich, gesittet, wie man sich vom Nachbarn verabschiedet oder von entfernten Familienmitgliedern.

Funiciello hätte jetzt eigentlich gerne einen ordentlichen Schlagabtausch gehabt. Ihre Idealvorstellung einer politischen Debatte: Knallhart in der Sache, respektvoll im Ton. Aber Krankheiten und Unfälle, das ist höhere Macht. Jetzt ist es halt ein Sparring geworden, eine Aufwärmübung für die nächsten Kommentarschreiber. Sie setzt sich ins Auto, zieht ihre Daunenjacke aus, legt sie übers Knie und klopft ein paar Mal auf den unförmigen Wulst. Das Thermometer zeigt 16 Grad an.

Funiciello auf der Suche nach dem Ursprung des Hasses.
Funiciello auf der Suche nach dem Ursprung des Hasses. Bild: watson

Eine ganz normale, junge Frau

Kaum eine Frau in der Schweiz wird so gehasst wie Tamara Funiciello. Dafür gibt es – objektiv betrachtet – eigentlich wenig Gründe: Sie ist 29 Jahre alt, Tochter eines Italieners und einer Schweizerin, hat einen zwei Jahre jüngeren Bruder. Ihre ersten Lebensjahre verbringt sie auf Sardinien. Als sie neun ist, zieht die Familie in die Schweiz nach Bern. Sie studiert Geschichte und Sozialwissenschaften und wohnt in einer Wohngemeinschaft. Von ihren Freunden wird sie geschätzt wegen ihrer Lebhaftigkeit, ihrer sozialen Ader und ihres unaufhaltsamen Enthusiasmus. Kurz gesagt: Funiciello ist im Grunde eine ziemlich normale, junge Frau.

Doch dann ist sie eben auch Sozialistin, Feministin, Aktivistin. So zumindest beschreibt sie sich selbst auf ihrer Homepage: «Antinationalistin aus Überzeugung, Antikapitalistin aus logischen Gründen, echte Linke, Utopistin.» Seit Oktober 2016 ist sie die erste weibliche Präsidentin der Juso, der Jungpartei der Sozialdemokraten. Ihr Job dort ist es, anzuecken. «Die Juso muss der Stachel im Arsch der SP sein», sagte sie bei bei ihrer Wahl.

Im Auto riecht es nach abgestandenem Zigarettenrauch. Funiciello rümpft die Nase und öffnet das Fenster einen Spaltbreit. Wie ernst sie ihren Job bei der Juso nimmt, zeigen die medienwirksamen Aktionen, die nicht nur bei ihren Kritikern, sondern auch bei der Mutterpartei für wenig Freude sorgen. Sie fordert eine 25-Stunden-Arbeitswoche, will eine Frauenquote in Parteien einführen und verbrennt BHs, um gegen Sexismus zu protestieren.

Schon ihre Vorgänger sorgten regelmässig für Furore, indem sie sich auf der Bühne vor laufender Kamera einen Joint anzündeten oder mit einer Fotomontage des nackten Daniel Vasella für die 1:12-Initiative warben. Doch der Hass, der Funiciello entgegenschlägt, ist extremer, härter, unerbittlicher. Seit sie vor zweieinhalb Jahren das Juso-Präsidium übernommen hatte, wurde sie öfters von Shitstorms heimgesucht als die meisten Politiker in ihrer gesamten Karriere.

Am Autofenster ziehen sanft abfallende Hügel vorbei, Metzgete-Werbung auf Scheunenwänden, beim Bruzzel-Uli gibt's Poulet vom Drehspiess: Das Wynental, auch Stumpenland genannt wegen der einst blühenden Tabakindustrie.

Funiciello hat ein gespaltenes Verhältnis zum Land. Zwar ist sie fast jedes Wochenende an einer Juso-Veranstaltung in einem Dorf im Schweizer Mittelland. Und manchmal, sagt sie, spiele sie sogar mit dem Gedanken aufs Land zu ziehen. «Aber dann wiederum glaube ich, ich würde hier durchdrehen.» Als sie in einem Dorf ein Mädchen mit Seitenscheitel und blau gefärbten Haaren auf dem Trottoir entdeckt, entfährt es ihr: «Die gehört hier auch nicht hin.» Ein Mischung aus Erstaunen und Mitleid schwingt in ihrer Stimme.

Manchmal spielt Funiciello mit dem Gedanken, aufs Land zu ziehen. «Aber dann wiederum glaube ich, ich würde hier durchdrehen.»
Manchmal spielt Funiciello mit dem Gedanken, aufs Land zu ziehen. «Aber dann wiederum glaube ich, ich würde hier durchdrehen.» Bild: watson

Claudio M. und sein Problem mit dem BH-Foto

Wenig später steht Funiciello vor der ersten Stufe einer Wendeltreppe, die zu einer Dachwohnung führt. Hier wohnt Claudio M. Er findet es richtig, dass eine Schweizer Zeitung im vergangenen Sommer eine Karikatur mit ihrer Handynummer abdruckte. Auf Facebook schrieb er unter einem «20 Minuten»-Artikel:

Funiciello klatscht in die Hände, sagt «Vamos!», und steigt nach oben. Ein junger Mann öffnet nach einer Weile die Türe. Hinter ihm streift eine weisse Katze durch den Gang. Er trägt eine graue Trainerhose und zu kleine Filzpantoffeln. Um seine Augen zeichnen sich rote Ringe ab. Er sieht aus, als hätte er eine Weile nicht mehr geschlafen.

«Sind Sie Claudio M.?»

«Ja?»

«Ich bin Tamara Funiciello. Ich bin hier, weil Sie vor nicht allzu langer Zeit auf Facebook einen nicht allzu netten Kommentar über mich verfasst haben. Und ich würde Sie gerne fragen, was Sie sich dabei überlegt haben.»

Sie streckt ihm den Ausdruck mit seinem Kommentar entgegen. Er liest und reicht den Zettel dann Funiciello zurück.

M. (ungläubig): «Und wegen dem kommen Sie zu mir nach Hause?»

«Ja.»

«Okay ... also, ja, das ist jetzt ... ich habe da halt nicht viel überlegt.»

«Aufgrund solcher Kommentare wollen sich Frauen politisch nicht engagieren. Das macht die Demokratie in unserem Land kaputt.»

«Ja, aber ... darf ich Sie duzen?»

«Ja, klar.»

Claudio M. sagt, dass Funiciello sich nicht wundern müsse, sie greife schliesslich alle an, die anders denken als sie. Er wolle jetzt keine Beispiele nennen. Und überhaupt, es sei gerade ungünstig, er sei am Gamen.

Funiciello stemmt die Fäuste in die Hüfte. Sie ist jetzt im Angriffsmodus. Ihr Ton bekommt in solchen Momenten eine schulmeisterliche Note, der bei ihrem Gegenüber wie bei renitenten Schülern eine Trotzreaktion provoziert.

«Finden Sie denn wirklich, dass ich es verdient habe, dass eine Zeitung meine Telefonnummer veröffentlicht, dass ich Dutzende Dickpics geschickt bekommen habe und dass meine Familie am Telefon belästigt wurde?» Ohne es zu merken, hat sie wieder in die Höflichkeitsform gewechselt.

M. (unsicher) «Nein, das sicher nicht.»

«Aber das ist genau das, was Sie hier geschrieben haben!» Funiciello wedelt mit dem A4-Blatt.

«Ja, aber das ist Satire.»

«Satire darf keine Telefonnummern veröffentlichen!»

«Ja okay, das war vielleicht zu viel des Guten. Aber was die Juso macht, das ist mir einfach too much. Das mit der BH-Verbrennung zum Beispiel. Wenn man so provoziert, muss man sich nicht wundern, wenn mal was retour kommt.»

«Aber was provoziert Sie denn so fest an dem Bild? Das verstehe ich nicht. Jede Unterwäsche-Werbung zeigt mehr als das, was man bei uns sah.»

«Ich finde es nicht schön. Ich find's effektiv nicht schön.»

«Also finden Sie, dass Leute, die hässlich sind, sich verstecken müssen?»

«Sie drehen mir ... Du drehst mir das Wort im Mund um. Das schiisst mich langsam ah!»

«Aber dann sag jetzt doch mal, was dich an dem Foto denn so provoziert.»

«Mit diesem Foto hast du ganz viel Medienaufmerksamkeit bekommen!»

«Aber dir ist schon bewusst, dass ich in den Medien auftauche, weil das Leute wie dich stresst. Sonst würde es ja gar keine Aufmerksamkeit bekommen. Das heisst, du bist eigentlich der Grund für die Medienaufmerksamkeit!»

Jetzt ist die Anspannung bei Funiciello weg, sie muss erst einmal ziemlich herzhaft lachen über ihre eigene Herleitung. Es ist die Freude eines Wissenschaftlers, der beim Orangenschälen gerade ein hoch komplexes mathematisches Problem gelöst hat. Sie lacht auch noch, als M. zu einer Verteidigung ansetzt:

«Ähm, ja, also, ich sage den Medien ja nicht, dass sie über dich schreiben sollen. Und überhaupt ist das der einzige Kommentar, den ich je über dich geschrieben habe.»

Funiciello hat sich wieder ein bisschen beruhigt. «Ja gut, dann war das ein Zufall.»

«Eben, darum finde ich es jetzt auch lustig, dass du jetzt vor meiner Tür stehst.»

Funiciellos sturer Kopf

Halb 2 Uhr mittags. Lagebesprechung im Restaurant Ochsen, gleich unterhalb der Wohnung. Die Kellnerin sitzt in der Eckbank und sortiert die Quittungen der Gäste vom Mittag.

«Die Chance, dass Claudio M., der Typ also, der das BH-Foto hässlich findet, auf Bilder mit nackten Frauen abwichst, ist relativ hoch», sagt sie amüsiert. Sie bindet sich die Haare zusammen und beugt sich über ihren Salatteller. Hat diese Frau wirklich einen unzerstörbaren Selbstwert oder gibt sie sich einfach stärker, als sie ist? Wenn ihr jemand sage, sie sei fett, antworte sie: «So what? Das ist euer Problem, nicht meines.»

Das Funiciello-Prinzip: Je grösser der Widerstand, desto stärker der Ansporn. Man könnte auch sagen, sie hat einen sturen Kopf. Eine Anekdote aus ihrer Kindheit: Funiciello wollte Goalie im Landhockey-Team werden, aber alle sagten ihr, sie sei mit ihren kleinen Händen und ihrer Körpergrösse nicht geeignet. Es gab nicht einmal eine Ausrüstung, die ihr passte. «Aber ich habe gelernt, wie ich mich im Goal bewegen muss, damit ich alle Winkel erreiche, und am Schluss war ich in der U21 und holte die Goldmedaille an der Europameisterschaft.»

Beim Salatteller im Restaurant Ochsen: «Wenn mir jemand sagt, ich sei fett, antworte ich: So what? Das ist dein Problem, nicht meines.»
Beim Salatteller im Restaurant Ochsen: «Wenn mir jemand sagt, ich sei fett, antworte ich: So what? Das ist dein Problem, nicht meines.» Bild: watson

Die Sonne brennt nun unbarmherzig. Funiciello bereut, dass sie keine Sonnenbrille mitgenommen hat. Sie blinzelt und hält sich eine Hand vor die Stirn. Natürlich geht nicht ganz alles spurlos an ihr vorbei. Hinter der Politikerin Tamara Funiciello ist schliesslich ein Mensch aus Fleisch und Blut, der lebt, leidet, lacht und weint. Das geht manchmal vergessen. Darum habe sie nach den krassen Anfeindungen nach ihrer BH-Verbrennungsaktion auch der «Schweizer Illustrierten» für eine Homestory zugesagt. «Das hätte ich sonst nie gemacht. Aber es war wichtig, dass die Leute sehen: Das ist ein Mensch mit einer Familie, einem Zuhause, Freunden.»

Roland S. weiss nicht, wo die Grenzen sind

Im Auto herrscht nun eine derartige Hitze, dass Funiciello die Regler der Klimaanlage bis zum Anschlag hochdreht. Vorbei am Hallwilersee, tieferes Vordringen ins Aargauer Mittelland, hinein in eine verkehrsberuhigte Strasse mit dem Namen einer Zierstrauchgattung. Schmucke Einfamilienhäuser samt Garageneinfahrten säumen den Weg, Hecken versperren die Sicht auf das Leben auf der eigenen Parzelle. Gutes, ehrlich verdientes Geld. Investiert in Rasengittersteine und grosse Zweitautos mit Hybridantrieb. Hier wohnt Roland S., Bauunternehmer und Mofabesitzer. In seinem Gartenteich züchtet er Koi-Fische. Auf Facebook kommentierte er unter einem «Blick»-Artikel:

Herr S.’ Haus steht als Paria in der Landschaft. Wie um einer ansteckenden Krankheit vorzubeugen, halten die angrenzenden Grundstücke einen Sicherheitsabstand. Die Fassade ist mit Sichtbeton verputzt, die Farbe irgendwo zwischen kränklichem Nikotingelb und Rostbraun. Die Fensterläden im oberen Stock sind geschlossen, die Vorhänge im Wohnzimmer alle zugezogen. Kein Blick dringt nach innen. Falls man noch nicht gemerkt haben sollte, dass man stört, hilft einem das Schild: ‹Achtung Hunde!›

«Schon wieder Hunde», stöhnt Funiciello, «ich hasse Hunde.» Sie drückt das Klingelschild. Lange Stille. Hundegebell. Dann schnelle Schritte auf hölzernen Treppenstufen. Eine Frau Mitte 40 öffnet die Türe einen Spaltbreit, jugendliches Aussehen, modische Kleidung, einladendes Lächeln.

«Hallo?»

«Grüessech, wir suchen Herrn S.»

«Der ist nicht hier, um was geht es?» Sie entschuldigt sich, dass sie die Türe nicht weiter öffnen kann – zwei Hundeschnauzen lugen hinter ihren Waden hervor.

«Ich bin Tamara Funiciello. Ich bin die Präsidentin von der Juso Schweiz.»

«Von was?»

«Von der Juso. Das ist eine politische Partei. Es geht darum, dass Herr. S. mir auf Facebook etwas – sagen wir mal – nicht so Nettes geschrieben hat. Und ich wollte wissen, wieso.»

«Aha, dann soll er Stellung nehmen? Ich kann es ihm mal sagen. Habt ihr eine Handynummer?»

Funiciello lässt nicht locker. Sie ist verdammt früh aufgestanden und hat schon mehrere Stunden Fahrt hinter sich. Sie befindet sich jetzt in einem Dilemma: Einerseits hat sie eine Mission und einen Plan und ziemlich viel aufgestaute Wut. Andererseits ist diese Person, die nun ganz höflich und sogar ein bisschen neugierig mit ihr plaudert, nicht die Adressatin ihrer Botschaft.

«Wissen Sie, es geht mir darum, dass man so nicht miteinander umgehen sollte in einer Gesellschaft.»

«Ja, ich bin eben nicht bei Facebook. Ich weiss davon gar nichts.»

«Wollen Sie mal sehen, was Ihr Mann geschrieben hat?» Funiciello reicht ihr den Ausdruck.

Frau S. (liest): «Aha, ja. Das ist ... das ist ...» Sie studiert das Blatt mit leicht betretener Miene.

«Ich finde, man muss nicht gut finden, was ich mache. Aber man muss es mir ja nicht so sagen wie Ihr Mann.»

«Ja, meine Art ist das auch nicht. Aber eben. Er ist er und ich bin ich. Ich richte es ihm auf jeden Fall aus. Wie war Ihr Name nochmals?»

«Tamara Funiciello.»

«Okay. Und ihr kommt jetzt so ein bisschen die Ganoven stellen?»

«Sozusagen.»

Funiciello wird im Netz dafür gehasst, dass sie jung, links und laut ist. Und vor allem wird sie dafür gehasst, dass sie eine Frau ist.
Funiciello wird im Netz dafür gehasst, dass sie jung, links und laut ist. Und vor allem wird sie dafür gehasst, dass sie eine Frau ist. Bild: watson

Putzende Trümmerfrauen

Auf dem Weg zum Auto schüttelt Funiciello den Kopf. «Wieder eine Frau.» Sie tönt wie eine Pathologin, die im Leichenhaus body-count macht. Was geht ihr durch den Kopf? «Mich regt einfach auf, dass Männer im Netz Dreck abladen und die Frauen dann aufräumen müssen. Es ist den Frauen schrecklich unangenehm, das merkt man. Sie wissen, dass es daneben ist. Und sie haben keine Ahnung, was ihre Typen im Internet machen.» Irgendwann gebraucht Funiciello das Wort Trümmerfrauen. Herr S., der Bauunternehmer, häufe in seiner Online-Schutthalde Aushub und Dreck an. Und seine Frau gehe nachher mit dem Besen drüber.

Zum ersten Mal an diesem Tag wirkt Funiciello nun etwas genervt. Energisch zieht sie die Autotür auf und steigt ein. Sie lockert den Schal um ihren Hals. Im Auto ist es mittlerweile stickig-heiss wie an einem Nachmittag im Juli.

Frauen sind öfter von Hate-Speech im Internet betroffen und die Urheber von Hass-Kommentaren mehrheitlich männlich. Zu diesem Ergebnis kommen diverse Studien. Funiciello wird im Netz dafür gehasst, dass sie jung, links und laut ist. Sie wird gehasst, weil sie einen Migrationshintergrund hat und weil ihr Körper nicht dem der gesellschaftlichen Idealvorstellung entspricht. Und vor allem wird sie gehasst, weil sie eine Frau ist.

Was Herr K., Herr M. und Herr S. im Netz über sie geschrieben haben, ist vergleichsweise harmlos. Oft stehen solche Kommentare am Anfang einer Eskalationsspirale, die sich langsam hochdreht und zuletzt damit endet, dass Funiciello eine Vergewaltigung oder der Tod gewünscht wird. Ein Auszug aus ihrer Facebook-Seite nach der BH-Verbrennungs-Aktion.

montagen: watson

Funiciello schaut über ihre Schulter aus dem Autofenster. Das Aargauer Mittelland ist inzwischen dem Agglomerationsgürtel um Luzern gewichen: Surreale Kreiselkunst und Lagerhallen. In besonders krassen Fällen erhält die Juso-Chefin Unterstützung von Jolanda Spiess-Hegglin, der ehemaligen Zuger Kantonsrätin und Gründerin des Vereins Netzcourage. Gegen alles, was justiziabel ist, reicht Spiess-Hegglin Anzeige ein. Bei den obigen Beispielen wurden die Urheber der Kommentare mit einer Busse und Geldstrafe bis zu 1900 Franken verurteilt.

«Trümmerfrauen.» Wie um sich die Bedeutung des Wortes genauer vor Augen führen zu können, spricht Funiciello es nochmals laut für sich aus. Damit sie als Politikerin wirken kann, braucht sie ein ganzes Team, das für sie den Müll wegwischt, den andere im Netz deponieren. In einem Land, das sich rühmt, dass sich seine Politiker ohne Begleitschutz bewegen können, muss die Juso-Präsidentin eine Online-Putzequipe beschäftigen.

Poulet vom Drehspiess, Kreiselkunst auf Hauptstrassen – unterwegs im Schweizer Mittelland.
Poulet vom Drehspiess, Kreiselkunst auf Hauptstrassen – unterwegs im Schweizer Mittelland.Bild: watson

Was denkt sie über Menschen, die solche Kommentare schreiben? «Ich hege diesen Leuten gegenüber keine Gefühle.» Ein paar Sekunden lässt sie das einfach so stehen, bleibt still, fügt dann an: «Ich bin jeweils eher überrascht, wenn ich in den Gerichtssälen diesen Menschen gegenüberstehe und sehe, dass das ganz normale Männer mit Jobs, Familien und Haustieren sind.»

So normal wie Dominik L., der Koch. Auf Facebook posiert er auf einem Foto mit Kochmütze mit dem Schriftzug: «El Capitano.» Vor drei Jahren war er ohne Job und schrieb: «Arbetslose Amt Geld bezie förs nüd mache.» Ein Facebook-Freund kommentierte: «Bisch ned besser als en asylant ;)» L. mag Motorräder, fährt eine Yamaha YZF-R6. Vor einem Jahr trug er an der Luzerner Fasnacht ein Kostüm mit Maske, die aufwendig bemalt und mit Federn dekoriert war. Sein rechter Unterarm ziert ein Tattoo mit einer Figur aus einer Comic-Serie. L. will frei bleiben und wählt darum die SVP. Seine zwei Katzen heissen Molli und Simba.

All das weiss man über F., wenn man durch sein Profil scrollt. Auch weiss man, dass er unter einem «20 Minuten»-Artikel über Funiciello geschrieben hat:

Funiciello steht im Treppenhaus eines anonymen Wohnblocks in der Luzerner Agglomeration und wird nun gleich bei dem Mann klingeln, der zu wissen glaubt, dass sie schon viel zu lange keinen Sex mehr gehabt habe und dass sie vielleicht aufhören würde, über Sexismus, Lohnungleichheit und Gewalt gegen Frauen zu sprechen, wenn sie öfters durchgenommen würde.

Das ist die wohlwollende Lesart von L.s Kommentar.

Die andere ist, dass er Funiciello eine Vergewaltigung wünscht.

Die «079»-Eskalation

Funiciello ist jetzt sichtlich nervös. Auf ihrem Roadtrip durch das Land der Hasskommentarschreiber steht die letzte und schwierigste Strecke an. Erinnerungen werden wach an den Sommer 2018, als der Hass seinen Höhepunkt erreichte. Es war Mitte August an einem Sonntag. Gut 100 Personen, unter ihnen Funiciello, demonstrierten auf dem Bundesplatz in Bern gegen Gewalt an Frauen. Ein paar Tage zuvor waren in Genf fünf junge Frauen von einer Männergruppe spitalreif geschlagen worden.

In einer Rede sprach die Juso-Präsidentin darüber, dass Gewalt gegen Frauen wie eine Pyramide aufgebaut sei. Sie beginne beim sexistischen Witz und der Belästigung und ende mit Vergewaltigung und Ehrenmord. Um zu veranschaulichen, wie fest der Sexismus in den Köpfen aller Menschen verankert ist, nahm sie das Beispiel des Sommerhits «079» der Berner Musiker Lo & Leduc: «Wir leben in einer Gesellschaft, in der der meistverkaufte Hit der Schweiz eine Stalking-Geschichte erzählt.»

Später, in einem Interview des Lokal-TV-Senders Tele Bärn, legte sie nach und sagte, in dem Song gehe es um einen Mann, der immer und immer wieder versuche, die Telefonnummer einer Frau herauszufinden, obwohl sie ihn klar abweise. Ein solches Verhalten sei sexistisch.

Was dann folgte, darauf war Funiciello nicht vorbereitet. Es war ein Sturm sondergleichen, ein virtueller Dreck-Tsunami, der Hassbotschaften, übelste Kommentare und Morddrohungen über sie ausgoss. Die «Schaffhauser Nachrichten» druckte eine Karikatur mit ihrer Handynummer ab. Funiciello war darin als hexenähnliches Riesenweib dargestellt, das tobt, weil niemand sie anruft, obwohl ihre Nummer im Internet zu finden ist.

Ihr Handy surrte danach im Minutentakt. Fremde schickten ihr Penisbilder, sprachen ihr Beleidigungen auf den Anrufbeantworter. Sie wurde auf offener Strasse angefeindet, stand eine Zeit lang aus Sicherheitsgründen regelmässig mit der Polizei in Kontakt. Zwei Frauen traten während dieser Zeit aus dem Vorstand der Juso aus. Funiciello deponierte ihr Telefon in der Parteizentrale und tauchte für eine Weile ab.

Nach der «079»-Geschichte surrte Funiciellos Handy im Minutentakt. Fremde schickten ihr Penisbilder und sprachen ihr Beleidigungen auf den Anrufbeantworter.
Nach der «079»-Geschichte surrte Funiciellos Handy im Minutentakt. Fremde schickten ihr Penisbilder und sprachen ihr Beleidigungen auf den Anrufbeantworter. Bild: watson

Dominik L.: Mitten in die Fresse rein

Mit einer energischen Handbewegung streicht sich Funiciello eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie holt noch einmal tief Luft. Dann drückt sie auf den weissen Klingelknopf.

Ein korpulenter junger Mann in weissem T-Shirt und Trainerhose öffnet die Türe und reibt sich müde die Augen.

«Ou, entschuldigung. Heit ihr gschlafe?»

«Mmh ja, eigentlich schon.»

«Sie kennen mich, nicht wahr?»

Er mustert Funiciello mit zusammengekniffenen Augen von oben bis unten, wie wenn man auf einer Lebensmittelverpackung das Ablaufdatum sucht. Funiciello schaut ihn herausfordernd an.

«Jaja.»

«Sie haben einen Kommentar über mich geschrieben auf Facebook und ich wüsste gerne, was Sie damit meinen.» Sie hält ihm seinen Kommentar hin.

L. (liest): «Ehrlich, und wegen dem steht ihr jetzt hier und reisst mich aus dem Schlaf. Das ist doch jetzt wirklich Scheisse, oder?»

«Finden Sie es nicht eher Scheisse, so einen Kommentar auf Facebook zu schreiben?»

«Das ist zehn Wochen her, ich weiss doch gar nicht mehr, zu welchem Thema das war!»

«079.»

«Ja sorry, eben, das ist doch nur ein Lied?!»

«Warum haben Sie das denn nicht so geschrieben?»

«Weil das damals nicht meine Meinung war.»

«Also war Ihre Meinung, dass ich vergewaltigt werden sollte?»

«Nein, das habe ich nie geschrieben! Haben Sie den Text überhaupt gelesen?»

«Wer soll mich denn Ihrer Meinung nach durchnehmen?»

«Ich weiss doch auch nicht. Zum Beispiel der Freund, oder die Freundin.»

Funiciello ist hierhergekommen, um über Hasskommentare zu diskutieren, und nun gibt ihr ein übergewichtiger Koch Tipps, mit wem sie ins Bett steigen soll. Nicht im Netz, von Angesicht zu Angesicht. Ihre Welt, die analoge, gerät gerade ein bisschen aus den Fugen.

«Aber das geht Sie doch alles gar nichts an! Das ist doch eine ungeheure Beleidigung! Stellen Sie sich vor, ich würde das zu Ihnen sagen!»

Er verschränkt die Arme und lächelt überlegen. «Ich würde das nicht als Beleidigung empfinden. Eher als Kritik, oder als Anregung. Damit muss man als öffentliche Person nun einmal rechnen.»

«Das ist doch keine Anregung!» Funiciello verwirft die Hände.

Auch L. ist genervt. Es nervt ihn zum Beispiel, dass Minderheiten und Feministinnen wie sie die ganze Zeit Forderungen stellen und wegen einem Lied herummotzen, während er 60 Stunden pro Woche bügeln muss. Es nervt ihn, dass die Juso und die Unia, ein mafiöser Verein, nichts, rein gar nichts tun für ihn, obwohl er Büezer ist. Es nervt ihn, dass am Ende immer er die Konsequenzen trägt, für alles, zum Beispiel damals am WEF, wo er im WK verfickt nochmal 24 Stunden in Davos bei minus 17 Grad herumstand. Und das alles nur wegen diesen Juso-Idioten, die gegen den Scheiss-Trump demonstrieren mussten.

Funiciello fragt: «Und dem Trump haben Sie das Gleiche geschrieben wie mir?»

L. (eifrig) «Ja, ja! Dem Trump habe ich genau das Gleiche geschrieben! Dass er ein dummer Siech sei!»

«Und dass man ihn mal so richtig durchnehmen sollte?»

«Ja! Dem Trump habe ich das Gleiche geschrieben, einfach auf Englisch!»

«Und würden Sie mir das jetzt auch persönlich ins Gesicht sagen, dass ich durchgenommen werden soll?»

Er wiegt den Kopf ein wenig, prüfend. «Jooo, also, das könnte ich mir jetzt schon vorstellen, dass ich das sagen würde.»

«Dass ich öfters gefickt werden sollte.» Funiciello ist jetzt eiskalt.

«Ja, also gut, jetzt vielleicht nicht mehr, aber damals schon.»

Funiciello hat jetzt die Wahl: Sie könnte L. den Finger zeigen, auf dem Absatz kehrtmachen und hätte so kurzfristig Schadensbegrenzung betrieben. Oder aber sie nutzt die Gelegenheit und versucht L. davon zu überzeugen, dass ihr Sexleben Privatsache ist. Der innere Kampf dauert nur ein paar Millisekunden. Dann besiegt ihre pädagogische Vernunft den emotionalen Impuls.

«Können Sie verstehen, dass das verletzend war für mich?»

«Ja schon, aber ich finde es ehrlich gesagt eher verletzend, dass Sie mich um meinen Schlaf bringen.»

Funiciello gibt auf. Es ist kurz nach 16 Uhr, von draussen hört man die Guggenmusik spielen, in Luzern ist Fasnacht. Vielleicht macht das hier alles gar keinen Sinn, vielleicht ist es der falsche Tag, die falsche Zeit. Sie macht einen Schritt zurück und entschuldigt sich noch einmal für die Störung. Es sei ihr halt wirklich ein Anliegen, dass Frauen keine Gewalt mehr angetan werde.

Funiciello verabschiedet sich mit einem Händedruck, das machte sie an diesem Tag bei allen. Nach dem Kampf die Respektbekundung. Sie will ihre Tour auch als Gesprächsangebot verstehen. Nur scheint es manchmal, als spräche sie an eine Wand oder in einen Zerrspiegel, der all ihre Argumente ins Gegenteil verkehrt und wieder auf sie zurückwirft.

Diese Mission fordert ihr einiges ab. Sie stützt die Hände auf das Autodach und atmet tief durch. «Da hatte es unglaublich viele Knüppel in dieser Begegnung.»

Beim Abschied fragte L. neugierig, wann denn nun der Artikel in der Zeitung erscheine.

«Vor der Tat kommt das Wort», sagt Funiciello und erzählt, dass aus einer Beleidigung im Netz schnell eine Tätlichkeit werden könne. Das mache ihr Angst.
«Vor der Tat kommt das Wort», sagt Funiciello und erzählt, dass aus einer Beleidigung im Netz schnell eine Tätlichkeit werden könne. Das mache ihr Angst.Bild: watson

Am Ende der Politik

Einsteigen, Sicherheitsgurt umschnallen, Fenster runterkurbeln, ausatmen. Tamara Funiciello ist bei L. und den anderen nicht nur an die Grenzen des Anstands und darüber hinaus gereist, sie hat auch ihre eigenen Grenzen erkundet. Sie hat 20 Minuten lang mit einem Fremden über ihr Sexualleben gesprochen. Über intimste Dinge, die andere nicht einmal mit dem besten Freund oder der besten Freundin teilen würden. Wie oft sie gefickt werden sollte. Wer sie ficken sollte. Ob sie frustriert sei, weil sie zu wenig gefickt werde.

Wenn das die Aufgaben sind, die eine Politikerin in der Schweiz zu bewältigen hat, dann stimmt etwas nicht.

Als sie später im Auto den Blick durchs Fenster auf den vorbeirauschenden Feierabendverkehr richtet, sagt sie: «Ich finde nicht, dass irgendjemand das Recht hat, über mein Sexualleben oder das einer anderen Frau zu sprechen.» Die Coolness, die Funiciello während sieben Stunden an diesem strahlend schönen Samstagnachmittag an den Tag legte, bekommt immer mehr Risse.

Es scheint, als würde Funiciello die Absurdität des Gesprächs mit L. erst jetzt richtig bewusst. «Ich hätte erwartet, dass er zumindest versucht, sich zu rechtfertigen, wenn nicht sogar zu entschuldigen.» Stattdessen muss die Juso-Präsidentin sich den Vorwurf gefallen lassen, einen Büezer beim verdienten Schlaf gestört zu haben.

Ist sie wütend auf L. und die anderen? «Nein, ich bin nicht wütend, diese Menschen tun mir eher leid. Es war alles so wirr, diese Hilflosigkeit, diese Resignation. L. war vor allem so hässig darauf, dass ich etwas machen kann und er scheinbar nicht.» Funiciello rutscht auf dem Autositz rum. «Aber das ist jetzt vielleicht ein bisschen viel Psychologie

Die Knüppel, die Funiciello im Gespräch mit L. ortete, machen sich auch in ihren Reflexionen bemerkbar. Einerseits macht sie die Umstände verantwortlich und sucht mit dem Eifer einer Soziologin eine Erklärung für die Wut. Andererseits ist sie in diesem Experiment eben auch das lebende Objekt.

Funiciellos Hausbesuche werden nichts daran ändern, dass sich der Hass im Netz weiter verbreitet. Was bedeutet das für den Diskurs in einer Gesellschaft? «Nichts Gutes. Es ist ja eben nicht nur ein Online-Phänomen. Man ist so weit, dass man meint, man dürfe solche Dinge wirklich sagen. Face to face», sagt sie.

Erst vor kurzem wieder stieg der Online-Hass in ihre Welt hinüber. Am helllichten Tag wurde sie im Coop von einem Familienvater angerempelt. Mit voller Wucht und purer Absicht. In solchen Momenten wird aus einer Beleidigung im Netz eine Tätlichkeit. Das macht ihr Angst. Die Wegbereiter dieser Dynamik sind Felix K., Claudio M., Roland S., Dominik L. und die tausend anderen Kommentarschreiber. «Vor der Tat kommt das Wort», doziert Funiciello.

Weitermachen

Sonnenuntergang über dem immer weiter fort rückenden Mittelland. Mehrzweckhallen weichen hochgeschossigen Wohnhäusern. Ja, es habe Momente gegeben, in denen sie alles hinschmeissen wollte, sagt Funiciello nachdenklich. Was sie auf einer hohen Skala erlebe, erlebten alle Frauen im Kleinen. Mit starrem Blick schaut sie durch die Frontscheibe auf das Betongrau der Autobahn. «Aber was bleibt mir denn anderes übrig, als weiterzumachen? Ich kann die doch nicht gewinnen lassen.»

Sie fasst sich wieder, schlüpft zurück in die Rolle der unerschütterlichen Revolutionärin. Jede erste Frau sei eine Wegbereiterin und sie sei nun mal die erste Frau an der Spitze der Juso. «Ich stehe auf den Schultern von allen Frauen in der Geschichte vor mir, die gegen Widerstände gekämpft haben. Die haben nicht aufgegeben, also mache ich es auch nicht.» Eine improvisierte 1.-Mai-Rede auf der A4 zwischen Wettswil am Albis und dem Uetlibergtunnel.

Während Funiciello im Auto Bilanz zieht und versucht, für all das eine Erklärung zu finden, es einordnen will, was das jetzt heisst für sie, für die Frauen, aber auch für alle anderen, für die ganze Gesellschaft eigentlich, tippt Igor C. auf Facebook einen Kommentar unter einen «Blick»-Artikel:

«Einzige grund wieso sie nit frässi haltet isch wil sie hunger het.»

Drei Personen gefällt das.

Hintergrund der Reportage
Hate-Speech im Internet ist schon lange kein Randphänomen mehr. Vor allem Frauen sind davon betroffen und Jüngere öfters als Ältere. Politikerinnen trifft es besonders hart. Sie werden regelmässig zur Zielscheibe von Hasskommentarschreibern. Dabei spielt die politische Gesinnung keine grosse Rolle. SVP-Frau Natalie Rickli wird auf Facebook nicht minder geschont als die Juso-Chefin Tamara Funiciello.

Mit dieser Reportage begaben wir uns auf eine Spurensuche. Was triggert die Menschen hinter den Computerbildschirmen? Wie reagieren sie, wenn man sie mit ihrem Geschriebenen konfrontiert? Und wie begegnen sie einer Politikerin, die sie eben noch virtuell beleidigt haben, an der Haustür?

Für die Reportage wurden Kommentarschreiber ausgewählt, deren Wohnsitze mit einer einfachen Google-Suche herauszufinden waren. Da viele User ihre Privatsphäre nicht schützen, gestaltete sich dies relativ einfach. Der Besuch bei den vier ausgewählten Kommentierern erfolgte unangemeldet Mitte Februar 2019. Wir möchten uns hiermit nochmals für die Störung entschuldigen.
(sar/wst)​
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter