Wenn die Angst überhand nimmt – Tipps von einer Psychologin
Frau Kleim, am Dienstagabend sind beim Brand eines Postautos in Kerzers mehrere Menschen ums Leben gekommen. Anfang des Jahres brannte in Crans-Montana eine Bar, 41 hauptsächlich junge Menschen starben. Was machen solche Nachrichten mit uns?
Birgit Kleim: Es sind traumatische Ereignisse, die bei vielen Personen kurz- und mittelfristig ein Gefühl von erhöhter Bedrohung auslösen – auch bei denen, die nicht selbst betroffen sind.
Warum macht ein Ereignis wie der Postauto-Brand Angst, auch wenn man selbst nicht davon betroffen ist?
Angst signalisiert in erster Linie eine potenzielle Gefahr und kann darum auch nützlich sein. Gerade, weil schlimme Ereignisse medial oft sehr präsent sind, überschätzen aber viele das Risiko, selbst in eine ähnliche Lage zu kommen. Wenn sich solche Tragödien zusätzlich in unserer geografischen Nähe abspielen, denken die Menschen eher: «Das hätte auch mich treffen können.»
Reagieren Menschen unterschiedlich auf ein Ereignis wie den Busbrand von Kerzers oder die Brandkatastrophe von Crans-Montana? Wer ist besonders anfällig, starke Angst zu entwickeln?
Menschen können auf ein und dasselbe Ereignis sehr unterschiedlich reagieren. Das zeigt auch unsere eigene Forschung. Wer in der Vergangenheit traumatische Ereignisse erlebt hat oder bereits psychisch belastet ist, reagiert häufig stärker. Diese Menschen haben bereits ein sensibleres Bedrohungssystem. Auch von den Therapeutinnen und Therapeuten in unserem Behandlungszentrum höre ich, dass die Patientinnen und Patienten, die bereits in Behandlung sind, Tragödien wie jene von Crans-Montana oder Kerzers sehr stark wahrnehmen.
Zeigen sich auch Unterschiede je nach Alter? Sind etwa junge Menschen anfälliger, jetzt starke Ängste zu entwickeln?
Hierzu gibt es keinen klaren Befund. Noch offen ist, wie sich der Social-Media-Konsum auf das Angstempfinden der Jugendlichen auswirkt. Bei Crans-Montana hat sich gezeigt: Die Jugendlichen bekommen dort vieles ungefiltert und unmittelbar mit. Ältere Menschen haben zwar einerseits schon mehr erlebt und haben ihre Bewältigungsstrategien. Andererseits haben sie aber auch potenziell mehr traumatische Erlebnisse hinter sich, was die Ängste wiederum verstärken kann.
Angenommen, ich fühle mich nach dem Postauto-Brand in Kerzers unwohl dabei, Bus zu fahren? Ist das eine normale Reaktion?
Das ist eine völlig normale Reaktion. Es zeigt, wie wir funktionieren: Wir sensibilisieren uns für Gefahren und lernen dazu. Für gewöhnlich geht diese Angst aber wieder weg, wenn wir zwei- oder dreimal in der Situation waren und gemerkt haben: Mir passiert nichts. Eine Sensibilität für gewisse Reize wie Rauchgeruch kann länger anhalten. Aber die Reaktion flacht nach einer gewissen Zeit meist wieder ab.
Lass dir helfen!
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.
– Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
– Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
– Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
Und wenn nicht?
Dann käme etwa eine traumafokussierte Therapie infrage, um die Sicherheit wiederzugewinnen. Ich sage aber nicht, dass alle sofort in Therapie gehen müssen.
Was ist, wenn sich jemand gar nicht mehr traut, in einen Bus zu steigen?
Diesen Reflex nennt man in der Fachsprache Vermeidung, und er zeigt sich vor allem bei Direktbetroffenen. Bei Studien mit Gewaltbetroffenen zeigt sich, dass viele in den ersten Tagen die Situation oder den Ort der Tat komplett meiden. Bei den meisten geht die Vermeidung auf natürliche Art und Weise wieder weg. Einige halten sie aber aufrecht. Und vermeiden nach und nach auch andere Situationen und Orte, die ähnlich sind – die Angst breitet sich aus.
Wann ist der Punkt erreicht, an dem die Angst zum Problem wird und man sich Hilfe suchen sollte?
In der sogenannten akuten Phase – in den ersten vier Wochen nach einem schlimmen Ereignis – ist Vermeidung nicht kritisch, sondern ein natürlicher Reflex. Wer sich aber über längere Zeit stark einschränkt und darunter leidet, sollte sich Hilfe beim Hausarzt oder bei der Hausärztin holen oder sich psychologisch abklären lassen.
Für all jene, die jetzt Angst haben, wenn sie Feuer riechen oder Bus fahren: Haben Sie Tipps, wie sie mit diesen Ängsten umgehen können?
Tauscht euch mit Menschen aus, denen ihr vertraut. Das muss kein Therapeut sein. Dadurch erhaltet ihr ein Feedback auf eure Schilderungen. Das hilft dabei, die eigene Wahrnehmung zu korrigieren, wenn wir eine Bedrohung etwa stark überbewerten. Dann würde ich empfehlen, den Situationen, die Angst machen, nicht aus dem Weg zu gehen. Das heisst: weiterhin Bus fahren, weiterhin ausgehen. Denn Alltag und Routine signalisieren dem Körper Normalität, Sicherheit und Stabilität. Schliesslich kann ich nicht genug betonen, wie wichtig soziale Kontakte sind. Sie helfen auch dabei, dass die eigene Aufmerksamkeit nicht dauerhaft auf die Bedrohung gerichtet bleibt.
Was hilft in der Situation selbst, um sich zu beruhigen?
Manchen hilft es, sich abzulenken. Ich würde raten, dass man versucht, die eigene Angst einzuordnen. Dass man versucht, zu verstehen, warum man gerade so reagiert – ob man etwa viele Nachrichten dazu konsumiert hat. Dann kann man sich sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass mir das hier passiert, sehr gering ist. Auch in der Situation selbst empfehle ich, die eigenen Gefühle zu teilen. Wenn man sich mit anderen darüber unterhält, kann man sie für sich selbst besser einordnen.
Hilft es, wenn ich mir Exit-Strategien überlege, wenn ich mich in einer Situation befinde, die mir Angst macht?
Das empfehlen wir unseren Patientinnen und Patienten in klinischer Therapie eigentlich nicht. Denn es führt eher dazu, dass wir uns nur dann sicher fühlen, wenn wir Strategien parat haben und uns ständig mit einer möglichen Bedrohung beschäftigen. Besser wäre, wenn die Menschen erleben, dass es nach und nach auch ohne funktioniert.
Es kursieren viele Videos, auf denen das Feuer des Postautos in Kerzers zu sehen ist. Auch von der Brandkatastrophe in Crans-Montana gibt es zahlreiche, teilweise verstörende Videos. Was raten Sie Menschen, denen diese Bilder nachgehen?
Unsere Vermutung ist, dass uns diese Ereignisse auch deshalb so nahegehen, weil wir durch die öffentlichen Videos auf eine unkontrollierbare Art und Weise nah dran sind. Wer von solchen Bildern überwältigt ist, sollte sich von diesen Videos und Bildern entweder ganz fernhalten oder sie nur zu regulierten Zeiten konsumieren.
Wie können wir uns generell besser gegen Ängste wappnen?
Einer der wichtigsten Faktoren für Resilienz ist soziale Unterstützung, also ein soziales Umfeld, das einen auffängt. Und: Es kann hilfreich sein, wenn sich Menschen, die ängstlich sind, auf Dinge fokussieren, die sie selbst beeinflussen können – wenn sie sich etwa einen sportlichen Erfolg oder eine wichtige Prüfung, die sie bestanden haben, vergegenwärtigen. Denn Angst ist dann stärker, wenn man sich als Person hilflos fühlt.
