International
Finnland

An Russland grenzende finnische Gemeinde Tohmajärvi wegen Krieg in Not

Die Grenzschliessung schürt die Befürchtung eines Arbeitskräftemangels in bestimmten Berufen.
Die Grenzschliessung schürt die Befürchtung eines Arbeitskräftemangels in bestimmten Berufen.
bild: afp

«Das Geld wird knapp»: Finnisches Dorf erstickt an Russlands Krieg

Seit der Schliessung der Grenze zu Russland herrscht in einem finnischen Dorf Stille. Verlassene Läden, Rekord-Arbeitslosigkeit, getrennte Familien: Die lokale Wirtschaft schwächelt, und die Bewohner befürchten, nicht mehr lange durchhalten zu können.
Cet article est également disponible en français. Lisez-le maintenant!
09.03.2026, 19:5009.03.2026, 19:50
Mathieu RABECHAULT, Tohmajärvi, Finnland / afp

Niemand passiert mehr. Die makellose Schneedecke vor dem Café Rajapysäkki und die mit Planen abgedeckten Zapfsäulen der angrenzenden Tankstelle zeugen vom Verschwinden jeglicher Aktivität rund um den Grenzübergang Niirala zwischen Finnland und Russland.

Die 1340 Kilometer lange Grenze, die diese beiden Länder und damit auch die Europäische Union und die Nato von russischem Territorium in dieser Ecke der Welt trennt, ist seit Ende 2023 geschlossen – eine Folge des gestiegenen Misstrauens, das Moskau seit dem Einmarsch in die Ukraine geschürt hat.

Übersetzung

Dieser Text wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Romandie geschrieben, wir haben ihn für euch übersetzt.

Doch was mehr Sorgen bereitet als die Bedrohung durch den mächtigen russischen Nachbarn, ist der wirtschaftliche Schaden der Abriegelung in dieser Region Nordkareliens, die fünf Autostunden von Helsinki entfernt liegt.

Früher habe es am Grenzübergang Niirala unter Umständen «fast zwei Millionen Grenzübertritte» pro Jahr gegeben, erinnert sich Mikko Löppönen, Bürgermeister der Gemeinde Tohmajärvi, einer 15 Kilometer entfernten Stadt mit 3900 Einwohnern.

«Jetzt gibt es keine mehr, und das hat sich unmittelbar auf die Unternehmen ausgewirkt, die sich nun in einer wirklich schwierigen Lage befinden.»

Da es seinen Reiz verloren hat und weitab von den Hauptstrassen liegt, habe das Dorf sich «stark verändert», beklagt der Bürgermeister. Er ist frustriert darüber, dass er die Installation von Windkraftanlagen – potenziellen Einnahmequellen für die Gemeinde – nicht genehmigen kann, «weil sie Radaranlagen und Grenzüberwachungssysteme stören».

Trotzdem werde diese Entscheidung von einer Bevölkerung, die weiterhin von der lokalen Geschichte geprägt sei, «nicht angefochten», versichert der schlaksige 42-jährige Sportlehrer, der seinen in Finnland obligatorischen Militärdienst abgeschlossen hat und bis zum Alter von 65 Jahren Reservist bleibt.

«Momentan sehr ruhig»

Der grösste Teil des finnischen Kareliens, heute eine russische Republik, wurde 1940 nach dem finnisch-sowjetischen Winterkrieg in die UdSSR eingegliedert. Finnland, das seine jahrzehntelange militärische Blockfreiheit mit dem Nato-Beitritt im April 2023 beendete, befürchtet, dass Russland die Ankunft von Migranten inszeniert, um das Land zu destabilisieren. Diesen Vorwurf erhebt Finnland bereits, seit im Herbst 2023 rund 1300 Migranten anreisten.

Zum Schutz der Bevölkerung schliesst das Land den Bau eines 200 Kilometer langen Zauns ab, der an strategischen Punkten wie Niirala mit Kameras und Bewegungsmeldern ausgestattet ist. Auf dem Patrouillenweg zwischen dem See und den zugefrorenen Feldern auf finnischer Seite und dem Birken- und Fichtenwald auf russischer Seite räumt der Grenzsoldat Ville Kuusela ein: «Momentan ist es an der Grenze sehr ruhig.» Er sehe hauptsächlich Elche, Bären oder neugierige Schaulustige, die sich näherten. Doch die lokale Wirtschaft leidet.

In den verschlafenen Strassen von Tohmajärvi kommen ein paar ältere Damen mit ihrem sogenannten Spark, einer Art Schneemobil, zum Supermarkt.

Rekord-Arbeitslosigkeit

Pilvi Pääskynen, Inhaberin des K-Market, erinnert sich an die russischen Kunden, die sich mit Instantkaffee und Käse eindeckten, während die Finnen die Grenze überquerten, um Benzin, Zigaretten oder Alkohol zu kaufen, was in Russland deutlich günstiger ist. «Wir waren das nächstgelegene Dorf und der nächstgelegene Laden zur Grenze; russische und finnische Touristen kamen regelmässig vorbei», erklärt die 35-Jährige.

Ein Stück weiter wirkt das Schaufenster des Tavaratori-Basars mit seinen kyrillischen und finnischen Schildern ziemlich trostlos. Diese zu ändern wäre «zu teuer», so der Geschäftsführer, der anonym bleiben möchte. Das Volumen der Verkäufe, die von Winterstiefeln bis zu Süssigkeiten reichen, habe sich halbiert. «Es ist hart.»

Finnland weist die höchste Arbeitslosenquote in der EU auf, laut Eurostat lag sie im Dezember bei 10,2 Prozent. In Tohmajärvi erreicht sie laut dem finnischen Amt für Statistik sogar 18,2 Prozent – ein Rekordwert, den auch andere Grenzgemeinden verzeichnen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Grenzschliessung und der Sanktionen gegen Russland seien deutlich geringer ausgefallen als befürchtet, analysiert Tomi Kristeri, Wirtschaftswissenschaftler am Finnischen Institut für Internationale Angelegenheiten (FIIA). «Allerdings gibt es regionale Gebiete und bestimmte Sektoren, die stärker betroffen sind», etwa den Tourismus und die Werkzeugmaschinen-Produktion, betont er.

Und die Grenzschliessung schürt trotz der Arbeitslosigkeit die Befürchtung eines Arbeitskräftemangels in bestimmten Branchen wie dem Bauwesen, der Gastronomie und dem Gesundheitswesen, in denen viele Russen tätig waren.

In Joensuu, der regionalen Hauptstadt, ist Esa Karvinen, Leiter des Berufsbildungszentrums Riveria in Nordkarelien, besorgt. «Kostenlose Ausbildung und die Aussicht auf einen Arbeitsplatz in Finnland waren für Russen sehr attraktive Faktoren», erklärt er. Im Jahr 2022 erhielt Riveria über 2000 Bewerbungen aus Russland.

«Letztes Jahr waren es weniger als 200.»

«Niemand will hier wohnen»

Alexander Kuznetsov und Anjelika Hovi, Mitglieder einer kleinen, alteingesessenen russischen Gemeinschaft in Tohmajärvi, beklagen diese düstere Lage ebenfalls. «Niemand will in Tohmajärvi wohnen, es gibt keine Arbeit», spottet der 41-jährige Hotelier Alexander.

Vor der Grenzschliessung waren die 14 Zimmer seines Minimotels, wo sich die Toiletten und Duschen im Treppenhaus befinden, alle je «zwei bis drei Tage pro Woche» belegt, versichert er.

«Die Leute konnten anhalten und ihre Fahrt fortsetzen – es war eine gute Zeit. Diesen Monat hatte ich erst acht Kunden.»

Die 51-jährige Pflegerin Anjelika sah zu, wie ihr älterer Bruder nach Joensuu ging, um dort als Baggerfahrer Arbeit zu suchen. Er wurde an die Grenze geschickt, um am Bau des Grenzzauns mitzuarbeiten.

Bei einer Tasse Kaffee beklagen beide, von einem Teil ihrer Familie abgeschnitten zu sein, der auf der russischen Seite in Sortavala, 60 Kilometer von der Grenze entfernt, geblieben ist. Alexander Kuznetsov besuchte sie früher einmal wöchentlich.

«Früher brauchte ich eine Stunde, um meine Frau und meine Mutter zu besuchen.»

Da die Grenze geschlossen ist, «habe ich meine Familie seit 15 Monaten nicht mehr gesehen». Um nach Sortavala zu gelangen, musste er einen langen Umweg über Narva in Estland fahren, wo ein Fussgängerübergang noch geöffnet ist. Das Ergebnis: 27 Stunden Reisezeit und mehrere Hundert Euro Ausgaben. «Wir versuchen, positiv zu bleiben. Die Situation ist, wie sie ist», sagt er philosophisch und wirft sein blondes Haar zurück.

«Aber ich weiss nicht, wie lange ich das noch durchhalten kann, denn das Geld wird knapp. Vielleicht sechs Monate, ein Jahr.»
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
4 Jahre Ukraine-Krieg in 52 Bildern
1 / 54
4 Jahre Ukraine-Krieg in 52 Bildern

Von ihrem Nachbarn überfallen, kämpft die Ukraine ums Überleben. In dieser Bildstrecke schauen wir auf die Ereignisse seit der Invasion Russlands zurück ...

quelle: keystone / bo amstrup
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Ganzes Interview: Ukrainischer Veteran Wolodymyr Ljach erzählt vom Leben an der russischen Grenze
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
6 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
B-Arche
09.03.2026 20:17registriert Februar 2016
Ich bin froh dass selbst in diesen schwierigen Situationen die Menschen dort nicht auf die Idee kommen 24h am Tag von "Frieden mit Russland", "Wir brauchen russisches Gas und Öl" zu singen und die Ukraine zur Kapitulation auffordern, wie es leider in Deutschland, Slovakei, Ungarn, etc der Fall ist.
242
Melden
Zum Kommentar
6
Human Rights Watch wirft Israel Einsatz von weissem Phosphor im Libanon vor
Human Rights Watch (HRW) hat Israel vorgeworfen, vergangene Woche bei einem Angriff auf ein Wohngebiet im Südlibanon verbotenerweise weissen Phosphor eingesetzt zu haben.
Zur Story