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Eine Siedlung verschwindet: Zwei betroffene Senioren erzählen

Susanne Haug sagt: «Das ist meine Heimat seit bald 60 Jahren! Sie zu verlassen, fühlt sich an, wie entwurzelt zu werden.»
Susanne Haug sagt: «Das ist meine Heimat seit bald 60 Jahren! Sie zu verlassen, fühlt sich an, wie entwurzelt zu werden.» montage: watson

Seniorin erhält nach 55 Jahren Wohnungskündigung – sie fühlt sich betrogen und machtlos

Dies ist eine Geschichte über eine Siedlung, die abgerissen wird. Aber auch eine Geschichte darüber, wie das Vertrauen in die Schweiz und ihr politisches System bröckeln kann – zwei Betroffene erzählen.
19.06.2023, 11:4115.12.2023, 09:53
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Wütend, betrogen und machtlos – so fühlen sich die zwei Bewohner der alten Küngenmatt-Siedlung im Heuried.

Wütend, weil man sie aus ihrem Zuhause vertreibe. Betrogen, weil sich Politikerinnen und Politiker nicht für sie einsetzen würden. Und machtlos, weil ihnen der Credit Suisse Immobilienfonds unantastbar erscheint.

Wohnungskündigung: «Fühlt sich an, wie entwurzelt zu werden»

Der CS-Immobilienfonds «Living Plus» plant seit mehreren Jahren ein neues Bauprojekt: Küngenmatt-Quartier.

Die Baueingabe ist für diesen August geplant, im Sommer 2028 sollten die ersten Mieter einziehen. In der Theorie scheint das Projekt zu funktionieren: Mehr Wohnraum für junge Familien, die 108 vorwiegend 2-Zimmerwohnungen würden mit 149 neuen ersetzt, 20 davon seien für Senioren konzipiert und das Projekt basiere auf einem nachhaltigen Baukonzept, das schreibt der CS-Immobilienfonds auf der Website.

Quelle: Datawrapper

Doch in der Praxis hat die Sache einen grossen Haken: Die jetzigen Bewohnerinnen und Bewohner der Mehrfamilienhäuser, die abgerissen werden sollen, müssen ausziehen. Diese leisten nun Widerstand. Sie sammeln Unterschriften für ihre Petition «Wir bleiben im Heuried» und sind der aktivistischen Gruppe «CS-Immobilien enteignen» beigetreten.

watson hat mit zwei Mietern gesprochen, die in der Küngenmatt-Siedlung wohnen: Susanne Haug (79) und Andrea Dignoes (66).

Möchte nicht ausziehen: Susanne Haug in ihrem Wohnzimmer.
Möchte nicht ausziehen: Susanne Haug in ihrem Wohnzimmer.Bild: Watson
«Im ersten Moment hoffte ich, dass ich bis zum Tag des Abrisses die Rüebli von unten sehe.»
Susanne Haug

Am 2. Mai 2022 erreichte Susanne Haug die Hiobsbotschaft – per 30. April 2025 muss sie ihr Zuhause verlassen. Wohin sie ziehen wird, das weiss sie bis jetzt noch nicht. Haug sagt: «Im ersten Moment hoffte ich, dass ich bis zum Tag des Abrisses die Rüebli von unten sehen werde. Das klingt hart, aber das war wirklich so.»

Seit 1968 wohnt Haug in der Siedlung, in ihrer aktuellen Wohnung seit 2004. «Das ist meine Heimat seit bald 60 Jahren! Sie zu verlassen, fühlt sich an, wie entwurzelt zu werden. Ich will nicht gehen», sagt die Rentnerin.

Für Haug kam die Kündigung völlig überraschend: «Die Häuser sind in einem guten Zustand. Vor 17 Jahren bekamen wir eine neue Küche und ein neues Bad. Das Haus wurde saniert und vor drei Jahren haben sie die alten Ölheizungen mit Gasheizungen ersetzt.»

Auch in puncto Nachhaltigkeit habe sich etwas getan: «Vor drei Jahren wurden ebenfalls Solarpanels auf den Dächern befestigt. Es ist darum völlig hirnverbrannt, dass man diese Häuser abreisst», beschwert sich Haug.

Entgegen der Meinung von Haug sieht der CS-Immobilienfonds Handlungsbedarf. Andreas Kern von der Credit Suisse Media Relations schreibt auf Anfrage von watson: «Einerseits ist die Liegenschaft über 80 Jahre alt und müsste in naher Zukunft umfassend saniert werden. Andererseits können auf der gleichen Fläche 41 zusätzliche Wohnungen geschaffen werden, was zur Linderung der Wohnungsnot in der Stadt Zürich beiträgt. Zudem wird der Neubau nach dem Minergiestandard erstellt und der ökologische Fussabdruck der Siedlung deutlich verbessert.»

Küche in gutem Zustand: Für die Mieterin Susanne Haug ist der Abriss nicht nachvollziehbar.
Küche in gutem Zustand: Für die Mieterin Susanne Haug ist der Abriss nicht nachvollziehbar.Bild: watson

Genauso bedrückt, aber weniger überrascht, war Haugs Nachbar Andrea Dignoes über die Kündigung. Er sagt zu watson, dass er davor einige Beobachtungen gemacht hatte, die ihn skeptisch werden liessen: «Immer wieder kamen Männer vorbei, die alles ausgemessen haben. Ich fand das merkwürdig. Sie sagten mir, dass sie die Bäume messen würden, das habe ich aber nicht geglaubt und dachte mir: ‹Hier geht irgendetwas.› Leider musste ich recht behalten.»

Misstrauen gegenüber dem Projekt

Der CS-Immobilienfonds schreibt, dass die aktuellen Mieterinnen und Mieter im Rahmen eines umfassenden Supportkonzepts mit diversen Massnahmen unterstützt würden. Dazu zählen: persönliche Beratung, Angebote für passende Ersatzwohnungen, verkürzte Kündigungsfristen und Vorrang für eine Mietwohnung im Neubau.

Haug jedoch sagt: «Unterstützung heisst für diese Menschen, dass sie uns immer und immer wieder anrufen und uns überzeugen wollen, doch eine Wohnung in dem Neubau zu mieten. Aber ich möchte das nicht.» Sie fügt an: «Ich bin alt, aber ich bin weder dumm noch dement.» Der CS-Immobilienfonds nahm zu dieser Aussage gegenüber watson keine Stellung.

«Ich gebe der CS doch nicht noch mehr Geld, die haben schon Milliarden.»
Susanne Haug

20 seniorengerechte Wohnungen sind geplant – das könnte doch eine Option sein für Haug und Dignoes, habe es geheissen. Doch die beiden fühlen sich schlecht informiert: «Man sagt uns nichts über die Grösse und den Preis der neuen Wohnung», beschwert sich Haug.

Die Antwort sei lediglich: zum «marktüblichen Mietpreis», worunter sich die zwei Pensionierten nicht viel vorstellen könnten. «Wir haben eine kleine Rente und die Miete wird sicher um ein Vielfaches teurer – wir können uns das schlicht nicht leisten», ist Dignoes überzeugt. Gegenüber watson kommuniziert der CS-Immobilienfonds ebenfalls keine genauen Mietpreise.

Gehört bald der Vergangenheit an: ein Badezimmer im Block, der bald abgerissen werden soll.
Gehört bald der Vergangenheit an: ein Badezimmer im Block, der bald abgerissen werden soll.watson

Haug ergänzt: «Selbst wenn diese Wohnungen toll und preiswert würden: Ich gebe der CS doch nicht noch mehr Geld, die haben schon Milliarden. Das ist jenseits von Gut und Böse.»

Das Ganze ist aber komplizierter: Vom Geld profitieren die Anleger des CS-Immobilienfonds, mehrheitlich Personalvorsorgeeinrichtungen. Diese wiederum sind auf Renditen angewiesen, um die Rente der Menschen in der Schweiz bezahlen zu können.

Andrea Dignoes ist gegen die Pläne der neuen Überbauung.
Andrea Dignoes ist gegen die Pläne der neuen Überbauung.Bild: watson

Verlorenes Vetrauen in die Politik

Für beide sei klar: Obwohl sie schon seit vielen Jahrzehnten in der Stadt Zürich leben, sehen sie, sollten ihre Wohnungen abgerissen werden, keine Zukunft mehr in der Stadt.

Das sei die Stadtregierung, die eine solche Politik vorantreibe, wirft Dignoes ein. Die beiden haben eine klare Haltung zu den verschiedenen Exponenten, die von der zunehmenden Gentrifizierung profitieren würde. Es ginge immer nur um die Rendite, so die beiden. Die Stimmung im Gespräch wird rauer – aber auch echter.

Laut den zwei Pensionierten sei nur eine volksnah und gebe denen, die nicht gehört würden, eine Stimme: die SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Sie wirkt auch in einem Video mit, welches auf der Website der Petition «Wir bleiben im Heuried» veröffentlicht wurde.

Ihr Name fällt im Gespräch mit den zwei Senioren auffällig oft. Sie ist nahezu eine Heldin für Dignoes: «Sie ist die Einzige, die uns unterstützt.»

Die Solarpanels auf dem Dach wurden vor rund drei Jahren installiert.
Die Solarpanels auf dem Dach wurden vor rund drei Jahren installiert. Bild: Watson

Haug ergänzt: «Frau Badran hat Rückgrat. Das ist eine von den wenigen Politikerinnen, die noch ehrlich ist und sagt, was Sache ist. Eine solche Person ist natürlich ungemütlich für die, die Profit schlagen wollen, aber in meinen Augen ist sie eine tolle Frau.»

Für Dignoes war der CS-Crash exemplarisch für das, was in der Schweizer Politik falsch laufe: «Wir sehen es immer wieder. Niemand will Verantwortung übernehmen. Was die PUK jetzt noch macht, ist völlig egal – es ist zu spät für alles.»

Er sagt weiter: «Die CS hat jahrelang eine Misswirtschaft betrieben, man hätte das doch alles schon viel früher herausfinden sollen. Diesem riesigen Konzern hilft man und spricht Milliarden von Franken und den kleinen Bürger vergisst man.»

küngenmatt projekt gentrifizierung
So soll die neue Küngenmatt-Siedlung aussehen.Bild: screenshot kuengenmatt.ch

Haug nickt zustimmend. Sie ergänzt: «Ich habe über 30 Jahre lang auf freiwilliger Basis als Sterbebegleiterin gearbeitet. Ich kann diese Politik und die Gier gewisser Menschen nicht verstehen. Mann kann nicht in zehn Häusern gleichzeitig wohnen oder mit zehn Autos gleichzeitig fahren und das Geld kann man am Schluss auch nicht essen – was soll also das Ganze?»

Sie sagt nachdenklich: «Die reichen Menschen hatten fast am meisten Mühe mit dem Sterben, denn sie mussten ihren irdischen Besitz abgeben. Auf dem Sterbebett fallen alle Masken – deshalb mussten sie da zum ersten Mal authentisch werden. Das versuche ich auch, diesen Menschen zu vermitteln, ob es ankommt, weiss ich nicht.»

In rund zwei Jahren wird Susanne Haug ihre Wohnung verlassen müssen.
In rund zwei Jahren wird Susanne Haug ihre Wohnung verlassen müssen.Bild: watson

Briefe als letzte Hoffnung

Haug hat noch eine Strategie, um den Abbruch ihres Zuhauses zu verhindern: Sie habe dem CS-Verwaltungsrat mehrere Briefe geschrieben – und zwar eingeschrieben. An den ehemaligen CS-CEO Ulrich Körner, der nun Mitglied der UBS-Konzernleitung ist, und den UBS-CEO Sergio Ermotti seien ebenfalls Briefe versendet worden und auch an den Gesamtbundesrat habe sie sich schon schriftlich gewendet.

Haug ist sich sicher: «Irgendwer wird sich noch bei mir melden und sich um unser Anliegen kümmern.» Haug hat eine weitere Idee: Sergio Ermotti solle die Überbauung an die Stadt oder eine gemeinnützige Organisation verkaufen, dann wäre er eine Altlast der CS los.

Dignoes steht Haugs Briefkorrespondenz skeptisch gegenüber, er sagt enttäuscht: «Die werden keine Stellung nehmen.»

Haug entgegnet: «Wart ab, ich habe doch gerade erst geschrieben. Du wirst das dann schon noch sehen.»

Desillusion: «Es geht immer nur um Geld und um Macht»

Dignoes wirkt desillusioniert. «Alles wird gentrifiziert und die Menschen werden vertrieben – aber niemand unternimmt etwas. Wir sind lange nicht die einzigen in der Stadt, die sich von existenziellen Ängsten bedroht sehen. Immer mehr und grösser und weiter wollen die Politiker. Aber niemand weiss, wohin. Und: Wir werden nicht einmal gefragt, ob wir das alles wollen», so Dignoes.

«Bei mir geht es auch um Geld und um Macht. Ich kann nicht hier bleiben, weil ich die Macht nicht habe und ich habe auch das Geld nicht.»
Andrea Dignoes

Dignoes zieht seine Schlüsse: «Es ist traurig, aber für mich ist keine Partei mehr wählbar.»

Haug stimmt zu: «Für mich auch nicht. Ich vertraue keiner Partei mehr. Es geht immer nur um Geld und um Macht.»

Dignoes entgegnet: «Bei mir geht es auch um Geld und um Macht. Ich kann nicht hier bleiben, weil ich die Macht nicht habe und ich habe auch das Geld nicht. Leider funktioniert dieses Prinzip in beide Richtungen – auch auf der Verliererseite.»

Die zwei Senioren diskutieren eine Weile weiter, über verschiedene Themen, einmal geht es um die Gleichstellung, um den ersten Frauenstreik, dann über eine Nachbarin und dann wieder darum, dass die Politik sie vergessen habe und es doch immer nur ums Geld ginge.

Haug schliesst das Gespräch mit einer finalen Bezugnahme auf die Endlichkeit des irdischen Lebens: «Diese Männer in ihren schicken Anzügen denken alle, dass sie unsterblich sind. Sie haben den Realitätsbezug verloren. Jeder CEO sollte als Sterbebegleiter einmal einem Menschen am Sterbebett beistehen, das würde ihre Ansicht ändern – da bin ich mir sicher.»

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Elefanten reissen illegale Siedlung in Indien ab
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Elefanten reissen illegale Siedlung in Indien ab
Elefanten als Bulldozer.
quelle: ap/ap / anupam nath
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360 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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El Gageli
19.06.2023 11:55registriert Januar 2014
Also verstehe ich das richtig? Es herrscht Wohnungsnot in der Stadt, die Bevölkerung wächst und niemand will aufs Land ziehen. Alte Wohnungen werden abgerissen, neue, bessere und mehr in der Anzahl werden gebaut. Die CS macht etwas, damit die alten Mieter eine neue Lösung finden? Und das ist alles schlecht, weil ein paar alte und langjährige Mieter nicht damit leben wollen? Solidarität geht halt wirklich oft nur in eine Richtung...
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Rikki-Tiki-Tavi
19.06.2023 11:58registriert April 2020
Für die Betroffenen eine schlimme Situation. Gerade wenn jemand das Leben dort verbracht hat sehr hart.Geht man einen Schritt zurück kann es wohl sinnvoll sein, hier neu zu bauen. Die Liegenschaft entspricht kaum den heutigen Ansprüchen an Isolation, Wärmedämmung etc., da dürfen die Solarpanels nicht darüber hinweg täuschen. Ob dann das Ganze danach noch bezahlbar ist, und nicht NUR ein Vorwand für Renditeoptimierung ist … schwer abzuschätzen. Aber tatsächlich ist das Thema vielschichtig, und nicht einfach nur „böse, geldgierige Eigentümerin“ - „liebe, arme Mieterschaft“.
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Auster N
19.06.2023 12:08registriert Januar 2022
Realitätscheck. Miete ist nicht 'meins'. Wenn der Besitzer was anderes machen will ist einfach Sense. Das sollte klar und logisch sein. Ganz egal ob nach 5 Wochen, 5 Jahren, 55 Jahren oder 150 Jahren, der Besitzer kann machen mit seinem Besitz was er will. Ende Geschichte.
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360
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