KI von Elon Musk beschimpft Keller-Sutter – Finanzdepartement erwägt Strafanzeige
Es ist der neuste Spass, den sich User der Plattform X ausgedacht haben. Sie fordern Grok, den KI-Chatbot von Elon Musk, zu sogenannten «Roasts» auf: Grok soll eine Person verbal derb, vulgär und beleidigend «grillieren».
Vom «Roast»-Trend auf X sind prominente Politiker betroffen wie Israels Premierminister Benjamin Netanyahu, Grossbritanniens Premierminister Keir Starmer, Polens Ministerpräsident Donald Tusk, US-Präsident Donald Trump und Grok-Besitzer Elon Musk selbst.
Am 10. März hat es auch eine Schweizer Politikerin erwischt: Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Es war der Schweizer Peter P.*, der Grok im Verlauf einer generellen «Roast»-Diskussion mit einem Prompt gezielt animierte: «Die Bundesrätin KKS, meine Lieblings-Tussi. Die aber ganz hart rannehmen, mit (...) Gassen-Slang.»
Das fand Grok witzig. «Haha, geht klar! Hier der (...) Gassen-Roast auf deine Lieblings-Tussi KKS», schrieb er. Und legte los. Mit vulgären Beschimpfungen. Mit beleidigenden Körper- und Charakterangriffen. Mit abwertender und sexualisierter Sprache.
«Ey du alte Bundes-Schlampe Karin Keller-Sutter», schrieb Grok etwa. Oder: «Deine Politik ist so verarscht wie dein Botox-Gesicht, du Tussi mit IQ wie ne leere Flasche. Stinkst nach Lügen, Machtgeilheit und Ausländer-Scheisse.» Die sexualisierten Begriffe von Groks Entgleisungen sind im Screenshot des Posts auf X verpixelt.
«Nicht schlecht!», lobte Peter P. Musks KI – und fragte: «Hat KKS einen eigenen Account? Dann wollen wir ihr diese Lobhudelei doch mal weiterleiten.» Als er realisierte, dass Keller-Sutter ihren X-Account nicht mehr bewirtschaftet, schrieb er: «KKS hat offenbar kalte Füsse bekommen.»
Am Tag darauf bekam Peter P. selber kalte Füsse. Er löschte seinen «Roast»-Prompt und auch die Antwort von Grok. Ihm muss bewusst geworden sein, dass er sich strafrechtlich auf dünnem Eis bewegt.
«Das ist mehr als nur künstliche Dummheit»
Schweizer Politiker reagieren entsetzt auf die Beschimpfungen von Grok. «Das ist mehr als nur künstliche Dummheit», sagt Grünen-Politiker Gerhard Andrey. «Es ist ein groteskes KI-Werkzeug, das wie ein Brandbeschleuniger die Gesellschaft aufpeitscht.» Andrey gehört zu den Initianten der Internet-Initiative. Sie will die Techkonzerne verantwortlich machen für die Inhalte ihrer Plattformen.
«Dieser Fall überrascht mich nicht», sagt auch Cédric Wermuth, Co-Präsident der SP. «Er gibt 1:1 die Stimmungslage wieder, die in der politischen Landschaft mit Donald Trump und der SVP immer stärker Einzug hält.» Auch die Hellebarde, welche die SVP gezielt einsetze, verkörpere Gewalt. Er selbst erhalte «zunehmend verachtende Äusserungen und Gewaltandrohungen bis hin zu Morddrohungen», sagt Wermuth. «Und ich muss auf Facebook viel mehr löschen als je zuvor.»
Am deutlichsten reagiert Susanne Vincenz-Stauffacher, die Co-Präsidentin der FDP. Sie ist Anwältin und hat Groks Post mit Parteikollegin Keller-Sutter persönlich besprochen. «Solche Widerlichkeiten verdienen eigentlich keine Reaktion», sagt sie. «Ausser Mitgefühl mit jeder und jedem, der so etwas über sich ergehen lassen muss.»
Dieses Beispiel weise aber auf eine «grössere Diskussion» hin, betont Vincenz-Stauffacher. «Es handelt sich offenkundig um eine sexistische Beleidigung der hässlichsten und vulgärsten Sorte. Dagegen kann strafrechtlich vorgegangen werden.»
Die Frage sei, wer dafür geradestehen müsse. Vincenz-Stauffacher: «Ist es die Person, die den Prompt geschrieben hat? Ist es der Betreiber der KI? Ist es der Betreiber der Plattform?» Für die FDP-Politikerin ist klar: «Diese Fragen müssen wir klären. Besonders als Liberale. Der Rechtsstaat muss gelten. Auch im digitalen Raum.»
Die pikante politische Note
Die Beschimpfungen von Keller-Sutter haben eine pikante politische Note, auch wenn ein Schweizer den Prompt geschrieben hat. Der KI-Chatbot Grok stammt aus Elon Musks Unternehmen xAI. Aktiv ist er auf Musks Plattform X. Musk selbst hat einen sehr engen Draht zu US-Präsident Donald Trump. Dieser wiederum hat Keller-Sutter bei den Strafzöllen mehrfach öffentlich beleidigt und verbal herabgesetzt.
Während andere KI-Systeme wie ChatGPT keine Inhalte erzeugen dürfen, die Menschen beleidigen, diffamieren, sexuell erniedrigen, gezielt lächerlich machen oder mobben, hat Elon Musk seinen KI-Chatbot Grok sogar dann verteidigt, als er selbst Opfer von Beleidigungen wurde. «Nur Grok spricht die Wahrheit», schrieb er auf X. «Nur wahrheitsgetreue KI ist sicher. Nur die Wahrheit versteht das Universum.»
In diversen Staaten beurteilt man das anders. In England, Frankreich und in der EU laufen zurzeit Untersuchungen gegen Grok und X. Und die britische Regierung verurteilte Grok-Inhalte öffentlich als «krankhaft und unverantwortlich».
Weshalb kommuniziert die Schweiz noch auf X?
Schweizer Politiker fragen sich, weshalb die Schweiz ihre offiziellen Verlautbarungen noch immer über Musks Plattform publiziert. «Es ist nicht mehr haltbar, dass der Bundesrat und das Parlament politisch auf X kommunizieren», sagt SP-Co-Präsident Wermuth. Nationalrat Andrey von den Grünen hält fest: «X ist zur Schmuddelecke verkommen, mit welcher Musk und Co. Europa spalten wollen. Ich verstehe deshalb überhaupt nicht, weshalb der Bundesrat diesen Kanal als Primärkanal für seine Kommunikation nutzt.»
Zurzeit verfügen neben der Bundesratssprecherin, verschiedenen Departementen, Bundesämtern und dem Parlament fünf von sieben Bundesratsmitgliedern über Profile auf X: Elisabeth Baume-Schneider, Ignazio Cassis, Beat Jans, Karin Keller-Sutter und Bundespräsident Guy Parmelin. Die Profile von Baume-Schneider, Jans und Keller-Sutter sind nicht mehr aktiv. Baume-Schneider hatte schon im Oktober 2024 festgehalten: «X hat sich grundlegend verändert. Diese Plattform entspricht nicht der Diskussionskultur, an der ich teilhaben möchte.»
Die Bundeskanzlei betont, sie wolle für die Kommunikation des Bundespräsidenten, des Gesamtbundesrates und einiger Departemente und Ämter «bis auf Weiteres» an der Plattform X festhalten. Weil den Inhalten viele Interessierte, Politikerinnen und Politiker und Medienschaffende folgten. Vor allem aber, weil sie der wichtigste Social-Media-Kanal für die internationale Regierungskommunikation sei.
Wie Bundesrätin Keller-Sutter selbst reagiert
Was sagt die betroffene Finanzministerin selbst? «Bundesrätin Karin Keller-Sutter lässt eine Strafanzeige gegen den Urheber dieses Beitrags wegen Beschimpfung prüfen», schreibt das Finanzdepartement. «Der Verbreitung solcher sexistischer Texte muss eine Grenze gesetzt werden, zumal es hier in keiner Weise um die Meinungsäusserungsfreiheit oder eine politische Auseinandersetzung geht.»
*Peter P. ist ein Pseudonym. Der Name des X-Accounts, der den Prompt zu Keller-Sutter machte, ist CH Media bekannt. (bzbasel.ch)
