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Atom-Streit: 9 Angst-Argumente der Gegner und Befürworter im Faktencheck

Am 27. November stimmt das Schweizervolk über die Atomausstiegs-Initiative ab. Sowohl Befürworter als auch Gegner fahren eine Angstkampagne. Doch wer hat recht? Ein Faktencheck.



Nach der Nuklearkatastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima hat die Schweiz 2011 beschlossen, aus der Atomenergie auszusteigen. Mit der vom Bundesrat ausgearbeiteten Energiestrategie 2050 wurde festgelegt, dass keine neuen Atomkraftwerke mehr gebaut werden. Die Atomausstiegsinitiative der Grünen will nun, dass auch die bestehenden fünf Atomkraftwerke bis 2029 vom Netz genommen und abgebaut werden. 

Die Abstimmung ist für den 27. November angesetzt, der Abstimmungskampf ist lanciert. «Zu teuer, unvernünftig und übereilt!», beurteilen die Gegner die Initiative. «Der logische Schritt in der Energiewende», meinen die Befürworter. Welche Argumente Hand und Fuss haben, siehst du, wenn du auf das Bild klickst:

Gegner: «Der Betrieb der AKWs ist sicher»

Bild: KEYSTONE

Die Sicherheit von Atomkraftwerken zu messen, gestaltet sich schwierig. Die Kraftwerke dürften zu den am besten geschützten Gebäuden der Schweiz gehören. Sie sind, zumindest theoretisch, gegen extreme Wetterbedingungen und Flugzeugabstürze gewappnet. Das sogenannte «Restrisiko» aber bleibt. 

Dass das Risiko in der Schweiz kleiner sein soll als zum Beispiel in Japan, lässt sich nicht belegen. Schweizer Atomkraftwerke und Experimentalreaktoren waren in der Vergangenheit ebenso von Zwischenfällen und Kernschmelzen betroffen wie japanische.

Zu den grössten Unglücken gehört die Kernschmelze im Versuchsreaktor in Lucens von 1969. In der internationalen Bewertungsskala nukleare Ereignisse fiel der Zwischenfall in die Kategorie «Schwerer Unfall». Er gehört zusammen mit Tschernobyl, Fukushima und dem Kyschtym-Unfall zu den schlimmsten Kernschmelzen in der Geschichte der Atomforschung.

Auch in der neueren Zeit kam es in Schweizer Atomkraftwerken zu Störfällen. In Leibstadt jeweils 2010 und 2014. Auch das Kernkraftwerk Mühleberg machte in jüngster Vergangenheit mit Sicherheitsmängel auf sich aufmerksam. Die BKW, die Betreiberfirma des AKWs, hat bei der Atomaufsichtsbehörde 2015 ein Stilllegungsgesuch eingereicht und wird das Kraftwerk voraussichtlich 2019 vom Netz nehmen.

Befürworter: «Schweizer AKWs sind die ältesten der Welt und deshalb unsicher»

Bild: KEYSTONE

Dass die Schweizer Kernkraftwerke zu den ältesten der Welt gehören, stimmt. Der Reaktorblock Beznau I ist der am längsten betriebene Reaktor der Welt. Aber: In der Schweiz gibt es keine gesetzlich fixierten Laufzeitbeschränkungen für Kernkraftwerke. Sie dürfen betrieben werden, solange sie die neuesten Sicherheitsstandarte erfüllen.

Die Betreiber müssen ihre Sicherheitsmassnahmen also stets modernsten Standards anpassen. Der Schluss, die Schweizer Reaktoren seien die unsichersten, weil sie die ältesten seien, ist also ungerechtfertigt.

Gegner: «Der Ausstieg aus der Atomenergie wird für die Schweiz immense Kosten verursachen»

Bild: KEYSTONE

Der Ausstieg aus der Atomenergie ist unbestreitbar kein einfaches Unterfangen. Deutschland hat nach 2011 begonnen, seine Atomkraftwerke abzuschalten und abzubauen. Doch wohin mit den kontaminierten Materialen? Und wer bezahlt die anfallenden Kosten? All dies müsste der Bund im Falle einer Annahme der Initiative mit den Kraftwerkbetreibern aushandeln. In Deutschland liegt die finanzielle Verantwortung für den Ausstieg bisher alleine bei den Unternehmen. 

Viele Politiker befürchten aber, dass bei einem frühzeitigen Ausstieg aus der Atomenergie Klagen in Milliardenhöhe auf den Bund zukommen könnten, wie dies gerade in Deutschland geschieht. Dort hat der Energiekonzern Vattenfall die deutsche Bundesrepublik auf fünf Milliarden Euro Schadensersatz verklagt, weil diese die Atomkraftwerke nach 2011 vom Netz genommen hatte. 2017 soll über die Klage entschieden werden. 

Ob der Bund die fünf bestehenden AKWs ohne Rücksprache mit den Betreibern einfach abschalten würde, ist zweifelhaft. Man würde wohl kaum die gleichen Fehler wie in Deutschland wiederholen. Sollte es dennoch zu einer Klage kommen, wäre es weiter fraglich, ob dieser auch stattgegeben wird. Solche Annahmen sind also höchst spekulativ. 

Gegner: «Mit dem Atomausstieg gehen Arbeitsplätze verloren»

Bild: KEYSTONE

Wenn es keine Atomkraftwerke mehr gibt, braucht es auch niemanden mehr, der sie bedient. Daher bedeutet der Atomausstieg den Verlust von Arbeitsplätzen. Eine Studie von 2003, die im Auftrag des Bundesamtes für Energie erstellt wurde, beziffert den Arbeitsplatzverlust auf 3500 Stellen. 

Befürworter: «Mit dem Atomausstieg werden neue Arbeitsplätze geschaffen»

Bild: KEYSTONE

Sowohl der Abbau der Atomkraftwerke, wie auch der Ausbau der erneuerbaren Energiequellen würden hingegen Arbeitsplätze schaffen. Ob ein Ausstieg aus der Atomenergie also zu einer Erhöhung der Arbeitslosenquote führen würde, ist mehr als fraglich.

Befürworter: «Wir können einfach den Export von Strom einstellen, dann brauchen wir keine AKWs mehr»

Bild: KEYSTONE

Die Initiative sieht vor, dass Beznau I und II sowie Mühleberg 2017 abgeschaltet werden. Gösgen ginge 2024 vom Netz, Leibstadt schliesslich 2029. Zusammen erbrachten die Reaktoren letztes Jahr 22'095 Gigawattstunden (GWh). Das entspricht etwa den Schweizer Energieexporten nach Italien (23'000 GWh) von 2015. 

Wir importieren aber gleichviel Strom aus dem Ausland, der grösste Teil aus Frankreich (14'000 GWh). Die Schweiz ist die Energiedrehscheibe Europas. Der Export nach Italien kann also nicht einfach eingestellt werden. 

Gegner: «Wenn wir die Initiative annehmen, gehen die Lichter aus»

Bild: KEYSTONE

Die Energie, die bisher aus Atomkraftwerken stammte, wird durch andere Energiequellen ersetzt. So steht es auch in der Energiestrategie 2050. Das Atomkraftwerk Mühleberg wurde wegen Sicherheitsmängeln über längere Zeit ausgeschaltet und die benötigte Energie konnte trotzdem geliefert werden. Es wird auch bei einer Annahme der Initiative kein Atomkraftwerk vom Netz genommen, wenn der Schweiz dadurch ein Blackout drohte. 

Gegner: «Wir würden unsere Unabhängigkeit verlieren»

Bild: KEYSTONE

Die Schweiz ist wie in Punkt sieben bereits beschrieben, die Drehscheibe auf dem europäischen Energiemarkt. Wir exportieren nach Italien und Importieren aus Deutschland. Im Winter benötigen wir aber mehr Strom, als wir produzieren können. Im Sommer genau umgekehrt. In dieser Hinsicht sind wir also bereits Abhängig vom Ausland.

Weiter muss das Uran, dass für die Energiegewinnung in Atomkraftwerken benötigt wird, ebenfalls restlos aus dem Ausland importiert werden. Von einem generellen Unabhängigkeitsverlust durch den Atomausstieg kann also keine Rede sein.

Bild

Die Drehscheibe des europäischen Energiemarktes. grafik: Bundesamt für energie

Gegner: «Mit dem Atomausstieg können wir die Klimaziele vergessen»

Bild: KEYSTONE

Die Gegner befürchten, dass mit dem Fehlen von Atomkraftwerken auf CO2-Schleudern wie Kohlekraftwerken umdisponiert werden muss. Deutschland aber hat in den letzten Jahren gezeigt, dass die Atomenergie durch erneuerbare Energien ersetzt werden kann.

Von 2011 bis 2015 verringerte Deutschland den Anteil der Kernenergie von 22,5 auf 15,5 Prozent. Gleichzeitig stieg der Anteil der erneuerbaren Energien von 12,4 auf 20 Prozent. Der Anteil der konventionellen thermischen Kraftwerken (also Gas, Kohle, etc.) ist auf hohem Niveau konstant geblieben.

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Der Energiemix europäischer Länder von 2011. grafik: bundesamt für energie

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Der Energiemix europäischer Länder von 2015. grafik: bundesamt für energie

Und: Im Unterschied zur Schweiz ist in Deutschland das Potential der Wasserkraft deutlich geringer. 

Die Atomkraftwerke der Schweiz:

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akw
quelle: keystone / gaetan bally
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