Schweiz
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ETH Marcella Carollo

Aussage gegen Aussage: Die ehemalige Astronomie-Professorin Marcella Carollo. Bild: montage: watson / material: keystone, wikipedia

Der Fall der geschassten ETH-Professorin Carollo – in 5 Akten

Zum ersten Mal in ihrer 164-jährigen Geschichte hat die ETH eine Professorin entlassen – wegen Mobbing-Vorwürfen. Die ganze Geschichte zum Nachlesen.



1. Akt: Die Vorwürfe

Anfang 2017 kontaktiert eine ETH-Doktorandin die damalige Ombudsperson der Hochschule. Sie und weitere Doktoranden richten schwere Vorwürfe an die Adresse ihrer Astronomie-Professorin Marcella Carollo. Diese reichen von Führungsschwäche über respektloses Verhalten bis zu Diskriminierung von Mitarbeitenden.

Über Jahre soll Carollo Doktoranden schikaniert haben. Oftmals soll sie einen abfälligen Ton an den Tag gelegt haben, auffallend häufig gegenüber Frauen.

Ein Doktorand erzählt im «Tages-Anzeiger»: «Sie tippte mir auf die Stirn und sagte, dass mein Gehirn zu klein für die Inhaltsaufnahme sei.» Laut einer weiteren Doktorandin hat Carollo Frauen aufgefordert, weniger Zeit für Make-up und mehr für die Forschung zu verwenden. Die Zeitung schreibt weiter, Carollo könne sich nicht daran erinnern, solche Äusserungen gemacht zu haben.

Der Ombudsmann zeigt sich erschrocken und wird aktiv, indem er weitere aktuelle und ehemalige Doktorierende von Carollo kontaktiert. Das zeigen Recherchen des Online-Magazins «Republik», welches den Fall aufarbeitete.

Im gleichen Zeitraum ist Carollo offenbar mit der Leistung der zuerst genannten Doktorandin nicht zufrieden und plant, das Betreuungsverhältnis niederzulegen. Das tut sie dann auch Ende Januar 2017.

2. Akt: Das unfreiwillige Sabbatical

Marcella Carollo

Marcella Corollo. Bild: eth

Im Frühjahr 2017 wendet sich die Ombudstelle der ETH mit einem ausführlichen Bericht an ETH-Präsident Lino Guzzella. Marcella Carollo kritisiert, die Schilderungen der Doktoranden seien darin nicht auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft worden.

Die Schulleitung ergreift Massnahmen: Sie schliesst das Institut für Astronomie und schickt Carollo sowie ihren Ehemann Simon Lilly, ehemaliger Departements­chef, in ein Sabbatical – mit der Aussicht auf Rückkehr an die Hochschule. Schlichtungs­versuche gibt es laut der «Republik» keine.

Im Herbst 2017 kommt der ETH-Rat zum Schluss, dass die gegen Carollo erhobenen Vorwürfe am ehemaligen Institut für Astronomie näher untersucht werden müssen. Die ETH gibt eine Administrativuntersuchung bei einem unabhängigen Experten in Auftrag. Die Nachricht von den Mobbing-Vorwürfen an der renommiertesten Schule verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

3. Akt: Das ambivalente Fazit

In dem Fazit der Untersuchung heisst es, Carollo habe eine Komplott-Theorie entworfen. Sie sehe sich als Opfer einer Rufmordkampagne, mit der gescheiterte Doktorandinnen und Doktoranden sie diskreditieren wollten. Auch der damalige Ombudsmann sei in die Kampagne gegen sie involviert.

Laut der Untersuchung überzeugt diese Theorie nicht. «Das Fehlverhalten von Professorin Carollo reicht viel weiter zurück und ist aufgrund der Bemühungen einer Doktorandin nunmehr ans Tageslicht gekommen», zitiert der «Tages-Anzeiger» aus dem Bericht der Untersuchung. Inhaltlich hält die Kommission eine Kündigung deshalb für gerechtfertigt.

Doch sie hält ebenfalls fest, dass eine Entlassung juristisch wohl nicht gerechtfertigt sei. Die Professorin sei erst spät verwarnt worden und habe dadurch keine Möglichkeit gehabt, ihr Verhalten anzupassen.

Carollo bemängelt indes, dass sie keine Einsicht in die Akten erhalten hat. Sie kenne den genauen Wortlaut der Anschuldigungen nicht. Man verberge vor ihr, was konkret gegen sie vorliege, und nehme ihr so die Möglichkeit, sich zu verteidigen.

4. Die Unterstützerin

ETH-Präsident Joël Mesot hat dafür kein Gehör. Er beantragt diesen Frühling beim ETH-Rat die Entlassung der Professorin.

Als dies bekannt wird, spring Carollos Kollegin, die Physikprofessorin Ursula Keller, ihr zur Seite. In einem Interview mit der «Republik» äussert Keller harsche Kritik am Entscheid.

Sie spricht ausserdem von Führungsmängeln an der ETH, Sexismus und Korruption; es habe zu viele Ungereimtheiten gegeben, als dass man ihre Kollegin mit gutem Gewissen habe entlassen können. «Mit einem männlichen Professor wäre man anders umgesprungen», so Keller.

5. Akt: Die historische Entlassung

THEMENBILD ZUR ENTLASSUNG DER PROFESSORIN MARCELLA CAROLLO AN DER ETH --- The main building of the Swiss Federal Institute of Technology, ETH, in Zurich, Switzerland, on June 28, 2018. (KEYSTONE/Christian Beutler)

Bild: KEYSTONE

Carollo erhält definitv den blauen Brief. Am Montag teilt das zehnköpfige ETH-Gremium mit, es habe entschieden, dem Antrag der Schulleitung zu folgen. Es ist das erste Mal in der 164-jährigen Geschichte der Hochschule, dass diese einen Professor oder eine Professorin entlässt.

Man habe der Professorin das rechtliche Gehör gewährt und dabei ihre Stellungnahmen sowie auch alle früheren Stellungnahmen und Untersuchungen eingehend gewürdigt, schreibt der ETH-Rat. Nach ausführlicher Diskussion sei der Rat aber an der Sitzung vom 10./11. Juli zum Schluss gekommen, dem Entlassungsantrag zu folgen.

Der Rat hält die Vorwürfe gegen Carollo für gerechtfertigt. Das Fehlverhalten sei mit den Erwartungen an die Betreuung von Doktorierenden und der Kultur der Hochschule nicht vereinbar.

Carollo selbst wolle derzeit keine Stellung beziehen, lässt ihr Anwalt Martin Farner auf Anfrage verlauten. Doch sie will den Entscheid nicht auf sich sitzen lassen; Farner prüft momentan eine Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht.

Der Fall hat bereits jetzt Konsequenzen an der Hochschule. Die Doktoranden der ETH werden künftig von mindestens zwei Personen betreut. Zudem wurden ein Case-Manager eingestellt sowie die Ombudsstelle und die Anzahl der Vertrauenspersonen aufgestockt.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
13Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Bert der Geologe 17.07.2019 11:53
    Highlight Highlight Der Artikel ist schon ok, aber ist das wirklich ein Thema, das viele Leser beschäftigt? Die meisten sind, wie ich weder betroffen, noch kennen sie die Details, noch interessieren sie sich dafür. Mir schleierhaft, weshalb das so eine grosse Medienpräsenz auslöst. Einen wirklich krassen Skandal kann ich jedenfalls nicht erkennen, nur zwischenmenschliche Probleme und somit Alltagskram.
    • Bert der Geologe 17.07.2019 18:34
      Highlight Highlight @Presidents: was hat das nun mit Bünzlitum zu tun, wenn ich kun tue, dass man mich über die Zustände im astronomischen Elfenbeinturm nicht informieren muss? Zumal das Thema ja offenbar geregelt wurde. Oder findest du, wie ich, dass die ganze Geschichte etwas bünzliges an sich hat?
  • stadtzuercher 17.07.2019 08:36
    Highlight Highlight Andere Zeitungen erwähnten noch, dass die Vorwürfe der Doktorierenden bis 15 Jahre zurück gingen, d.h. über viele Jahre immer wieder Vorwürfe gegen die Professorin an die ETH gerichtet wurden.
  • Sven Wittibschlager 17.07.2019 05:36
    Highlight Highlight Dieser Beitrag wurde gelöscht. Bitte formuliere deine Kritik sachlich und beachte die Kommentarregeln.
    • Alju 17.07.2019 09:02
      Highlight Highlight Der Kommentar, auf den du Bezug nimmst, wurde bereits entfernt.
  • cada momento 17.07.2019 01:28
    Highlight Highlight Danke für die Zusammenfassung.
    Dass in 164 Jahren kein einziger Professor und keine Professorin entlassen werden musste, übertrifft sogar die Unfehlbarkeit der katholischen Kirche. 😇
    • henkos 17.07.2019 07:03
      Highlight Highlight Nur weil kein Fall an die Öffentlichkeit kam, bedeutet es nicht, dass es diese nicht gab und gibt.
    • Sam1984 17.07.2019 07:31
      Highlight Highlight Das liegt eher daran, dass in den letzten 164 Jahren fehlbare Professoren/-innen gegangen sind als man Ihnen dies nahegelegt hat, damit Sie nicht entlassen werden mussten.
  • TheBean 16.07.2019 23:02
    Highlight Highlight Die ganzen Mängel bei der Untersuchung des Falles, die durch die Republik aufgezeigt wurden, werden nicht erwähnt? Ursula Keller hat recht, es gibt zu viele Ungereimtheiten für eine Entlassung. An der ETH werden Machtspiele gespielt und jetzt hats ein Bauernopfer erwischt...
    • Mosto 17.07.2019 07:57
      Highlight Highlight Die Republik hat höchstens aufgezeigt, wie man einen höchst einseitigen Bericht verfassen kann.
    • Mantrax 17.07.2019 11:07
      Highlight Highlight The Bean: bezweifelst Du die Vorwürfe oder kritisierst Du einzig die Formalitäten der Untersuchung? Es entbehrt übrigens nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Urusla Keller sich so für die Beschuldigte wehrte. Immerhin zirkulierten von Ihr Departments-Übergreifend absolut unmögliche Geschichten. Falls nur ein Teil davon stimmte, hat sie alles Interesse daran dass Professoren eine gewisse Immunität geniessen.
  • Judge Dredd 16.07.2019 22:39
    Highlight Highlight Danke für diese m.E. nicht wertende Zusammenfassung. Sachlichkeit bringt hier sicher mehr als Vermutungen oder gar Polemik.
  • Mantrax 16.07.2019 21:12
    Highlight Highlight Gute Zusammenstellung. Aus meiner Sicht (einige Jahre an der ETH verbracht) ein absolut richtiger Schritt. Die Frage sollte nicht sein, was Frau Carollo denn mehr gemacht hätte als andere fehlbare Professoren in der Vergangenheit. Die Frage müsste sein, warum gewisses Verhalten über Jahrzehnte gedulded wurde. Hoffentlich schränkt dies die gröbsten Ausschweifungen in dem völligen Abhängigskeitsverhältnis der Doktorarbeiten ein. Weltklasse Wissenschaft ist mit harter Arbeit auch unter anständigen Bedingungen und ohne Mobbing und Psychospielchen möglich.

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