Jacques Moretti in U-Haft: Das willst du jetzt wissen
Jacques Moretti sitzt in Untersuchungshaft. Gegen den Betreiber der Bar Le Constellation, in dem es in der Nacht auf den 1. Januar 2026 zur Brandkatastrophe kam, ermittelt die Walliser Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung.
Das Zwangsmassnahmengericht des Kantons hat am Montag die von der Staatsanwaltschaft beantragte U-Haft bestätigt. Was heisst das genau? watson klärt die wichtigsten Punkte.
Was braucht es, damit in der Schweiz jemand in U-Haft gesetzt werden darf?
«Die Untersuchungshaft gehört zu den einschneidendsten strafprozessualen Massnahmen», sagt Christopher Geth, Professor für Strafrecht an der Universität Basel gegenüber watson. Deshalb sieht die Schweizerische Strafprozessordnung auch hohe Hürden vor.
Erstens muss der Verdacht auf ein Verbrechen oder Vergehen gerichtet sein; wegen einer Übertretung, zum Beispiel einer Parkbusse oder Beschimpfung, darf niemand in Untersuchungshaft genommen werden.
Zweitens braucht es einen dringenden Tatverdacht. «Das bedeutet, dass konkrete Anhaltspunkte dafür vorliegen müssen, dass die verhaftete Person die vorgeworfene Straftat begangen hat und deshalb eine erhebliche Wahrscheinlichkeit für eine Verurteilung besteht,» sagt Geth. Drittens müssen besondere Haftgründe vorliegen.
Im Wesentlichen kennt das Gesetz als Haftgründe die Kollusions-, die Flucht- und die Wiederholungsgefahr. Kollusionsgefahr heisst, dass ein Verdächtiger versuchen könnte, Beweise verschwinden zu lassen und Zusammenhänge zu verwischen. Man spricht auch von der Verdunkelungsgefahr.
Wie begründet das Walliser Massnahmengericht die U-Haft für Jacques Moretti?
Sehr karg. In einer kurzen Mitteilung hat das Gericht lediglich begründet, dass für den Barbetreiber Fluchtgefahr bestehe.
Das sei auch der einzige Haftgrund gewesen, den die Staatsanwaltschaft geltend gemacht habe. Ein Umstand, den Strafrechtsexperte Alain Macaluso in der NZZ scharf kritisiert: «Meiner Meinung nach war und ist die Frage der Kollusionsgefahr zentral in diesem Fall.»
Da die Staatsanwaltschaft aber nicht beantragt hat, Moretti wegen Verdunkelungsgefahr in U-Haft zu nehmen, kann das Gericht diesen Punkt nicht berücksichtigen. Mit der Konsequenz, dass es für Moretti einfacher werden könnte, die U-Haft wieder zu verlassen.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Morettis U-Haft aufgehoben wird?
Zumindest stellt das Gericht die Möglichkeit in Aussicht – nämlich dann, wenn Moretti eine Kaution hinterlegen sollte. Bei der Kaution handelt es sich um eine Ersatzmassnahme zur Untersuchungshaft, erklärt Strafrechtsexperte Geth: «Die Ersatzmassnahmen stellen im Vergleich zur Untersuchungshaft mildere Mittel dar. Sie werden dann eingesetzt, wenn durch sie ein Haftgrund, zum Beispiel die Fluchtgefahr, gebannt werden kann.»
Das heisst: Wenn eine Kaution verhindern kann, dass Jacques Moretti ins Ausland flieht, hat sie den gleichen Effekt wie die U-Haft – und ist ihr, da sie die Grundrechte weniger einschränkt, vorzuziehen.
Bei welchem Betrag liegt die Kaution im Fall von Moretti?
Das kommuniziert das Zwangsmassenahmengericht des Kantons Wallis auf Nachfrage von watson nicht. Auch das Gesetz bleibt dazu vage, dort heisst es nur: «Die Höhe der Sicherheitsleistung bemisst sich nach der Schwere der Taten, die der beschuldigten Person vorgeworfen werden, und nach ihren persönlichen Verhältnissen.»
Geth sagt, die Höhe der Kaution liege im Ermessen des Gerichts und müsse dem Einzelfall Rechnung tragen. «Es geht dabei darum zu erreichen, dass eine Person sich dem Verfahren stellt.» Oder anders ausgedrückt: Die Kaution muss so hoch ausfallen, dass Moretti nicht auf die Idee kommt, ins Ausland zu fliehen. Zum Beispiel nach Frankreich, sein Heimatland.
Warum muss Jacques Moretti in Untersuchungshaft, seine Frau Jessica Moretti aber nicht?
Eine Beurteilung der Haftgründe muss immer individuell erfolgen. «Darauf zu schliessen, dass für Jessica Moretti ebenfalls Fluchtgefahr besteht, nur weil diese für ihren Mann festgestellt wurde, wäre rechtlich heikel.»
Jessica Moretti spricht erstmals zu den Medien:
Die Walliser Justiz schätzt die Fluchtgefahr bei Jessica Moretti geringer ein. Sie führt dafür ihren «persönlichen Werdegang» und die «sozialen Bindungen» ins Feld. Inwieweit sich ihr Werdegang und ihre Bindungen von denen ihres Mannes unterscheiden, beantwortete das Gericht auf Anfrage von watson nicht.
Wie steht die Schweizer U-Haft im internationalen Vergleich da?
Die Schweizer Untersuchungshaft gilt als ausserordentlich streng. Eine Besonderheit besteht darin, dass sie zeitlich kaum begrenzt ist. Zu Beginn kann sie höchstens für drei Monate ausgesprochen werden.
Danach kann die Staatsanwaltschaft die Verlängerung der Haft für drei und in Ausnahmefällen auch sechs Monate immer wieder aufs Neue beantragen. Eine Grenze zieht das Gesetz nur bei der Höhe der zu erwartenden Strafe: «Diese Regelung steht in Konflikt mit der Unschuldsvermutung. Denn es kann ja sein, dass eine Person in U-Haft sitzt, die später rechtskräftig freigesprochen wird.», sagt Geth.
Zwar gibt es in einem solchen Fall die Möglichkeit von Entschädigungen, aber: «Die Kollateralschäden bei der Untersuchungshaft sind immens. Sie reichen von Jobverlust über den Verlust von persönlichen Beziehungen bis hin zu gesundheitlichen Folgen».
Der Europarat hat die Schweiz in der Vergangenheit wiederholt für ihren Umgang mit der Untersuchungshaft kritisiert. Er kritisiert nicht nur, dass die U-Haft theoretisch unbeschränkt ist. Sondern auch, dass Verdächtige in U-Haft teils bis zu 23 Stunden in ihrer Zelle verbringen müssen und ihr Kontakt zur Aussenwelt stark eingeschränkt ist.
Die Schweiz hat gemessen an allen Inhaftierten europaweit die höchste Quote an Personen in U-Haft. Die Suizidrate liegt in Schweizer U-Haft viermal höher als im europäischen Durchschnitt.
