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«Nur schon 5000 Flüchtlinge würden die Schweiz herausfordern», meint Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe.  bild: zvg

Interview mit Schweizer Flüchtlingshilfe

«Für 100'000 Flüchtlinge gibt es in der Schweiz unmöglich innerhalb kurzer Zeit Platz»

100'000 syrische Flüchtlinge soll die Schweiz angesichts des andauernden Bürgerkriegs aufnehmen. Eine unmögliche Forderung, findet sogar Stefan Frey von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe. Nicht nur der Platzmangel, auch die gesellschaftliche Stimmung würden der Forderung im Weg stehen.



Herr Frey, eine Gruppe um Balthasar Glättli fordert, die Schweiz solle 100'000 Flüchtlinge aufnehmen. Was halten Sie davon?
Stefan Frey: Im Prinzip ist die Forderung logisch. Die Schweiz ist ein reiches Land mit einer gut ausgebauten Infrastruktur. Andere Länder wie beispielsweise Libanon drohen angesichts der Flüchtlingsströme aus allen Nähten zu platzen. Wir könnten ihnen helfen. Allerdings handelt es sich bei der Zahl 100'000 natürlich um eine bewusste Provokation. 

Wie meinen Sie das? 
Für 100'000 Flüchtlinge gibt es in der Schweiz unmöglich innerhalb kurzer Zeit Platz. Das wäre auch in einem grösseren Land nicht so einfach. Rechnet man im selben Verhältnis, müsste Deutschland eine Million syrische Flüchtlinge aufnehmen.

Betreibt Herr Glättli Wahlkampfpropaganda? 
Das würde ich nicht sagen. Dass diese Zahl aber als politische Provokation gemeint ist, ist offensichtlich. Wir von der Schweizerischen Flüchtlingshilfe waren übrigens nicht in die Forderung involviert. 

Es gibt also gar nicht Platz für 100'000?
Wenn man keine Zeltstadt im Wankdorf-Stadium will, ja. Heute sind die bestehenden Infrastrukturen bereits permanent am Limit. Es bräuchte sehr viel neuen Raum. Das ist aber im Prinzip ein lösbares Problem.

Gibt es schwerer zu lösende Probleme? 
Ohne pessimistisch zu sein: An diesem Punkt ist unsere Gesellschaft noch lange nicht angekommen. Wenn wir als Schweiz einen solchen Schritt gehen möchten, müsste eine repräsentative Mehrheit dieses Landes zum Ausdruck bringen, dass sie das will. Dabei geht es um viel mehr als logistische oder verwaltungstechnische Fragen. Es müsste eine Art «Common Sense» bestehen, dass die Schweiz angesichts dieser Tragödie reagieren, möglichst viele Syrer retten und ihnen eine Zukunft geben will. Diese Haltung müsste vom Bundesrat bis zum Gemeindepräsidenten von Aarburg vertreten werden. 

«Es müsste eine Art ‹Common Sense› bestehen, dass die Schweiz angesichts dieser Tragödie reagieren, möglichst viele Syrer retten und ihnen eine Zukunft geben will.» 

Heute gibt es jedoch bei fast jedem geplanten Asylheim einen Aufschrei. 
Genau. Vor rund einem Jahr forderte die Caritas in einem offenen Brief die Aufnahme von 5000 syrischen Flüchtlingen. Nicht einmal diese Forderung wurde bis heute vom Bundesrat durchgewunken. Sie macht aber Sinn. So könnte man etappenweise vorgehen und das Prozedere entwickeln. Man kann die Menschen ja nicht einfach nur hierher holen. 

Sondern? 
Erst müssen Unterkünfte, die einem gewissen Standard entsprechen, geschaffen werden, dann kommt die Frage der Integration. 90 Prozent der «vorläufig Aufgenommenen» können erst sehr viel später oder nie mehr in ihr Land zurück. Da muss man langfristig denken: Um diese Menschen nicht von Anfang an den gesellschaftlichen Rand zu drängen, müsste man ihnen Ausbildungs- und Beschäftigungsangebote zur Verfügung stellen. 

Die Flüchtlingshilfe Schweiz fördert auch die private Unterbringung von Flüchtlingen. 
Ja – eine sehr menschliche Art der Integration, die übrigens schon vor Jahrzehnten in der Schweiz praktiziert wurde. Irgendwo zwischen elf Asylgesetz-Revisionen und 20 Jahren SVP-dominierter Asylpolitik ist die private Unterbringung als Asyl-Instrument allerdings verschwunden. Die Wiedereinführung stellt sich nun als unglaublich kompliziert heraus. 

«Irgendwo zwischen elf Asylgesetz-Revisionen und 20 Jahren SVP dominierter Asylpolitik ist die private Unterbringung als Asyl-Instrument allerdings verschwunden.»

Warum? 
In der Schweiz sind die Kantone für die Asylsuchenden verantwortlich. Und jeder Kanton hat sich dabei anders organisiert. Es herrscht auch viel politischer Gegenwind. Grundsätzlich muss der Kanton dazu bereit sein. Mit dem Kanton Waadt starten wir nun in eine Pilotphase.

Bei wie vielen Kantonen ist es auch bald soweit? 
Wir sind mit zwei weiteren auf gutem Kurs. Die reformierte Kirche startete zudem in St.Gallen und Zürich gute Initiativen. Auch im Kanton Tessin gibt es dank privaten Institutionen schon privat Untergebrachte. 

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