Mit der individuellen Besteuerung steigen die Anreize, im Beruf zu bleiben
Die Schweiz altert. In den kommenden Jahren gehen deutlich mehr Menschen in Pension, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachrücken. Die jüngst gestiegene Arbeitslosigkeit mag derweil manche zum Schluss verleiten, der Arbeitskräftemangel wäre vorbei. Doch Wetter ist nicht Klima, und Konjunktur ist nicht Demografie: Mittelfristig kehrt die Knappheit an Arbeitskräften zurück.
Patrick Chuard-Keller ist Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband.
Die zentrale Frage lautet darum nicht, ob wir mehr Arbeitskräfte brauchen, sondern woher sie kommen. Bleibt sie unbeantwortet, drohen weniger Wohlstand, mehr Druck auf die Sozialwerke und höhere Belastungen für Erwerbstätige. Es ist keine Raketenwissenschaft: Wenn weniger Menschen am Wirtschaftskuchen backen und gleichzeitig immer mehr davon essen wollen, schrumpft der Kuchen – und die Stücke werden für alle kleiner.
Fehlanreiz im Steuersystem
Eine Antwort lautet Zuwanderung. Die Schweiz wird auch künftig auf internationale Fachkräfte angewiesen sein. Aber Zuwanderung bringt neben grossem Nutzen auch Belastungen bei Wohnraum und Infrastruktur.
Gerade deshalb müssen wir den inländischen Hebel stärken. Und genau hier bremst uns das heutige Steuersystem. Bei Ehepaaren werden zwei Einkommen zusammengezählt. Der zweite Lohn wird dadurch häufig stark belastet, weil er in eine höhere Progressionsstufe rutscht. Betroffen ist oft das Zweiteinkommen gut ausgebildeter Frauen. Wer das Pensum erhöht oder in den Arbeitsmarkt einsteigt, merkt rasch: Nach Steuern und zusätzlichen Betreuungskosten bleibt vom Mehrverdienst oft zu wenig. Ein Fehlanreiz, der zu weniger Arbeit führt.
Die Individualbesteuerung beseitigt diesen Fehlanreiz. Künftig würde jede erwachsene Person nach dem eigenen Einkommen besteuert. Das Zweiteinkommen wird nicht länger obendrauf belastet, und Arbeit lohnt sich wieder mehr – spürbar und für alle. Schätzungen des Bundes gehen davon aus, dass dadurch 10’000 bis 44’000 zusätzliche Vollzeitstellen entstehen.
Die Individualbesteuerung trägt massgeblich dazu bei, qualifizierte inländische Fachkräfte zu halten und brachliegendes Potenzial zu aktivieren. Heute reduzieren viele gut ausgebildete Zweitverdienende ihr Pensum oder verzichten ganz auf Erwerbsarbeit, weil sich Mehrarbeit finanziell kaum lohnt: Wird jede Person individuell besteuert, steigen die Anreize, im Beruf zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und Weiterbildung zu nutzen. Das stärkt Produktivität, Innovation und sichert dem Arbeitsmarkt langfristig wertvolle Erfahrung. Positive Effekte sind auch bei der Altersvorsorge zu erwarten: Wer mehr arbeitet, erhält im Alter mehr Rentenleistung.
Warnungen vor grösserer Bürokratie sind übertrieben
Klar ist: Die Individualbesteuerung löst den demografischen Arbeitskräftemangel nicht allein. Aber sie ist derzeit die wohl wirksamste Massnahme, die auf dem Tisch liegt. Andere Massnahmen, die ebenfalls helfen könnten – etwa eine Erhöhung des Rentenalters oder die Abflachung der Steuerprogression – stehen derzeit nicht zur Abstimmung. Die Individualbesteuerung hingegen liegt in einer mehrheitsfähigen Fassung vor: Sie ist umsetzbar, wirkt direkt auf die Arbeitsanreize und greift dort, wo heute gebremst wird.
Aber führt die Individualbesteuerung zu mehr Bürokratie und macht den wirtschaftlichen Vorteil wieder zunichte? Diese Sorge klingt zunächst plausibel, hält aber dem Realitätscheck nicht stand. Wer die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und Automatisierung in den letzten Jahren beobachtet hat, kann nicht ernsthaft behaupten, dass ausgerechnet Steuerveranlagungen damit nicht effizienter werden.
An der Abstimmung im März geht es deshalb um mehr als Steuertechnik. Es geht um einen Standortentscheid: Wollen wir Hindernisse für Erwerbsarbeit aus dem Weg räumen, um die einschneidende demografische Entwicklung besser zu bewältigen? Oder halten wir an einer Arbeitsbremse fest, die wir uns nicht mehr leisten können? Die Individualbesteuerung ist kein Wundermittel – aber derzeit die vielversprechendste und effizienteste Massnahme, um den Arbeitskräftemangel zu dämpfen. Sie verdient ein Ja. (aargauerzeitung.ch)
