Schweiz
Gesellschaft & Politik

Abstimmungen 2026: Individual Besteuerung steigert Anreize im Beruf zu bleiben

Mit der individuellen Besteuerung steigen die Anreize, im Beruf zu bleiben

Die Reform räumt ein Hindernis für Erwerbsarbeit aus dem Weg.
27.02.2026, 19:3027.02.2026, 19:30
Patrick Chuard-Keller / ch media

Die Schweiz altert. In den kommenden Jahren gehen deutlich mehr Menschen in Pension, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt nachrücken. Die jüngst gestiegene Arbeitslosigkeit mag derweil manche zum Schluss verleiten, der Arbeitskräftemangel wäre vorbei. Doch Wetter ist nicht Klima, und Konjunktur ist nicht Demografie: Mittelfristig kehrt die Knappheit an Arbeitskräften zurück.

Patrick Chuard-Keller ist Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband.

Patrick Chuard-Keller ist Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband.
Patrick Chuard-Keller ist Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband.Bild: iwp.swiss

Die zentrale Frage lautet darum nicht, ob wir mehr Arbeitskräfte brauchen, sondern woher sie kommen. Bleibt sie unbeantwortet, drohen weniger Wohlstand, mehr Druck auf die Sozialwerke und höhere Belastungen für Erwerbstätige. Es ist keine Raketenwissenschaft: Wenn weniger Menschen am Wirtschaftskuchen backen und gleichzeitig immer mehr davon essen wollen, schrumpft der Kuchen – und die Stücke werden für alle kleiner.

Fehlanreiz im Steuersystem

Eine Antwort lautet Zuwanderung. Die Schweiz wird auch künftig auf internationale Fachkräfte angewiesen sein. Aber Zuwanderung bringt neben grossem Nutzen auch Belastungen bei Wohnraum und Infrastruktur.

Gerade deshalb müssen wir den inländischen Hebel stärken. Und genau hier bremst uns das heutige Steuersystem. Bei Ehepaaren werden zwei Einkommen zusammengezählt. Der zweite Lohn wird dadurch häufig stark belastet, weil er in eine höhere Progressionsstufe rutscht. Betroffen ist oft das Zweiteinkommen gut ausgebildeter Frauen. Wer das Pensum erhöht oder in den Arbeitsmarkt einsteigt, merkt rasch: Nach Steuern und zusätzlichen Betreuungskosten bleibt vom Mehrverdienst oft zu wenig. Ein Fehlanreiz, der zu weniger Arbeit führt.

Die Individualbesteuerung beseitigt diesen Fehlanreiz. Künftig würde jede erwachsene Person nach dem eigenen Einkommen besteuert. Das Zweiteinkommen wird nicht länger obendrauf belastet, und Arbeit lohnt sich wieder mehr – spürbar und für alle. Schätzungen des Bundes gehen davon aus, dass dadurch 10’000 bis 44’000 zusätzliche Vollzeitstellen entstehen.

Die Individualbesteuerung trägt massgeblich dazu bei, qualifizierte inländische Fachkräfte zu halten und brachliegendes Potenzial zu aktivieren. Heute reduzieren viele gut ausgebildete Zweitverdienende ihr Pensum oder verzichten ganz auf Erwerbsarbeit, weil sich Mehrarbeit finanziell kaum lohnt: Wird jede Person individuell besteuert, steigen die Anreize, im Beruf zu bleiben, Verantwortung zu übernehmen und Weiterbildung zu nutzen. Das stärkt Produktivität, Innovation und sichert dem Arbeitsmarkt langfristig wertvolle Erfahrung. Positive Effekte sind auch bei der Altersvorsorge zu erwarten: Wer mehr arbeitet, erhält im Alter mehr Rentenleistung.

Warnungen vor grösserer Bürokratie sind übertrieben

Klar ist: Die Individualbesteuerung löst den demografischen Arbeitskräftemangel nicht allein. Aber sie ist derzeit die wohl wirksamste Massnahme, die auf dem Tisch liegt. Andere Massnahmen, die ebenfalls helfen könnten – etwa eine Erhöhung des Rentenalters oder die Abflachung der Steuerprogression – stehen derzeit nicht zur Abstimmung. Die Individualbesteuerung hingegen liegt in einer mehrheitsfähigen Fassung vor: Sie ist umsetzbar, wirkt direkt auf die Arbeitsanreize und greift dort, wo heute gebremst wird.

Aber führt die Individualbesteuerung zu mehr Bürokratie und macht den wirtschaftlichen Vorteil wieder zunichte? Diese Sorge klingt zunächst plausibel, hält aber dem Realitätscheck nicht stand. Wer die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz und Automatisierung in den letzten Jahren beobachtet hat, kann nicht ernsthaft behaupten, dass ausgerechnet Steuerveranlagungen damit nicht effizienter werden.

An der Abstimmung im März geht es deshalb um mehr als Steuertechnik. Es geht um einen Standortentscheid: Wollen wir Hindernisse für Erwerbsarbeit aus dem Weg räumen, um die einschneidende demografische Entwicklung besser zu bewältigen? Oder halten wir an einer Arbeitsbremse fest, die wir uns nicht mehr leisten können? Die Individualbesteuerung ist kein Wundermittel – aber derzeit die vielversprechendste und effizienteste Massnahme, um den Arbeitskräftemangel zu dämpfen. Sie verdient ein Ja. (aargauerzeitung.ch)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das Ausfüllen der Steuererklärung in leider-ehrlichen Memes
1 / 20
Das Ausfüllen der Steuererklärung in leider-ehrlichen Memes
quelle: watson
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Darum geht es bei der Individualbesteuerung
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
25 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
flugsteig
27.02.2026 19:44registriert Februar 2014
In meinem Fall würde es eher das Gegenteil bedeuten. Ich müsste mein 100% Pensum reduziere und meine Frau von 0 auf was auch immer erhöhen. Zusammen bliebe es aber bei max. 100%
Wenn die Vorlage durchkommt, verdoppeln sich unsere Steuern auf einen Schlag. Das wäre schlicht nicht tragbar mit Status quo.
3812
Melden
Zum Kommentar
avatar
Ameo
27.02.2026 19:54registriert Oktober 2025
Also mich reizt die Arbeit jetzt schon zur genüge!
261
Melden
Zum Kommentar
avatar
Diego de la Vega
27.02.2026 20:07registriert Februar 2026
Die Individualbesteuerung ist eine Mogelpackung. Der Bundesrat verspricht Freiheit, will aber vor allem eines: mehr Steuererträge durch erzwungene Mehrarbeit. Es ist ein staatliches Umerziehungsprogramm, das Familien zwingt, beide Elternteile maximal in den Arbeitsmarkt zu pressen, um die Staatskasse zu füllen. Wer sich für die unbezahlte Erziehung zu Hause entscheidet, wird finanziell abgestraft. Zudem droht ein bürokratisches Monster mit doppelten Steuererklärungen und mehr Staatskontrolle. Am Ende geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Profit auf Kosten der Familien.
3110
Melden
Zum Kommentar
25
Neue Bachelorette Ariel nimmt Stellung zu Flat-Earth-Aussage in Dschungelcamp
Die 22-jährige Ariel ist der Stern am (Schweizer) Reality-TV-Himmel. Nachdem sie sich erst kürzlich bis in die letzten Runden des RTL-Dschungelcamps durchgekämpft und dort mit ihrer polarisierenden Art für Schlagzeilen gesorgt hat, wurde bekannt gegeben, dass sie die neue Schweizerin Bachelorette auf 3+ sein wird.
Zur Story