Schweiz
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Claude Longchamp, Institutsleiter gfs.Bern, informiert die Medien am Dienstag, 3. Oktober 2006, in Zuerich. Eine Mehrheit der Stimmberechtigten spricht sich fuer ein Gesundheitswesen aus, das staerker marktwirtschaftlich ausgerichtet ist. Auch ein Bonus-Malus-System wird begruesst. (KEYSTONE/Alessandro Della Bella)

Politologe Claude Longchamp mit seinem Markenzeichen: der Fliege. Bild: KEYSTONE

Alternativen nach der Fehlanalyse

Welche Herren wollen Longchamp die VOX-Analyse entreissen? 

Der berühmteste Politologe der Schweiz könnte für seine prestigeträchtige VOX-Analyse bald die finanzielle Unterstützung verlieren. Seine Arbeit steht in der Kritik und der Vertrag mit dem Bund läuft im Juli aus. 



Die Kritik an der jüngsten VOX-Analyse reisst nicht ab: Angeblich gingen nur 17 Prozent der Jungen am 9. Februar an die Urne. Falsch, meinen Kritiker und verweisen auf Auszählungen der Stimmzettel im Kanton St. Gallen. Auch methodische Fehler führten zu dem Ergebnis: Die Umfragen liefen über Anrufe auf das Festnetz, junge Bürger sind da massiv untervertreten. 

Seit 27 Jahren analysiert der Mann mit der Fliege die Abstimmungsergebnisse der Schweiz. Finanziell unterstützt vom Bundesrat befragt das GfS Bern von Politologe Claude Longchamp Stimmbürger nach ihrem Abstimmungsverhalten und kassierte dafür im vergangenen Jahr 411'480 Franken.

Damit könnte bald Schluss sein, wie die Bundeskanzlei mitteilt: Sie wird in Kürze entscheiden, ob die Erneuerung des Vertrags mit dem GfS öffentlich ausgeschrieben werden soll. 

Doch wer ist überhaupt in der Lage, eine derart komplexe Umfrage und Analyse durchzuführen? watson hat sich auf die Suche gemacht.

«Wir haben die Möglichkeiten, junge Menschen zu erreichen.»

Urs Aellig, Link Institut.

Link Institut

Bild

Stellvertretender Geschäftsführer Urs Aellig. Bild: Link Institut

Das Link Institut wäre interessiert: «Ja, wir können und wollen die VOX-Analyse durchführen. Wenn der Bund die Untersuchung ausschreibt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass wir uns bewerben», erklärt der stellvertretende Geschäftsführer Urs Aellig auf Anfrage von watson. Als grösstes Institut habe das Link Institut optimale Ressourcen, um die VOX-Analyse zu stemmen, so Aellig. Auch eine Zusammenarbeit mit Universitäten sei «eine denkbare Option». 

Konkrete Pläne, was das Link Institut anders machen würde, lässt sich Aellig nicht entlocken. Immerhin: «Das GfS zieht seine Stichprobe aus den eingetragenen Festnetzanschlüssen: Mittlerweile sind über 20 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer nicht mehr über einen eingetragenen Festnetzanschluss erreichbar, insbesondere junge Personen. Wir wissen aus verschiedenen Studien, dass sich diese Personen deutlich unterscheiden können. Wir haben Möglichkeiten entwickelt und erfolgreich eingesetzt, wie auch diese jungen Menschen erreicht werden.»

Isopublic (+ Ringier?)

Auch das Umfrageinstitut Isopublic will sich um den prestigeträchtigen Auftrag bewerben. Das Interesse besteht schon länger: «Ich finde es eine Sauerei, dass der Vertrag mit Longchamp immer wieder stillschweigend verlängert wurde, da es sich um Steuergelder handelt und WTO-Richtlinien gelten. Das GfS Bern ist nicht das einzige Institut, welches das kann», sagt Geschäftsführer Matthias Kappeler.

Bild

Geschäftsführer Mathias Kappeler. Bild: Isopublic

«Ich finde es eine Sauerei, dass der Vertrag mit Longchamp immer wieder stillschweigend verlängert wurde.»

Matthias Kappeler, Geschäftsführer Isopuplic. 

Nicht bestätigen wollte Kappeler das Gerücht, wonach Isopublic und Ringier aus kommerziellen Gründen bei einer neuen VOX-Analyse gemeinsame Sachen machen wollen: «Davon habe ich nichts gehört. Wenn eine Anfrage von Ringier vorliegt, werden wir aber wie mit allen potenziellen Auftraggebern Gespräche führen.» 

Ähnlich wie das Link Institut will auch Kappeler die Jungen stärker in die Umfragen einbinden. «Die Details der VOX-Befragung sind mir nicht bekannt. Durch das, was ich gelesen und gehört habe, sehe ich generell Verbesserungspotential im Bereich der Stichprobe, zum Beispiel bei Personen, welche nicht mehr über einen eingetragenen Festnetzanschluss verfügen.»

Demoscope

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Roland Huber, Chef von Demoscope. Bild: zvg

«Auf jeden Fall wollen wir die Wahl- und Abstimmungs-Nachbefragung durchführen.» So tönt es von Geschäftsführer Roland Huber des dritten grossen Schweizer Umfrageinstituts Demoscope. Dass es die VOX-Analyse auch in Zukunft gebe, bezweifelt Huber. «Die VOX ist geistiges Eigentum von Longchamps Firma.»

«Auf jeden Fall wollen wir die Wahl- und Abstimmungs-Nachbefragung durchführen»

Roland Huber, Geschäftsführer Demoscope.

Roland Huber hat schon klare Vorstellungen, wie die Nachbefragung seines Institus aussehen könnte. Wie bei der grossen Wahlstudie Selects würde Demoscope zum Beispiel mit dem Forschungszentrum Fors zusammenarbeiten und alle Abläufe und Daten offen legen. Es sei wichtig, grösstmögliche Transparenz und wissenschaftliche Unabhängigkeit zu bieten. 

Zudem wolle Demoscope bei der Befragung neue Wege gehen: «Damit wir die Teilnahmebereitschaft der Jungen steigern können, bieten wir neue Möglichkeiten zur Partizipation. Zum Beispiel übers Smartphone, Online-Tools oder eine Rückruffunktion. So können die von uns kontaktierten Zielpersonen selber bestimmen, wie und wann sie an der Umfrage teilnehmen möchten», so Huber.

Politgeograf Michael Hermann

«Longchamps Job interessiert mich nicht, ich bin kein Umfrageinstitut»

Michael Hermann

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Michael Hermann, der Politikvermesser. Bild: Keystone

«Longchamps Job interessiert mich nicht, ich bin kein Umfrageinstitut», sagt hingegen Michael Hermann, Politgeograf der Universität Zürich. Longchamps GfS Bern führt die Umfragen durch, die politologischen Institute der Universitäten Bern, Zürich und Genf analysieren anschliessend die Ergebnisse. An dieser analytischen Aufgabe hat Hermann durchaus Interesse. Dass es nur wenige Alternativen zum GfS Bern gebe, ist gemäss Hermann nicht Longchamps Problem. Die anderen Umfrageinstitute wie Demoscope, Isopublic oder Link seien «da herausgefordert».

Fazit: Es gibt Alternativen und Interessenten. Ob sie tatsächlich besser sind als Longchamp, ist eine andere Frage.

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5Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • seismo_graf 22.04.2014 18:18
    Highlight Highlight Link & Demoscope werden die Ausschreibung (wenn es hoffentlich überhaupt soweit kommt) unter sich ausmachen. Frisches Blut tut gut! Longchamp sollte mal ein paar Jahre Ferien machen. Könnte ja mit Brotz nach Österreich auf eine Alm und die Eurofighter beobachten?
  • kEINKOmmEnTAR 22.04.2014 17:24
    Highlight Highlight demoscope tönt für mich am besten
  • chuenel 22.04.2014 17:03
    Highlight Highlight Frage ? Braucht es eigentlich Umfragen bei Abstimmungen. Das sind doch Geldvernichtungseinrichtungen. Wer will dieselben überhaupt.
    Also wer ist interessiert ? Der Staat ? Die Parteien ?
    • Moritz Zumbühl 22.04.2014 19:22
      Highlight Highlight braucht es eigentlich die Demokratie? Oder kostet die nicht auch einfach zu viel? Sollen sich solche Umfragen einfach die reichen oder grossen Firmen leisten können? (siehe USA)

      Klar brauchen wir solche Umfragen!!!
    • Michèle Seiler 22.04.2014 23:40
      Highlight Highlight Richtig. Wir brauchen sie, weil die Entwicklung eines Lands und der Welt eine komplexe Sache ist und es nicht genügt, einfach nur "Ja." oder "Nein." zu sagen, um eine nachhaltig positive Entwicklung zu gewährleisten, sondern man die Entscheidung analysieren muss.

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