Nach tödlichem Unfall: Stimmen für jährliche Fahrtests für Senioren werden laut
Der Verkehrsmediziner betont: «Es darf keine Rolle spielen, ob jemand Mühe hat, ohne Motorfahrzeug Lebensmittel zu besorgen. Geklärt werden muss allein die Frage: Ist jemand fahrgeeignet oder nicht?» Man könne Restriktionen verhängen, ohne dass jemand das Billett ganz abgeben müsse. «Zum Beispiel können die Behörden anordnen, dass ein älterer Fahrzeuglenker nur noch auf bestimmten Strecken unterwegs sein oder sich in der Nacht nicht ans Steuer setzen darf – weil er in der Nacht schlecht sieht.»
Der 87-jährige Autolenker hatte offenbar das Brems- mit dem Gaspedal verwechselt.
Nach dem schweren Unfall drängt sich die Frage auf: Ist das Risiko nicht zu gross, wenn Personen im Alter von 87 Jahren am Steuer eines Autos sitzen? Muss die Bevölkerung mögliche Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit hinnehmen?
In einem Jahr 28 Unfälle, bei denen ein Todesopfer zu beklagen war
Die Bedenken werden genährt von der Statistik: Junge sowie alte Lenker verursachen überdurchschnittlich häufig Verkehrsunfälle; bei Verkehrsteilnehmern im mittleren Alter hingegen liegt das Risiko niedriger.
Neue Zahlen des Bundesamts für Strassen zeigen: Im Jahr 2025 gab es 5505 Unfälle mit mindestens einem Personenwagen, dessen Lenker 70 Jahre oder älter und der Hauptverursacher war. 2024 lag die entsprechende Zahl bei 5017 Unfällen. Der Anstieg beträgt also fast 10 Prozent.
Lenker zwischen 18 und 24 Jahren verursachten weniger Unfälle, es sind deren 4900. Bei zehn von ihnen kamen Menschen ums Leben. Lenker über 70 verursachten 28 Unfälle, bei denen ein Todesopfer zu beklagen war.
Diese Daten schrecken auf. Zumal das Bundesparlament 2018 beschloss, die Altersgrenze für die obligatorische medizinische Abklärung der Fahreignung von 70 auf 75 Jahre anzuheben. Die Änderung wurde 2019 eingeführt.
Die Zahl der über 75-Jährigen, denen der Führerausweis wegen fehlender körperlicher Eignung entzogen wird, steigt. 2020 waren es 2028, im vergangenen Jahr bereits 4239. Damit dürfen immer mehr ältere Menschen kein Fahrzeug mehr lenken – obwohl sie es möchten.
Das ändert aber nichts daran, dass Senioren überdurchschnittlich viele Unfälle verursachen – wie vergangene Woche in Sedrun. Ist es an der Zeit, die Vorschriften zu verschärfen? Ja, findet ein Verkehrsmediziner. Ja, findet auch Pro Senectute, die grösste Fach- und Dienstleistungsorganisation für ältere Menschen in der Schweiz.
Der Verkehrsmediziner Rolf Seeger erachtet es als bedauerlich, dass ein eintägiger Kurs für Hausärzte nicht verpflichtend eingeführt worden sei. «Die Schulung hätte gezeigt, worauf bei der ärztlichen Kontrolle der Fahreignung zu achten ist.»
Wäre es gut, von einem bestimmten Alter an ein generelles Fahrverbot zu verhängen? Nein, meint Seeger. Aber die kognitiven Einschränkungen nähmen ab dem 80. Altersjahr zu. «Es wäre richtig, ab 80 den Eignungstest jährlich statt alle zwei Jahre durchzuführen. Das würde zu einer Erhöhung der Verkehrssicherheit beitragen.»
Hilfreich wären auch praktische Kontrollfahrten, die gegenwärtig in der Schweiz aber nur selten durchgeführt würden. Es wäre nach Ansicht Seegers wünschenswert, wenn speziell ausgebildete und dafür lizenzierte Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer diese Aufgabe übernehmen oder ergänzen könnten.
Auch Restriktionen wie Nachtfahrverbote werden verhängt
Der Verkehrsmediziner betont: «Es darf keine Rolle spielen, ob jemand Mühe hat, ohne Motorfahrzeug Lebensmittel zu besorgen. Geklärt werden muss allein die Frage: Ist jemand fahrgeeignet oder nicht?» Man könne Restriktionen verhängen, ohne dass jemand das Billett ganz abgeben müsse. «Zum Beispiel können die Behörden anordnen, dass ein älterer Fahrzeuglenker nur noch auf bestimmten Strecken unterwegs sein oder sich in der Nacht nicht ans Steuer setzen darf – weil er in der Nacht schlecht sieht.»
Der Sprecher von Pro Senectute, Peter Burri Follath, erklärt: «Mit dem Eintritt ins Pensionsalter von 65 Jahren haben Menschen in der Schweiz im Durchschnitt noch rund 14 gesunde Lebensjahre vor sich. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Individualverkehrs regt Pro Senectute jedoch an, die Fahreignung in klar definierten Fällen alternierend in der Arztpraxis und am Steuer jährlich zu überprüfen. Das erhöht die Verkehrssicherheit.»
Es herrscht Einigkeit: Eignungstest ab 80 jährlich statt im Zweijahresrhythmus. Und der Test soll nicht nur in der Arztpraxis, sondern auch im Fahrzeug stattfinden.
Am Zug sind jetzt Bundespolitiker. Ältere Personen beteiligen sich überdurchschnittlich an Wahlen und Abstimmungen. Wer die Regeln für Autolenker verschärft, könnte einen Teil des Elektorats vor den Kopf stossen. Die Unfallzahlen sprechen aber dafür, dass die Fahrtüchtigkeit von Senioren verstärkt überprüft wird. (aargauerzeitung.ch)

